Werbung - Redaktion - Dienstag, 22. Mai 2012
19. Januar 2012
Das Nationaltheater Mannheim spielte das Stück in Bozen. - Foto: Hans-Jörg Michel © 2012 Das Nationaltheater Mannheim spielte das Stück in Bozen. - Foto: Hans-Jörg Michel
Theater

Rezension: Der Hitler in mir

Auf der Bühne nur ein nackter Tisch und drei Holzstühle und die wiederkehrende Frage: „Sitzen wir schon oder kommen wir erst herein?“

Das Nationaltheater Mannheim zeigt auf Einladung des Südtiroler Kulturinstituts das Kurzstück „Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm“ von Theresia Walser in einer Inszenierung von Burkhard C. Kosminski, das 2006 mit großem Erfolg uraufgeführt wurde.

Witziges Rollenspiel mit Bösewicht

Drei Schauspieler warten vor ihrem öffentlichen Auftritt in einer Talk Show auf einen Moderator und liefern sich einen wunderbar skurrilen und doppelbödigen Schlagabtausch über das Wesen des Theaters, des Schauspielers und die Möglichkeit, das historisch Böse auf der Bühne darzustellen.

Als die beiden arrivierten und älteren Schauspieler, beide beklatschte Hitlerdarsteller, herausfinden, dass der jüngste unter ihnen „nur“ den Göbbels gegeben hat, verliert dieser ihre letzte Achtung. Herablassend wird dem schüchternen Bewunderer nicht nur die Schauspielerei sondern das Leben gleich dazu erklärt.

Psychologie der Selbstdarstellung

Ralf Dittrich als berühmter Hamlet- und Hitlerdarsteller Franz Prächtel monologisiert mit geblähter Brust und angebrachtem Pathos über seine großen Erfolge, erklärt in schönstem Bühnendeutsch das moderne Regietheater für einen abartigen Verfall der dramatischen Kunst und sinniert gemeinsam mit dem verschlagenen Bückling Peter Söst (Thorsten Danner) über die persönliche Auswirkung ihrer Hitlerdarstellung.

Die Suche nach der Balance zwischen Sein und Schein

Ob man jetzt ganz zu Hitler wird und dafür wie Prächtl bei Parkinson-Patienten das richtige Zittern abschaut oder kein bisschen Hitler in sich entdeckt, ist für den jungen, idealistischen Ulli Lerch (Sven Christoph Prietz) einerlei. Als er seine Scheu gegenüber den beiden Theatergrößen ablegt und nicht mehr krampfhaft bemüht ist, den wackeligen Tisch für Prächtls Wasserglas mit Händen und Füßen im Gleichgewicht zu halten, geht er so weit, den beiden Repräsentanten der Theatertradition eine Mitschuld an Hitlerdeutschland zuzuschieben.

Theater muss das Publikum zum Nachdenken, zum Mitdenken, zum Agieren bringen, Theater ist soziales Engagement, davon ist er überzeugt.

Wunderbar wie Prächtl sich über seinen in sieben Teile schizophrenierten Hamlet echauffiert, dem Jüngeren vorwirft, nicht einmal der einfachsten Diktion fähig zu sein, bei keinem Wort den richtigen Ton zu treffen. Wie also, so Prächtel, das Publikum zum Nachdenken bringen, wenn man sich nicht einmal richtig verständlich machen kann?

Ein ungewöhnliches Stück, das spielerisch die unterschiedlichen Darstellungs- und Realitätsebenen verschiebt und dessen praller und poetischer Wortwitz kurzweilig die Untiefen der komplexen Thematik umtänzelt. Ein außergewöhnlicher Theatergenuss und Musik für sprachverwöhnte Ohren.

Jutta Telser




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