Zeffirelli träumt von Verfilmung der Divina Commedia
Vor wenigen Wochen hat er in der Golf-Monarchie Oman im Auftrag des Sultans Qabus Ben Said „Turandot“ inszeniert und dabei einen kolossalen Erfolg geerntet.
Im Juni bringt er erstmals „Don Giovanni“ in die Arena von Verona und dieser Tage ehrt ihn die Stadt Rom mit einer Retrospektive seiner beispielhaften Filmkarriere.
Trotz seiner 88 Jahre und der Hüftprobleme, die ihn seit einiger Zeit arg belasten, sprudelt Starregisseur Franco Zeffirelli nur so vor neuen Ideen und Projekten. Leidenschaftlich, impulsiv und genial: Der Filmemacher, der die meisten Opernaufführungen und Shakespeare-Dramen zu unvergesslichen Leinwand-Klassikern gemacht hat, will vom Ruhestand nichts wissen. „Meine Tage sind gezählt, doch trotz meines Alters belästige ich weiterhin die Produzenten, damit meine Projekte umgesetzt werden“, sagt Zeffirelli.
Der Maestro versteht es bestens, Träume auf die Leinwand zu zaubern. Dabei bleibt er gern seinen Florentiner Wurzeln treu. „Mein derzeitiger Traum ist, eine große Saga über die toskanische Renaissance zu drehen. Dies war eine goldene Epoche, in der die beiden Genies Michelangelo und Leonardo Da Vinci im Florenz der Herrscherfamilie Medici Seite an Seite ihre Meisterwerke schufen. ‚I Fiorentini' sollte der Film heißen, für den jedoch ein Produzenten fehlt. Heute gibt es leider keine Produzenten mehr wie Dino De Laurentiis, die sich in ein Projekt von Prestige verlieben und es sofort umsetzen“, klagt Zeffirelli.
Meisterwerke mit spiritueller Dimension wie der Franz von Assisi-Film „Bruder Sonne, Schwester Mond“, sowie die TV-Serie „Jesus von Nazareth“ haben Zeffirelli internationalen Ruhm verschafft. Großangelegte Leinwandprojekte beflügeln und inspirieren ihn jetzt noch genauso wie zu Beginn seiner einmaligen Karriere. „Mein Traum wäre eine Verfilmung von Dantes ‚Göttlicher Komödie'. Ich habe im Lauf der Jahre viel Material darüber zusammengetragen, doch keinen Produzenten gefunden, der an das Projekt glaubt“, bedauert Zeffirelli.
Neun Jahre sind seit seinem letzten Film „Callas Forever“ mit der französischen Diva Fanny Ardant in der Rolle der Starsopranistin Maria Callas vergangen. In diesem Zeitraum hat sich Zeffirelli vor allem seiner ersten Liebe, der Operninszenierung, gewidmet. Pausenlos arbeitet der Regisseur an einem Projekt nach dem anderen. „Im Juni wird in der Arena von Verona mit ‚Don Giovanni' die neue Saison eröffnet. Bisher war noch nie eine Mozart-Oper in der Arena inszeniert worden. Es ist sehr schwierig, in einem so riesigen Raum zu singen, wie es die Mozart-Opern erfordern. Doch dank einer besonderen Inszenierung werden wir jetzt den ‚Don Giovanni' in der Arena aufführen können“, berichtet Zeffirelli. In Verona ist der Theater-Regisseur zu Hause. Vor zwei Jahren führte er Regie in fünf Opern, die Kassenrekorde verzeichneten. Im nächsten Jahr will er eine „Carmen“-Inszenierung nach Bahrain bringen.
Der Florentiner Ausstattungsmagier ist ein Kosmopolit, der mit den größten Bühnen der Welt vertraut ist. Ganz besonders liebt Zeffirelli die Wiener Staatsoper, in der er unter anderem „La Bohème“ und „Don Giovanni“ inszeniert hat. Dabei arbeitete er mit der Legende Herbert von Karajan zusammen. „Ich habe wunderbare Erinnerungen an ihn. Er war ein rigoroser Perfektionist, der sich wie kein anderer der Welt der Melodie erschloss. Karajan konnte auch oft unangenehm sein, doch wir haben immer gut zusammengearbeitet“, meint Zeffirelli.
Der bekennende Konservative, der sich kaum je an ein Stück Gegenwartsmusik gemacht hat, spart nicht mit Kritik an der Inszenierung des „Don Giovanni“ bei der Scala-Premiere am vergangenen Mittwoch unter der Leitung von Daniel Barenboim. Als „mittelmäßig und pathetisch“ prangert der König der Bühnenbilder die karge Inszenierung des Kanadiers Robert Carsen an. „Er hat den Geist der Mozart-Oper nicht respektiert. Ein Regisseur hat die Pflicht, das auszudrücken, was der Opernkomponist im Sinn hatte. Alles andere ist Verzerrung“, behauptet Zeffirelli. Große Lobesworte hat er dagegen für die russische Starsopranistin Anna Netrebko, die in Mailand die Donna Anna sang. „Sie ist einfach wunderbar und kann die schwierigsten Rollen übernehmen“, so der Regisseur.
Zeffirelli, der für Weltmacht-Ansprüche italienischer Opulenzkultur steht, spart auch nicht mit Kritik an Scala-Intendant Stephane Lissner. „Er ist für die künstlerische Dekadenz der Scala verantwortlich. Ich begreife nicht, weshalb Italien – Heimat der Oper – die Scala einem aus der Provinz stammenden Franzosen ohne Opernkultur anvertraut hat. Man kann Opern nicht inszenieren und ihren ursprünglichen Geist verraten“, sagt Zeffirelli.
(Das Gespräch führte Micaela Taroni/APA) (Schluss) mit/whl