© 2010 STOL Ötzi. © Südtiroler Archäologiemuseum
© 2010 STOL Ötzi. © Südtiroler Archäologiemuseum
Eine vergangene Woche von einem Forscher aus Rom vorgestellte Theorie, nach der Ötzi, der Mann aus dem Eis, nicht am Gletscher starb, sondern erst später zur Bestattung dorthin gebracht wurde, wird von vielen Ötzi-Forschern abgelehnt.
Das Archäologiemuseum in Bozen legt eine Stellungnahme der Iceman-Forschung zur Ötzi-Bestattung vor, um die These des Archäologen Alessandro Vanzetti von der Universität „La Sapienza“ in Rom zu widerlegen.
Er und seine Mitautoren rekonstruieren in seinem Artikel „The Iceman as a burial“ (erschienen in „Antiquity“ 84/2010) die räumliche Lage des Mannes aus dem Eis an seiner Fundstelle am Tisenjoch in Südtirol.
Daraus und aus botanischen Untersuchungen zieht er den Schluss, dass Ötzi nicht am Unfallort umkam, sondern im Frühjahr innerhalb seiner Tal–Gemeinschaft verstorben war und erst im September auf das Tisenjoch gebracht und dort bestattet wurde.
Vanzettis Szenario, das auch in der Vergangenheit schon mehrfach diskutiert wurde, weise in der Argumentationskette und in der archäologischen Verortung grundlegende Schwächen auf, so die Iceman–Forscher.
Sie sehen Pollen und das Verteilungsmuster der Beifunde nicht dazu geeignet, die Todesursache, eventuelle Körperveränderungen nach dem Tode oder Bestattungsriten zu belegen.
Aus archäologischer Sicht sei zu bemerken, dass die Auffindung einer Leiche aus der Kupferzeit auf dem Tisenjoch einmalig sei, heißt es aus dem Archäologiemuseum.
Es gebe zwar rituelle Bestattungen auf Bergen oder in Höhenlagen bei südamerikanischen Kulturen, doch seien im Alpenraum keine vergleichbaren Fälle bekannt.
Im Gegenteil, während der Kupferzeit habe es hier reguläre Bestattungsorte in Siedlungsnähe gegeben.
Selbst wenn sehr komplexe Bestattungsriten (Einzel–, Kollektivgräber, Primär–, Sekundärbestattung, Körper–, Brandbestattung) vorlagen, gebe es keine Hinweise auf so siedlungsferne Bestattungsorte.
Die Stellungnahme des Südtiroler Archäologiemuseums zur „Bestattungstheorie“ des Mannes aus dem Eis ist unterzeichnet von Dr. med. Eduard Egarter Vigl, Primar i.R. für Pathologie am Regionalkrankenhaus Bozen und Konservierungsbeauftragter des Mannes aus dem Eis (I), Dr. Angelika Fleckiger, Archäologin, Direktorin des Südtiroler Archäologiemuseums Bozen (I), Dr. med. Paul Gostner, Radiologe, Primar i.R. für Radiologie am Regionalkrankenhaus Bozen (I), Dr. Günther Kaufmann, Archäologe, Konservator am Südtiroler Archäologiemuseum Bozen (I), Ao. Univ.–Prof. Dr. Walter Leitner, Archäologe, Leiter des Instituts für Archäologien, Universität Innsbruck (A), Ao. Univ.–Prof. Dr. Klaus Oeggl, Botaniker, Institut für Botanik an der Universität Innsbruck (A) und PD Dr. Albert Zink, Molekularbiologe und Paläopathologe, Leiter des EURAC–Instituts für Mumien und den Iceman Bozen (I).
Die Gegenargumente
Zu Vanzettis ethnohistorischer Argumentation, dass in Tirol Menschen nach ihrem Tod aufbewahrt und erst nach der Schneeschmelze über die Jöcher in Friedhöfe getragen wurden, erinnern die Archäologen daran, dass dies mit dem System der christlichen Friedhofskirchen und den Grundherrschaftsstrukturen des Mittelalters zu erklären sei.
In diesen Fällen wurden die Toten sobald als möglich auf ihrem kirchenrechtlich zugehörigen Friedhof bestattet. Ziel war es dabei allerdings, die Toten zum Friedhof im Dorf zu bringen und nicht vom Dorf auf den Berg. Lediglich für das Aufbewahren von Leichen gebe es somit eine Analogie aus christlichen Zeiten.
Für die Kupferzeit, in der Ötzi gelebt hat, könne die Transport–Analogie nur als Spekulation gelten, so die Bozner Ötzi-Forscher.
Wäre der Mann aus dem Eis, wie in Vanzettis Artikel beschrieben, im April in einer Tallage gestorben und erst im September auf den Berg gebracht worden, müssten auch trotz Mumifizierungsversuchen stärkere Dekompositionsprozesse sowie Insektenbefall nachweisbar sein.
Da diese fehlten, gehe man davon aus, dass die Leiche zwar viel von seiner Körperfeuchtigkeit verloren haben müsse, aber nach kürzester Zeit eingefroren und von einer Schnee– oder Eisdecke geschützt worden sei.
Diese spezielle Situation habe zu der weltweit einzigartigen Mumifizierung des Mannes aus dem Eis geführt, bei der Feuchtigkeit im Gewebe erhalten geblieben sei.
Seine Feuchtkonservierung beruhe auf einem Gefriertrocknungsprozess und sei nicht mit einer Trockenmumifizierung zu erklären, wie Vanzetti mutmaßt.
Wichtigster forensischer Beleg dafür, dass der Verlust von Körperfeuchtigkeit sich nicht anderswo als an der Fundstelle hat vollziehen können, sei die Position des linken Armes und der ununterbrochene Blutstrom von der verletzten Arterie durch den Schusskanal hinaus bis an die Haut.
Dieser Befund belege zweifelsfrei, dass die Lage des Armes exakt die Todeslage sei. Diese sei noch bei funktionierendem Kreislauf zustande gekommen. Bei Nachlassen der Leichenstarre sei es leicht gewesen, den Arm an den Körper anzulegen.
Vanzetti behauptet dagegen, dass der Körper intakt auf dem Gletscher bestattet wurde und erst während der Gletscherschmelze den Hang hinunter rutschte. Dabei habe sich der Arm in die bekannte Stellung vor der Brust gedreht.
Dies ist für die Forscher undenkbar wenn, wie die Autoren zuvor behaupten, Ötzi schon ein paar Monate vorher gestorben war und mumifiziert wurde.
Damit könne der steife Arm gar nicht mehr in seine Position gebracht werden, ohne ihn oder die Schulter erheblich zu beschädigen.
Alle Gelenke des Mannes aus dem Eis seien in anatomisch korrekter Position. Ein Transport der intakten Mumie auf den Gletscher sei damit ausgeschlossen.
Wichtiger Bestandteil in Vanzettis Beweisführung von einer Berg–Bestattung im Herbst sind Ötzis Pollenanalysen von der Universität Innsbruck, doch gebe es Ungereimtheiten im zeitlichen Ablauf des vom ihm vermuteten Bestattungsvorgangs.
Nur ein Detail: Pollen–Analysen aus aufgetautem Eis können nicht als Beweismittel für eine Herbstbestattung herangezogen werden.
Wenn nämlich die Fundgegend aufgetaut sei, was die Autoren auch annehmen, dann würden die Pollen nicht mehr in der originalen Schichtung vorliegen.
Die Argumente für eine von Vanzetti und seinen Mitautoren vermutete Bestattung am Gletscher überzeugten deshalb weder archäologisch, noch naturwissenschaftlich, so die oben genannten Forscher.
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