Wer hat nicht schon einmal von ihm gehört: Dem reichen Onkel aus Amerika, der gestorben ist und einen Haufen Geld hinterlassen hat? Die Geschichte riecht förmlich nach Lüge, und doch fallen immer wieder Personen auf diesen Trick herein – die Nr. 6 in der Liste der häufigsten Betrügereien in Südtirol.
„Man kann eigentlich nicht verstehen, wie jemand auf diesen Trick hereinfallen kann. Aber in 99 Prozent der Fälle hat der Betrüger damit Erfolg und lässt die Falle zuschnappen“, weiß Polizist Ugo Lazzara. Auch bei diesem Trick seien die Opfer meist ältere Menschen.
Alles beginnt damit, dass das Opfer auf der Straße vom Betrüger – dies kann ein Mann oder eine Frau sein – angesprochen wird. „Meist kommt die Person mit einem Auto daher und hat einen ausländischen Akzent – französisch, englisch o.ä.“, weiß Lazzara.
Der Betrüger fragt nun sein Opfer, wo er ein Krankenhaus bzw. einen bestimmten Arzt X finden kann. Er suche diesen Arzt, sein kürzlich verstorbener Vater nämlich habe ihm aus Dankbarkeit eine große Geldsumme vererbt.
Komplizin erweckt Anschein einer zufälligen Situation
Da es sich beim Arzt X um eine fiktive Person handelt, kann das Opfer ihn nicht kennen. Doch genau in diesem Moment tritt ein Komplize auf: „Meist ist es eine Frau, denn die weckt wohl mehr Vertrauen“, so Lazzara.
Die Frau, die wie es scheint zufällig vorbeikommt, bietet dem Opfer seine Hilfe an und fragt nach, was los sei und ob sie helfen könne. Zufällig kenne sie jemanden im Krankenhaus, meint dann die Komplizin und macht sich daran, eben diese Person anzurufen.
Die Komplizin fingiert nun ein Telefongespräch, bei dem sich herausstellt, dass man den Arzt X im Krankenhaus zwar kenne, dieser aber mittlerweile nicht mehr lebe.
Nun schreitet der Betrüger wieder ein, mit einem verlockenden Angebot: Er wolle das Geld, das sein Vater dem Arzt vermachen wollte, dem eben getroffenen Mann – also dem Opfer – und der Frau vermachen. „Dabei sprechen die Betrüger oft von Summen von etwa 100.000 Euro“, weiß Lazzara.
„An dieser Stelle fragt man sich: Wie kann es sein, dass jemand meint, er könnte plötzlich 50.000 Euro von einem Fremden geschenkt bekommen? Dennoch fallen viele Menschen darauf herein. Die Situation erscheint plausibel, der Mann spricht mit Akzent, die Frau erweckt den Anschein eines Zufalls und man glaubt, einfach nur Glück gehabt zu haben.“
Opfer wird in Bank geschickt
Nun ist es wieder die Frau, die ihr Handy zückt. Sie informiert sich scheinbar bei einem Notar über die weitere Vorgehensweise. Um das Geld auf die beiden Personen verteilen zu können, müssten diese ihre monetäre Liquidität beweisen.
„An diesem Punkt müsste das Opfer stutzig werden“, wirft Lazzara ein. Denn die Frau gibt an, es sei nötig etwa 10.000 Euro zum Notar zu bringen, um eben diese Liquidität zu beweisen.
Zu diesem Zweck werden die beiden scheinbaren Erben zu einer Bank gefahren. Dort sollen sie das nötige Bargeld abheben, um später zu den 50.000 Euro zu kommen.
Zuerst ist die Komplizin an der Reihe: Sie steigt aus dem Auto und kommt wenig später mit einem Koffer zurück. Sie gibt an, dort ihr Geld verstaut zu haben. In Wirklichkeit ist die Dame aber nicht in die Bank gegangen, sondern hat sich nur einen irgendwo abgelegten leeren Koffer geholt.
Nun wird das Opfer in die Bank geschickt. Dieses holt gutgläubig das Geld und kommt wieder ins Auto zurück.
Der Trick mit der Stempelmarke
Auf dem Weg zum Notar fällt den Betrügern plötzlich ein wichtiges Detail ein: Der Notar benötigt eine Stempelmarke, um das Geschäft durchführen zu können. Wer diese besorgen muss, ist klar. Es ist das Opfer.
An der nächsten Tabaktrafik wird der Mann aus dem Auto gelassen, wobei die Betrüger Acht geben, dass sein Koffer mit dem Geld im Auto zurückbleibt. Sobald das Opfer im Laden verschwindet, suchen dann auch die Betrüger das Weite.
Ermittlungen sind schwierig
„In so einem Fall ist es sehr schwierig, Ermittlungen anzustellen. Meist hat sich die betrogene Person das Nummernschild des noch dazu unauffälligen Wagens nicht gemerkt und kann die Betrüger nur schwer beschreiben.“
Auch die Überwachungskamera der Bank sei erfahrungsgemäß keine große Hilfe. „Das Auto wird nicht direkt vor der Bank geparkt, sodass das Opfer auch nicht merkt, dass die Komplizin sich erst gar nicht in die Nähe der Bank begibt.“
Die Betrüger würden gerade so weit von der Bank entfernt bleiben, um die Situation noch zu überschauen. „Kommt das Betrugsopfer nämlich für längere Zeit nicht mehr aus der Bank heraus, suchen sie das Weite. In diesem Fall könnte es nämlich sein, dass es auf den Betrug aufmerksam geworden oder ein Bankangestellter stutzig geworden ist. Beides ist bereits vorgekommen.“
Lesen Sie morgen: Trick Nr. 7: Der falsche Verwandte
Barbara Raich
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