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Artikel vom 27. März 2012

"Gott heilt, Ärzte behandeln"

Noch heuer soll in Südtirol eine Kinder- und Jugendpsychiatrie entstehen. Derzeit macht sich eine Südtiroler Delegation in Zürich kundig, wo die aus Meran gebürtige Veronika Mailänder Zelger als Oberärztin arbeitet. Am Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst (KJPD) der Universitätsklinik Zürich hat sie die Leitung eines zwölfköpfigen Teams von Ärzten und Psychologen inne.

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Veronika Mailänder

Veronika Mailänder. Foto: DLife/ts - Foto: D

Veronika Mailänder

Veronika Mailänder. Foto: DLife/ts - Foto: D

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Frage: Seit Anfang des neuen Jahrtausends gibt es in Südtirol den politischen Willen, eine Kinder- und Jugendpsychiatrie einzurichten. Nach Druck durch Experten aus dem Bereich, dem Jugendring und dem Familienverband, scheint diese Einrichtung nun Realität zu werden. Könnten Sie Ihren Traum der perfekten Einrichtung realisieren, wie würde die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Südtirol aussehen?

Dr. Veronika Mailänder: Es freut mich sehr, dass in Südtirol jetzt konkrete Schritte unternommen werden, um eine Kinder- und Jugendpsychiatrische Einrichtung zu schaffen. Grundsätzlich glaube ich, dass die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Südtirol nicht anders aussehen muss als bereits bestehende kinder- und jugendpsychiatrische Einrichtungen in unseren Nachbarländern.

Das Wichtigste beim Aufbau einer Kinder- und Jugendpsychiatrie ist ein solides Netzwerk und eine gute interdisziplinäre Zusammenarbeit. Es braucht genügend Personal: Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -Psychotherapie, Psychologen, Therapeuten, Pflegepersonal, Lehrer, Sozialarbeiter und Pädagogen.

Es braucht Menschen, die ihren Beruf lieben und sich dieser Herausforderung stellen. Die Kinder und Jugendlichen und deren Eltern bzw. Bezugspersonen müssen im Mittelpunkt stehen. Es wäre schön, wenn es in Zukunft einen 24-Stunden-Dienst für die Kinder und Jugendlichen geben könnte, mit der Möglichkeit, als Eltern und Patienten sich zu jeder Tages- und Nachtzeit im Akutfall Hilfe zu holen.

Die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Südtirol muss nicht perfekt sein, aber sie muss gut genug sein. Ich wünsche mir, dass das Konzept einer sehr gut vernetzten und angesehenen Kinder- und Jugendpsychiatrie wie hier in der Schweiz mit seinen ambulanten, teilstationären und stationären Angeboten in den nächsten Jahren auch auf Südtirol übertragbar ist.

Mein Wunsch ist es ausserdem, dass Vorurteile und Hemmschwellen abgebaut werden, indem eine Mutter ihrer Nachbarin genauso unbelastet erzählen kann, dass ihr Kind zum Kinderpsychiater oder –psychologen geht, wie sie ihr bereits heute erzählen kann, dass es z.B. zum Augenarzt geht. Dazu braucht es viel Aufklärungsarbeit durch die einzelnen Fachkräfte.

Frage: Natürlich ist es auch eine finanzielle Frage, so eine Einrichtung auf die Beine zu stellen. Welche Angebote haben Priorität, was kann warten?

Dr. Mailänder: Der Aufbau einer stationären Einrichtung für Kinder und Jugendliche, wofür es bereits konkrete Pläne zu geben scheint, hat sicherlich jetzt in Südtirol Priorität, da es dieses Angebot noch nie gab. Kinder und Jugendliche brauchen ein ihrem Alter angemessenes Setting und Therapieangebot. Auch am Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst der Universitätsklinik Zürich sind unsere Betten immer ausgelastet, und es kann im Notfall passieren, dass wir Jugendliche über 14 Jahren in einer erwachsenenpsychiatrischen Abteilung vorübergehend aufnehmen müssen, bis ein Platz auf der Jugendlichenstation frei wird.

