© 2010 Eine Szene aus Hamlet - Foto: kulturinstitut.org
© 2010 Peter Simonischek spielt den Baumeister Halvard Solness - Foto: kulturinstitut.org
© 2010 Aus Der Goldene Drache - Foto: kulturinstitut.org
Das Südtiroler Kulturinstitut lädt sein Publikum in dieser Spielzeit ein, sich selbst auf der Bühne zu suchen – und zu finden. Denn steckt nicht in jedem von uns ein kleiner Hamlet? Ein Baumeister Solness? Oder vielleicht ein Menschenfeind?
„Gespie(ge)ltes Leben“
„Wir spiegeln Ihr Leben. Eine ganze Spielzeit lang.“ Unter dieser Überschrift präsentiert sich die neue Spielzeit des Kulturinstituts.
„Was die Gesellschaft auf die Bühne bringt, ist ein Spiegelbild ihrer selbst“, meinte Georg Mühlberger, erster stellvertretender Vorsitzender des Südtiroler Kulturinstituts, bei der Präsentation des Programms. „Oft mag es uns verzerrt vorkommen (…) aber in allem was wir sehen, steckt ein Spiegelbild unser selbst.“
Peter Silbernagl, Direktor des Kulturinstituts, erläuterte das Motto des „gespielten / gespiegelten Lebens“ anhand des Programms: „Ein Stück ‚Hamlet‘ tragen wir alle in uns.“ Schließlich seien Rachegefühle auch uns nicht fremd.
Parallelen findet Silbernagl auch in dem Stück „Hiob“ (Joseph Roth): „Mendel Singer, der Held in Joseph Roths ‚Hiob‘, ist eine paradigmatische Figur: Sie hadert mit dem Schicksal – wie wir -, und sie zweifelt an Gott - wie wir -, und sie wird am Ende dann doch erlöst – wie wir?“
Auch in „Jedem das Seine“ (Silke Hassler/Peter Turrini) sollte sich so mancher wiederfinden können. Es „ist ein Stück über menschliche Brutalität, aber auch ein Stück über größte Hilfsbereitschaft. Und es ist ein Versuch, durch Kunst zu überleben.“
In „Baumeister Solness“ (Henrik Ibsen) „geht es um die Generation der Väter“, so der Kulturinstitut-Direktor. Es gehe aber auch um Midlife-Crisis und um Pädophilie.
„Molières ‚Menschenfeind‘ ist zeitlos“, ist sich Silbernagl sicher, „weil er darin menschliche Abgründe seziert. Ja, wir alle sind Egoisten, der eine mehr, der andere weniger!“
Und schließlich „Der goldene Drache“ (Roland Schimmelpfenning). Laut Silbernagel ist es „gänzlich unmöglich, sich in diesem Stück nicht wiederzufinden“.
Klassisches und Zeitgenössisches
In der neuen Spielzeit steht „in bewährter Form modernes Theater neben klassischer Weltliteratur“, so Mühlberger. Es finden sich Shakespeare-Klassiker („Hamlet“, „Sturm“, „Viel Lärm um nichts“) ebenso wie Stücke von Autoren wie Lars von Trier („Der Boss vom Ganzen“), Friedrich Dürrenmatt („Das Versprechen“) oder Daniel Glattauer („Alle sieben Wellen“).
Sechs Werke zeitgenössischer Autoren, vier Uraufführungen: Das könne man als „mutig“ oder „riskant“ bezeichnen, so Silbernagl. Aber man wolle schließlich „dem Zuschauer etwas zumuten“.
„Wir fordern Zeitgenössisches ab. Unser Theater soll irritieren und provozieren.“ Der Zuschauer solle nicht etwas abholen, was er bereits kenne.
„Das Südtiroler Publikum ist immer aufgeschlossener gegenüber Zeitgenössischem“, erzählte Silbernagl im Gespräch mit STOL. Man müsse es ihm aber in Scheibchen mitteilen.
