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Artikel vom Donnerstag, 11. Februar 2016

Dolomiten-Pässe: Der Weg zur Sperre ist frei

Läuft alles wie immer, kriecht in wenigen Monaten wieder eine Blechkolonne übers Sellajoch. Doch der Sommer 2016 soll anders werden: Zum ersten Mal überhaupt soll der Pass zeitweise gesperrt werden. Die rechtliche Grundlage ist nun da. Und notwendig: Der Titel „UNESCO-Weltnaturerbe“ steht auf dem Spiel.

Foto: shutterstock

Südtirol Online: Herr Zerzer, der Ministerrat in Rom hat die Durchführungsbestimmung für verkehrsbeschränkende Maßnahmen zum Schutz von Umwelt und Landschaft genehmigt. Somit ist der Weg zur Sperre der Pässe frei. Die nächsten Schritte?
Florian Zerzer, Direktor des Ressorts Raumentwicklung, Umwelt und Energie und Leiter der Arbeitsgruppe „Dolomitenpässe“: Unserer Arbeitsgruppe – dort sitzen Gemeinden und Landesressorts an einem Tisch – wird sich in Kürze mit den Trentiner Kollegen treffen. Auch die Landeshauptleute werden bei dem Treffen anwesend sein. Dort wollen wir definitiv festlegen, was für 2016 umsetzbar ist, und gemeinsame Maßnahmen definieren. Ein Pilotprojekt fürs Sellajoch gibt es schon seit längerem.

STOL: Das heißt: Erste verkehrsberuhigende Maßnahmen sollen erst am Sellajoch getestet werden und dann auf die anderen Pässe im Land ausgeweitet werden.
Zerzer: Genau. Wir, als Arbeitsgruppe, haben bisher den Auftrag, ein Pilotprojekt fürs Sellajoch auszuarbeiten. Wir sollen uns überlegen, was für 2016 angedacht werden kann, wie die Maßnahmen ausgeweitet werden können, was die Schwierigkeiten dabei sein könnten. Auch das Thema öffentliche Mobilität steht auf dem Plan: Angedacht wäre, dass Elektro- und Wasserstoffbusse eingesetzt werden. Aber das muss natürlich alles erst getestet werden.

STOL: Wird das Sellajoch bereits in diesem Sommer verkehrseinschränkende Maßnahmen erleben?
Zerzer: Wir wollen auf jeden Fall starten. Es gibt einen Vorschlag, der sogenannte „Fenster-Schließungen“ vorsieht. Doch es geht dabei nicht nur darum, eine Schranke aufzustellen. Es gilt, die Bürger zu informieren und sicherzustellen, dass sie trotzdem noch verkehren können, wenn es berechtigte Ansprüche dafür gibt.

STOL: Wie genau sieht die „Fenster-Schließung“ aus?
Zerzer: Wir haben den Gemeinden eine circa dreistündige Schließung der Pässe für Juli und August vorgeschlagen: von 11 bis 14 Uhr oder von 12 bis 15 Uhr. Für diese Maßnahmen brauchen wir einige Monate Vorlaufzeit. Geplant ist ein Kreisverkehr oberhalb von Plan de Gralba.

STOL: Und wann sollen andere Pässe folgen?
Zerzer: Unsere Idee wäre, heuer mit Sellajoch zu beginnen und die Maßnahmen nächstes Jahr auf andere Pässe auszudehnen.

STOL: Innerhalb 2016 will die UNESCO ihre Auflagen für das Südtiroler Weltnaturerbe erfüllt sehen. Dazu zählt auch ein nachhaltiges Mobilitätskonzept. Ist man 2017 damit nicht zu spät dran?
Zerzer: Bei der UNESCO-Inspektion im Spätsommer müssen wir gewisse Planungen vorlegen können. Wir müssen Nachweise bringen, dass wir in dieser Hinsicht aktiv sind. Das heißt aber nicht, dass innerhalb 2016 schon alles umgesetzt sein muss. Auch die UNESCO wird zur Kenntnis nehmen, dass wir erst eine entsprechende Norm schreiben mussten, die vom Staat angenommen werden musste.

STOL: Seit 2009 tragen die Dolomiten den Titel „UNESCO-Weltnaturerbe“. Waren 7 Jahre nicht Zeit genug?
Zerzer: Es geht nicht um das Verkehrskonzept allein. Die UNESCO schreibt viele Konzepte vor: für Mobilität, für Besucherlenkung, für eine gemeinsame strategische Führung. Es ist nicht so, als hätten wir bisher nichts getan.

STOL: Genügen die Bemühungen nicht, könnte die UNESCO den Titel „UNESCO-Weltnaturerbe“ wieder aberkennen. Wie konkret sehen Sie diese Gefahr?
Zerzer: Es bin absolut der Meinung, dass wir noch einiges tun müssen und auch zum Thema Verkehrsberuhigung eine glaubwürdige Strategie vorlegen müssen. Die IUCN (Abkürzung für International Union for Conservation of Nature and Natural Resources; führt die Inspektion im Spätsommer durch) hat bereits bewiesen, dass sie nicht nur droht, sondern tatsächlich die Titel auch wieder aberkennt. Das wollen wir vermeiden. Aber ich glaube nicht, dass für den Südtiroler Titel eine imminente Gefahr vorliegt.

Interview: Petra Gasslitter 

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