Dies ist keine ideale Lösung, auch wenn es manchmal aufgrund der Bettennot nicht zu vermeiden ist. Oberstes Ziel muss es dann sein, die Jugendlichen so schnell wie möglich wieder in eine Jugendabteilung verlegen zu können, um dort die Abklärung, Therapie fortzusetzen. Das gesamte Personal muss im Umgang mit Kindern und Jugendlichen geschult sein. Es gibt in Südtirol bereits Kinder- und Jugendpsychiatrische- und psychotherapeutische Fachambulanzen.

Der Ausbau und die interdisziplinäre Vernetzung dieser Ambulanzen ist sehr wichtig und nur möglich, wenn es genügend Personal dafür gibt. Für die spätere Behandlung gilt: ambulant vor teilstationär vor stationär. Für den teilstationären und stationären Rahmen ist eine klinikinterne Schule unerlässlich. In einem teilstationären Setting kommen die Patienten unter der Woche am Morgen und gehen am Abend wieder nachhause. Kinder und Jugendliche sollen möglichst in dem ihnen vertrauten Umfeld unterstützt werden.

Frage: Sie arbeiten seit einiger Zeit in Zürich an der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Was ist der Unterschied in der Arbeit eines Arztes mit Kindern im Vergleich zur Arbeit mit Erwachsenen?

Dr. Mailänder: Kinder und Jugendliche sind äusserst feinfühlig und spüren sehr genau, wenn mit ihnen etwas nicht stimmt, wenn sie sich anders fühlen als die anderen. Kinder und Jugendliche verlangen genauso wie die Erwachsenen, dass man ihnen mit Respekt begegnet sowie ehrlich und transparent mit ihnen spricht, natürlich ihrem Alter angemessen.

Viele Krankheitsbilder zeigen sich bei Kindern und Jugendlichen oft anders als bei Erwachsenen und sind dann auch nicht auf den ersten Blick als solche zu erkennen. Kinder können zum Beispiel depressive Symptome durch erhöhte Reizbarkeit, Aggressivität, innere Unruhe und Anspannung oder sozialen Rückzug zeigen. Es gibt inzwischen sehr viele bewährte Ansätze und erprobte Therapiemethoden, wie man Kindern und Jugendlichen helfen kann.

Die Medizin und Psychologie hat auf diesem Gebiet enorme Fortschritte erzielt. Wenn man Kinder und Jugendliche behandelt, ist eine familienzentrierte systemische Sichtweise unter Einbezug der Eltern und Bezugspersonen, aber auch der Schule unerlässlich.

Frage: Immer mehr Menschen haben von Klein auf die unterschiedlichsten Probleme, die gemeinhin als psychische Störungen bezeichnet werden. Welches sind denn die häufigsten Diagnosen, die Sie Kindern stellen (ich schätze mal, in Südtirol wird's nicht recht viel anders aussehen als in der Schweiz)?

Dr. Mailänder: Zu den häufigsten Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter zählen Angststörungen (z.B. Angst vor der Schule und Leistungserwartungen), hyperkinetische Störungen, wie ADHS, Störungen des Sozialverhaltens, Depressionen sowie Anpassungsstörungen auf belastende Ereignisse oder veränderte Lebenssituationen. Einzelne Störungsbilder sind auch altersabhängig. Im Kindesalter sehen wir häufiger Trennungsängste, Kinder mit einer Bindungsproblematik oder Kinder mit einer verzögerten Sauberkeitsentwicklung, wie etwa Einnässen oder Einkoten.

Im Jugendalter sehen wir häufiger Adoleszente mit Essstörungen, Depressionen oder selbstverletzendem Verhalten. Störungen aus dem psychotischen oder autistischen Formenkreis sind im Vergleich seltener, aber oft schwerwiegend für den weiteren Verlauf; umso wichtiger ist daher die Früherkennung. Sehr häufig sehen wir aber Kinder und Jugendliche mit mehreren von diesen beschriebenen Problemen. Die frühzeitige Diagnose der Symptome ist heute in vielen Fällen mit Hilfe von psychodiagnostischen Verfahren möglich. Die Therapie sollte frühzeitig begonnen werden und ist je nach Störungsbild verschieden, aber oft auch langwierig.

