© 2010 Generalvikar Josef Matzneller - Foto: Diözese Bozen-Brixen
Ein ehemaliger Heim-Schüler von Kloster Neustift berichtet im Sender Bozen über Gewalt in den 50-er und 60-er Jahren: Damit erreicht die Welle der Enthüllungen nach Deutschland und Österreich auch Südtirol. Die Diözese wolle zur Aufklärung beitragen, versichert Generalvikar Josef Matzneller.
In Deutschland und Österreich werden immer mehr Fälle von Missbrauch und körperlicher Gewalt auch in kirchlichen Einrichtungen bekannt. Auch in Südtirol werden Vorwürfe gegen Heime erhoben. Wie ist die Diözese vorbereitet?
Generalvikar Josef Matzneller: Wir sind vor allem zutiefst betroffen und verurteilen diese schweren Vergehen. Der Diözesanleitung ist es ein Anliegen, sich bei aufkommenden Vorwürfen für eine ehrliche Aufklärung einzusetzen, denn die Opfer haben ein Recht darauf.
An wen können sich Betroffene bei uns wenden?
Matzneller: Als vor einigen Jahren in den USA eine große Zahl von sexuellem Missbrauch bekannt wurde, haben wir in unserer Diözese die Vorgangsweise für solche Situationen festgelegt. Ansprechpartner sind auf kirchlicher Seite der Generalvikar sowie die zwei Beratungseinrichtungen „Ehe- und Erziehungsberatung Südtirol“ und das „Consultorio P. M. Kolbe“.
Was geschieht dann?
Matzneller: Es folgen Sondierungsgespräche mit der Überprüfung der Vorfälle, Einschalten von Fachleuten und Veranlassung therapeutischer Behandlung. Selbstverständlich erfolgt die Vermittlung an die Gerichtsbarkeit, sofern ein Tatbestand im rechtlichen Sinne vorliegt.
Fürchten Sie eine ähnliche Welle von Enthüllungen?
Matzneller: Wir wissen alle, dass die Erziehungsmethoden vor einigen Jahrzehnten nicht den heutigen pädagogischen Überzeugungen entsprechen. Somit kann es sein, dass Vorwürfe laut werden. Auch eine solche Aufarbeitung – im jeweiligen historischen Kontext – ist wichtig.
Auf der Internet-Seite der Diözese ist schon seit mehreren Jahren der Aufruf zu finden, dass sich Opfer von Missbrauch melden sollten: Haben sich Betroffene gemeldet?
Matzneller: In den vergangenen Jahren ist über diesen Weg der Internetseite niemand zu mir als Verantwortlichem für die diözesane Ombudsstelle gekommen. Nicht, weil es keine Verdachtsmomente gegeben hätte, sondern weil aufgrund des persönlichen Kontaktes der Umweg über die Homepage nicht nötig war. Wir wollen aber aktiv vorgehen und durch den Ausbau dieser Seite auf unserem Internetauftritt ein Forum schaffen, wo solche Vorwürfe aufgegriffen werden. Somit soll sichergestellt werden, dass jeder Beschuldigung schnell und wirksam nachgegangen wird, denn die Fürsorge für die Opfer und deren Schutz hat höchste Priorität.
In Deutschland wird ein Runder Tisch zum Thema Missbrauch eingerichtet: Gibt es bei uns ähnliche Pläne?
Matzneller: Wir werden die Entwicklung in anderen Ländern sehr genau verfolgen und gegebenenfalls ähnliche Schritte unternehmen. Vor allem aber setzen wir auf Prävention. Wir bemühen uns, in den diözesanen Einrichtungen eine Kultur des aufmerksamen Hinschauens zu pflegen und eine Pädagogik zu fördern, die sich der Stärkung der Persönlichkeit jedes einzelnen Kindes und Jugendlichen verpflichtet weiß.
d/ler
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