Auch ein Klassiker wie Shakespeares „Sturm“, der vom Wiener Burgtheater unter der Regie von Barbara Frey in Brixen, Meran und Schlanders auf die Bühne gebracht wird, werde immer wieder anders inszeniert.
„Ein Klassiker ist es nur dann, wenn das Stück es aushält, dass es neu inszeniert und interpretiert wird“, betont Silbernagl.
Auf die Inszenierung von „Sturm“ freue er sich auch persönlich ganz besonders. „In 90 Minuten das ganze Shakespearesche Kaleidoskop“, schwärmt Silbernagl. „Wer das nicht sieht, dem fehlt was im Leben!“
Kassel, Bremen, Wien - in Südtirol
Auch in dieser Spielzeit hat das Kulturinstitut renommierte Theater aus dem gesamten deutschen Sprachraum eingeladen.
Große Erwartungen werden in „Hiob“ gesetzt, ein Gastspiel des Staatstheaters Kassel. Das Stück nach dem gleichnamigen Roman von Joseph Roth wird im Oktober in Bozen und Meran zu Gast sein.
Aus der Hansestadt Bremen gastieren erstmals das Theater Bremen und die bremer shakespeare company in Südtirol.
Im Februar erwartet die Besucher ein „Wiener Theaterfrühling“: Auf dem Programm stehen Gastspiele des Burgtheaters und des Theaters in der Josefstadt.
„Über die Bündelung der beiden Theaterhäuser in einer Saison haben wir lange schon nachgedacht, nun ist es uns gelungen“, so Silbernagl.
Erstmals ist auch das Schauspielhaus Hamburg in Südtirol. Das Schauspielhaus Graz ist ebenfalls nach vielen Jahren wieder zu Gast.
„Schauspieler in residence“ ist in dieser Spielzeit Johann Adam Oest. Ihn darf das Publikum in zwei Inszenierungen des Burgtheaters erleben: In Shakespeares „Sturm“ spielt er die Rolle des „Prospero“.
In Roland Schimmelpfennigs Stück „Der goldene Drache“ wird er als „Mann über sechzig“, Als „junger Mann“, als „Asiate“ und als „Flugbegleiterin“ zu sehen sein.
Zu erwarten ist auch Birgit Minichmayr, jene junge Schauspielerin, die die Buhlschaft im „Jedermann" bei den heurigen Salzburger Festspielen gab. Sie spielt in „Das Interview“ von Theo van Gogh und Theodor Holman, einem Gastspiel des Theaters Neumarkt Zürich.
Konzerte und Lesungen
Zwischen die Theateraufführungen streut das Kulturinstitut auch immer wieder Konzerte und Lesungen ein. Zum Silvesterkonzert werden Andrej Hermlin und sein Swing Dance Orchestra erwartet.
Bariton Wolfgang Holzmair sowie die Sopranistin Christiane Oelze gestalten Liederabende im Eppaner Lanserhaus.
Gesprochenes gibt es von Gloria Fürstin von Thurn und Taxis: Sie zitiert Texte von Hildegard von Bingen.
Peter Simonischek und Gert Voss werden aus dem Briefwechsel zwischen Thomas Bernhard und seinem Verleger Siegfried Unseld vortragen. Aus Daniel Kehlmanns „Ruhm“ liest Uli Matthes.
Umrahmt werden die Veranstaltungen des Kulturinstituts auch in der kommenden Spielzeit von Einführungen und dem „Nach-Theater“: Vor den Theateraufführungen jeweils um 19.15 Uhr gibt es kostenlose Einführungen anhand von Gesprächen mit Vertretern der jeweiligen Gast-Bühnen.
Nach den Aufführungen lädt die Initiative „Nach-Theater“ in ausgesuchte Restaurants in Bozen, Meran und Brixen.
Barbara Raich
Das vollständige Programm und alle Infos zu Tickets und Abonnements finden Sie hier.
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