Als wirksame Mittel der ersten Wahl haben sich in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen Methoden aus der Verhaltenstherapie und systemischen Familientherapie gezeigt. Sehr ernst zu nehmen sind suizidale bzw. fremdgefährdende Äusserungen und Handlungen von Kindern und Jugendlichen. Dabei muss es anhand von stationären Einrichtungen möglich sein, rasch zu intervenieren, um die Patienten vor ihrem eigenen Handeln zu schützen.

Eine wichtige Aufgabe von uns Ärzten und Therapeuten ist es aber auch, psychische Erkrankungen ausschliessen zu können und z.B. eine körperliche Erkrankung wie etwa eine Schilddrüsenfunktionsstörung für die psychische Veränderung ausfindig zu machen und zu behandeln. Nicht immer ist eine psychische Erkrankung die Ursache für ein schwieriges oder problematisches Verhalten. Es kann durchaus sein, dass z.B. erzieherische Interventionen nötig sind und mehr Behandlungsbedarf auf der pädagogischen als auf der psychiatrischen Ebene besteht.

Frage: Ist es leichter, ein Kind zu heilen als einen Erwachsenen?

Dr. Mailänder: Für mich persönlich gilt: Gott „heilt“ und wir als Ärzte und Therapeuten „behandeln“. Es ist gut möglich, Kinder und Jugendliche in einer akuten Krisensituation mit einer schweren Symptomatik zu stabilisieren, sie anhand von evaluierten Therapieverfahren zu behandeln, sie ihren Ressourcen entsprechend zu fördern und sie in ihrem Werdegang zu unterstützen. Kinder- und Jugendpsychiatrische Interventionen sollten, wenn sie nötig sind, so früh wie möglich erfolgen, aber nur so lange wie nötig.

Frage: Haben denn auch die Eltern "Schuld", wenn ein Kind psychische Probleme aufweist?

Dr. Mailänder: Es ist mir ein grosses Anliegen, an dieser Stelle zu betonen, dass es nicht um eine sogenannte „Schuld“ geht. Psychische Erkrankungen sind multifaktoriell bedingt, das bedeutet, dass mehrere „Puzzleteile“ im Sinne von Belastungen zusammenkommen müssen. Je nach Krankheitsbild gibt es unterschiedliche biologische Vorbelastungen, die aber alleine noch nicht ausreichen. Aus Zwillings- und Familienstudien wissen wir zum Beispiel, dass 30 bis 40 Prozent der Betroffenen eine genetische Veranlagung für Angststörungen haben.

Bei Autismus und beim Aufmerksamkeitsdefizit/Hyperaktivitätssyndrom ADHS sind es allerdings bis zu 80 Prozent. Angst vererbt sich also nicht so stark wie zum Beispiel ADHS. Allerdings reagieren ängstliche Mütter tendenziell besorgter als andere, wenn ihr Kind Angst vor der Spielgruppe oder dem Kindergarten hat. So kann sich das System aufrechterhalten. Das Kind orientiert sich am Vorbild der Mutter. Ein ängstlicher Elternteil kann also ein Risikofaktor sein, muss es aber nicht; Untersuchungen gibt es zu diesem Thema noch kaum.

Uns ist es ein grosses Anliegen, den Eltern zu vermitteln, dass sie sich nicht schuldig fühlen müssen für eine Erkrankung ihrer Kinder. Eltern machen sich oft viele Vorwürfe, was wiederum das ganze Familiensystem unnötig belastet. Wichtig ist, die Eltern stets mit einzubeziehen und sie zu stützen. Es ist ja auch eine Tatsache, dass es zum Beispiel in der gleichen Familie ängstlichere und weniger ängstliche Kinder gibt.

Frage: Was können Eltern tun, um psychischen Problemen bei ihrem Kind vorzubeugen? Kann man das überhaupt?

