Neun Jahre ist es her, dass Jonathan Franzen mit dem Familienroman „Die Korrekturen“ den Nerv traf.
Das opulente Werk erinnerte an „Die Buddenbrooks“, wurde über Nacht zum Weltbestseller und machte ihn 42-jährig zu einem der bekanntesten Schriftsteller der Gegenwart.
Jetzt etabliert sich Franzen endgültig als führende Figur der großen amerikanischen Literatur: „Freiheit“, sein vierter Roman, übertrifft alles, was der inzwischen 51-jährige Autor bisher geschrieben hat.
Darin seziert Franzen mit leichter Feder, sanft, aber skrupellos die Berglunds, eine Mittelstandsfamilie mitten in Amerika.
Das Buch erscheint heute in deutscher Übersetzung im Rowohlt Verlag. In den USA war „Freedom“ am vergangenen Mittwoch in den Buchhandel gekommen.
Das Nachrichtenmagazin „Time“ hatte Franzen in Erwartung seines neuen Werks schon Mitte August die Titelseite gewidmet, eine Ehre, die nur wenigen Autoren vor ihm zuteilwurde. „Großer amerikanischer Romancier“ stand in fetten Lettern unter einem Foto des sympathisch aussehenden 51-Jährigen.
Auch die gefürchtete Chefrezensentin der „New York Times“, Michiko Kakutani, schwelgte über „Jonathan Franzens galvanischen neuen Roman“.
Die „USA Today“ fand „Freiheit“ Klasse. „Franzen, der kratzbürstige Gott der Belletristik, ist zurück mit aller Gewalt.“ Der britische „Guardian“ fasste zusammen: „Ein Buch, das humorvoll, bewegend, voller Kraft, brutal und intelligent ist und das die entscheidende Frage stellt: „Worum geht es eigentlich im Leben“. Mehr kann man sich nicht wünschen.“
„Freiheit“ beginnt wie „Die Korrekturen“ mit einer Ouvertüre, in der Franzen die Berglunds als Familie vorstellt und ihr Zuhause in einer Nachbarschaft im Mittleren Westen der USA.
Walter Berglund ist Anwalt, der in einem multinationalen Unternehmen arbeitet, dessen Herz aber am Umweltschutz hängt.
Seine Frau Patty, eine ehemalige Sportskanone, lindert ihren Frust als grüne Witwe mit Alkohol und später einer Affäre mit dem besten Freund ihres Mannes. Das Paar hat zwei Kinder, Sohn Joey und Tochter Jenny.
Äußerlich ist alles in Ordnung, führen die Berglunds ein glückliches Familienleben, erst unter Franzens Lupe zerbröselt das Bild von der heilen Welt. Sanft, fast beiläufig, aber perfekt toniert deckt er die Blößen seiner Charaktere auf. Anders als den Mitgliedern der Familie Lambert erlaubt Franzen den Berglunds, Schlüsse aus ihrem Dilemma zu ziehen und sich gradweise zu wandeln.
Eine der vielen Lehren seines neuen Romans, vielleicht dessen Essenz: Freiheit muss keineswegs glücklich machen.
Im „Time“- Interview warnt der Autor seine Landsleute: „Wenn wir Freiheit zum entscheidenden Maßstab für unsere Kultur und unsere Nation erklären, sollten wir sorgfältig prüfen, was uns Freiheit überhaupt bringt.“
Damit wagt sich Franzen, der bisher vor allem die Lebensweise seiner Landsleute kritisiert hatte, nun auch auf das politische Parkett.
Der Nachrichtenagentur dpa in New York sagte er einmal: „Der Schreibprozess bringt mit sich, dass ich mir das Leben fast zur Hölle mache. (...) Das heißt bei Romanen, dass ich mich erst einmal drei bis vier Jahre kreuzelend fühlen muss, bis meine Manuskriptseiten endlich zu atmen beginnen.“
Im Fall von „Freiheit“ quälte sich der Autor fast doppelt so lange. Seine Leser werden es ihm danken. „Freiheit“ ist ein epischer Genuss, der süchtig macht.
Jonathan Franzen: „Freiheit“, Aus dem Amerikanischen von Bettina Abarkanell und Elke Schönfeld. Rowohlt Verlag, Reinbek. 736 S., ISBN 978-3-498-2129-0
dpa
| Tweet |
Neueste Meldungen
| Politik | Ägypter wollen nach Krawallen... |
|---|
| Chronik | Sicherheit im Web: Online-Deb... |
|---|
| Wirtschaft | Verhandlungen in Griechenland... |
|---|
| Politik | Hillary Clinton: Europa „unvo... |
|---|
| Panorama | 1000 Mal „Wer wird Millionär?... |
|---|
| Sport | Bob und Skeleton-Weltcup: Mar... |
|---|
| Politik | Russen fordern bei Massenprot... |
|---|
| Politik | Unruhen nach Freitagsgebet in... |
|---|
| Politik | SELtrade: Klaus Stocker wiede... |
|---|
| Panorama | „The Simpsons“-Schöpfer Matt... |
|---|
| Kultur | „Scala treibt in die Magersuc... |
|---|
| Politik | Showdown in New York: Sicherh... |
|---|