Papst Benedikt XVI. schweigt weiter zu den Missbrauchsfällen an katholischen Einrichtungen in Deutschland, nachdem er nun auch persönlich ins Blickfeld gerückt ist.
Am Sonntag ließ das Kirchenoberhaupt beim traditionellen Angelus-Gebet in Rom die Gelegenheit verstreichen, auf den Skandal einzugehen. Sonst spricht der deutsche Papst bei dem Gebet am Ende der Messe durchaus aktuelle Ereignisse an.
Erst am Freitag war bekanntgeworden, dass in Joseph Ratzingers Amtszeit als Erzbischof von München ein Priester nach Missbrauchsvorwürfen von Essen nach München versetzt worden war. In Bayern verging sich der Priester erneut an minderjährigen Jungen.
Während der Papst zu den Missbrauchsfällen schwieg, forderte Hamburgs Erzbischof Werner Thissen einen offenen Umgang mit dem Skandal. Thissen sagte am Sonntag in einer vom ZDF übertragenen Predigt, dass die Kirche gesündigt und das Vertrauen enttäuscht habe. Dies müsse man aufarbeiten.
„Denn alles, was unter den Teppich gekehrt wird, das fault, stinkt und verpestet die Atmosphäre. Das hat’s ja nun viel zu lange gegeben.“
Nach Ansicht der Reformbewegung „Wir sind Kirche“ ist eine Entschuldigung von Benedikt XVI. überfällig.
„Auch kirchentreue Katholiken verstehen das Schweigen des Papstes nicht“, sagte „Wir sind Kirche“-Sprecher Christian Weisner am Sonntag der Deutschen Presse-Agentur dpa in München. „Damit hat Benedikt die Chance eines einfühlsamen Wortes leider abermals vertan.“
Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, hatte am Freitag bei einer Audienz mit dem Papst über die Missbrauchfälle gesprochen. Danach drang lediglich an die Öffentlichkeit, dass Benedikt XVI. sehr erschüttert sei. Vatikan sieht Kampagne gegen den Papst
Der Vatikan wehrte Vorwürfe gegen Benedikt an. „In den letzten Tagen gab es einige, die mit einer gewissen Verbissenheit in Regensburg und in München nach Elementen gesucht haben, um den Heiligen Vater persönlich in die Missbrauchs-Fragen mit hineinzuziehen“, kritisierte Vatikan-Sprecher Federico Lombardi am Samstag in Rom. Für jeden objektiven Beobachter sei aber klar, „dass diese Versuche gescheitert sind“.
In Regensburg geht es um Missbrauchsfälle bei den Domspatzen, die Benedikts Bruder Georg Ratzinger von 1964 bis 1994 geleitet hatte. In dem jüngsten Münchner Fall sei deutlich, dass der damalige Münchner Erzbischof Joseph Ratzinger nichts zu tun gehabt habe mit Entscheidungen, „nach denen es später dann zu den Missbräuchen kommen konnte“, betonte der Papst-Sprecher.
Die Reformbewegung „Wir sind Kirche“ sieht dagegen weiteren Erklärungsbedarf zu Joseph Ratzingers Zeit als Münchner Erzbischof 1977 bis 1982.
Ihr Sprecher Weisner widersprach der Darstellung des Münchner Erzbistums, dass der frühere Generalvikar Gerhard Gruber für diesen Fall die „volle Verantwortung“ trage. Die eigentliche und letzte Verantwortung habe bei Joseph Ratzinger gelegen, betonte er.
dpa
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