Werbung - Redaktion - Donnerstag, 17. Mai 2012
27. September 2011
Vielen Jugendlichen bereitet das Lesen kein Vergnügen. © 2011 shutterstock Vielen Jugendlichen bereitet das Lesen kein Vergnügen.
Lokal

PISA: Hälfte der Südtiroler Jugendlichen liest nicht in Freizeit

Südtirols Jugendliche sind nicht gerade Leseratten: Nur die Hälfte der 15-Jährigen liest aus Spaß an der Sache. Dem Rest bereitet das Lesen kein Vergnügen.

„Höhere Lesefreude ist ein Indikator für eine bessere Leseleistung“, erläuterte Franz Hilpold am Dienstag anlässlich der Präsentation detaillierter Ergebnisse zur PISA-Studie 2009.

Der Koordinator der Dienststelle für Evaluation für die deutsche Schule bot bei der Tagung in der EURAC einen tieferen Einblick in das Leseverhalten der Südtiroler Jugendlichen.

PISA 2006 vs. 2009: Leseleistungen gingen zurück

Zur Erinnerung: Südtirol hat bei der PISA-Studie 2009 schlechter abgeschnitten als noch 2006. Bildungslandesrätin Sabina Kasslatter Mur sprach bei der Präsentation der Ergebnisse im Dezember 2010 von einem „Dämpfer“, den Südtirols Bildungswelt bekommen habe.

Im Zentrum von PISA 2009 stand die Lesekompetenz (im Dreijahresrhythmus wird zwischen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften gewechselt).

Lagen die Südtiroler 15-Jährigen vor wenigen Jahren noch im Spitzenfeld, so erzielen sie heute bei der Lesekompetenz nur noch Durchschnittswerte.

Südtirol erreicht 490 Punkte und liegt damit drei Punkte unter dem OECD-Schnitt (493) und hinter dem deutschen Ergebnis (497), aber vor Italien (486). An der Spitze liegen Shanghai, Südkorea, Finnland, Hongkong und Singapur.

Bei PISA 2006 erreichte Südtirol 502 Punkte.

„Bemerkenswerterweise erzielen das Trentino und der Nordosten Italiens Ergebnisse über dem OECD-Durchschnitt“, erklärte Bernhard Hölzl, Evaluationsexperte der Dienststelle für Evaluation für die deutsche Schule, am Dienstag.

In Sachen Lesekompetenz liegen die deutschsprachigen Schulen mit 494 Punkten vor den italienischsprachigen mit einer Punktezahl von 474. Hölzl dazu: „Das ist ein Unterschied, der statistisch nicht signifikant ist.“

Ausgeprägter ist der Unterschied bei einer geschlechterdifferenzierten Betrachtung: „In allen teilnehmenden Ländern war beim Lesen eine Überlegenheit der Mädchen festzustellen“, erklärte Hölzl. In Südtirol liegt die Differenz bei 43 Punkten (-47 an deutschen, -25 an italienischen Schulen).

Besser abschneiden konnte Südtirol in den Bereichen mathematische (Südtirol 507 Punkte, OECD-Schnitt 496 Punkte) und naturwissenschaftliche Grundbildung (Südtirol 513 Punkte, OECD-Schnitt 501 Punkte).

Wenig Lesefreude

Im Zuge der PISA-Studie wurden nicht nur Leistungen bewertet, sondern auch Hintergründe und Rahmenbedingungen erhoben. Dadurch sollen Zusammenhänge aufgezeigt werden können - so etwa jener zwischen Leseverhalten und Leseleistung.

Schaut man sich die Daten zu Südtirols 15-Jährigen an, so sehen diese nicht gerade rosig aus: 48 Prozent der Befragten gibt an, nicht zum Vergnügen zu lesen.

Etwa jeder vierte Jugendliche (24,1 Prozent) liest weniger als 30 Minuten am Tag zum Vergnügen, 14,7 Prozent zwischen einer halben Stunde und einer Stunde und zehn Prozent ein bis zwei Stunden am Tag.

3,3 Prozent der Befragten lesen täglich mehr als zwei Stunden zum Vergnügen.

Einen großen Unterschied gibt es bei den Sprachgruppen: Italienische Jugendliche lesen in der Freizeit lieber als deutschsprachige. Während die italienischen Schüler zu 26,5 Prozent angaben, nicht zum Vergnügen zu lesen, waren es bei den deutschen Schulen 53,5 Prozent.

Mehr Lesefreude wirkt sich laut PISA-Studie positiv auf die Lesekompetenz aus. Laut Franz Hilpold macht für Südtirol der Faktor Lesefreude 18 Prozent der Leseleistung aus. Dabei ist der positive Einfluss bei den deutschsprachigen Jugendlichen deutlich größer (22 Prozent) als bei den italienischsprachigen (14 Prozent).

Viel Zeitschriften und wenig Belletristik

Auch die Art der Lektüre kann die Lesekompetenz beeinflussen: Den größten Einfluss hat, wie aus der PISA-Studie hervorgeht, dabei das Lesen von Belletristik.

In Südtirol beträgt der Leseleistungsunterschied zwischen Belletristik-Konsumenten und Belletristik-Uninteressierten bei 72 Punkten (OECD-Schnitt: 53 Punkte).

Bei Südtirols Jugendlichen liegt Belletristik allerdings auf den hinteren Rängen (27 Prozent). Am liebsten werden Zeitschriften (64 Prozent) sowie Tageszeitungen (71 Prozent) gelesen. Weit hinten sind Sachbücher (16 Prozent) und Comics (14 Prozent).

In den deutschen Schulen bevorzugen Buben meist Sachbücher (23 Prozent), Mädchen eher Belletristik (37 Prozent). Bei Comics liegen ebenfalls die Buben vorne (14 Prozent), bei Zeitschriften die Mädchen (68 Prozent). Bei den Tageszeitungen liegen Buben und Mädchen an deutschen Schulen gleichauf (77 Prozent).

Jugendliche, die an vielfältigen Lesestoffen interessiert sind, könnten laut Hilpold am ehesten ihre Lesekompetenz beeinflussen. Einen schwach negativen Zusammenhang gibt es hingegen bei Comics.

Auswendig lernen nutzt am wenigsten

Einen Zusammenhang haben die Macher der PISA-Studie auch zwischen Lernstrategie und Leseleistung erhoben. Allerdings lassen sich lediglich Tendenzen feststellen.

So sind „Auswendiglerner“ (Wiederholungsstrategie) in vielen Ländern die schwächeren Leser.

Am stärksten wirkt sich die sogenannte Kontrollstrategie auf die Leseleistung aus: Diese Art des Lernens ist von einer selbstkritischen Überprüfung, ob der Inhalt verstanden worden ist, gekennzeichnet.

Lehrkräfte und Elternhaus sind gefragt

Es sei die Aufgabe aller Lehrkräfte, darauf Wert zu legen, „dass in ihrem Fach genügen und gründlich gelesen wird“, hob Bernhard Hölzl hervor. Besonders in den literarischen Fächern solle noch mehr für das Lesen geworben werden.

Bei der Ursachenanalyse sei aber auch zu beachten, dass nur wenige Jugendliche in der Freizeit zum Vergnügen lesen. „Hier ist die Schule auch auf die Eltern angewiesen.“

Barbara Raich


© 2011 APA/AFP




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