Dr. Mailänder: Für Eltern ist es wichtig, verfügbar und wachsam zu sein. Ich teile die Meinung von Frau Prof. Dr. med. Dipl.-Psych. Susanne Walitza, der Ärztlichen Direktorin am KJPD Zürich, dass das Bewusstsein, dass psychische Störungen ihren Ursprung oft im Kindesalter haben, sicher in unserer Gesellschaft noch zu wenig entwickelt ist. Deshalb sollte das Wohlergehen von Kindern und Jugendlichen auch in diesem Bereich mindestens ebenso ernst genommen werden wie jenes der Erwachsenen.

Eltern haben ein gutes Gespür, wenn sich ihr Kind anders entwickelt als andere Kinder im selben Alter. Für Eltern bedeutet es meist noch eine grosse Hemmschwelle, direkt Hilfe bei einem Psychologen oder einem Psychiater zu suchen. Oft kann eine erste Kontaktaufnahme mit dem zuständigen Kinderarzt, einem Lehrer oder einem Elternnotruf entlastend sein und den Eltern helfen, sich weitere professionelle Hilfe zu holen. Für uns Kinder- und Jugendpsychiater und -psychologen ist es sehr wichtig, möglichst viel Aufklärungsarbeit zu leisten, mögliche Vorbehalte der Eltern anzusprechen und eventuelle bestehende Barrieren auszuräumen.

Eltern dürfen gerade bei Jugendlichen auf eine gesunde Weise neugierig, kritisch und interessiert sein. Eltern und Lehrer tragen eine grosse Verantwortung in der Präventionsarbeit von psychischen Störungen. Kinder und Jugendliche haben inzwischen über Facebook oder Twitter eine den Erwachsenen oft verborgene Plattform, um zu kommunizieren. Letzte Woche kam eine Jugendliche zu mir, die sich grosse Sorgen um einen Freund machte, der auf Facebook gepostet hatte: „bei 25 „like“ bringe ich mich um!“.

Frage: Wie merken Eltern, dass der Zeitpunkt gekommen ist, sich an die Kinder- und Jugendpsychiatrie zu wenden?

Dr. Mailänder: Eltern können beobachten, wenn sich ihr Kind in seinem Verhalten plötzlich oder schleichend verändert bzw. die Veränderung über mehrere Wochen bestehen bleibt, das Kind sich z.B. im Freundeskreis und zuhause zurückzieht, sein Essverhalten ändert, in der Stimmung plötzlich grossen Schwankungen unterliegt, suizidale Gedanken äussert, sich selber verletzt, delinquentes oder aggressives Verhalten zeigt usw..

Dabei ist es wichtig, dass Eltern und Schule gut zusammenarbeiten. Oft sind es auch Lehrer oder Bezugspersonen in der Freizeit, wie etwa ein Sporttrainer, aber auch Freunde des Kindes, die Eltern auf eine Verhaltensänderung ihres Kindes aufmerksam machen. Dann ist es wichtig, gemeinsam zu besprechen, wie und wo man Hilfe holen kann, ohne dass sich die Eltern beschuldigt oder angeklagt fühlen.

Die Eltern bzw. die Sorgeberechtigten sind auch diejenigen, die die Kinder und Jugendlichen für eine Abklärung bzw. Therapie bei uns am KJPD der Universitätsklinik Zürich anmelden müssen. Alle anderen involvierten Fachpersonen oder Bezugspersonen dürfen nur eine Voranmeldung machen. Die Eltern müssen mit dem Vorgehen einverstanden sein und sind für uns unentbehrlich in der Zusammenarbeit. Die Eltern sind für uns die wichtigsten Auskunftspersonen, nach Möglichkeit beziehen wir auch Geschwister mit ein.

Frage: Wie erklärt man einem Kind, dass es psychische Probleme hat? (wenn man das denn überhaupt macht)

Dr. Mailänder: Meiner Meinung nach kann man einem Kind, seinem Alter und Entwicklungsstand entsprechend, sehr viel erklären, was seine eigene Entwicklung und sein eigenes Verhalten betrifft. Kinder sind nicht kleine Erwachsene. Genauso wie Kinder von Kinderärzten und nicht von Internisten behandelt werden, müssen sie auch das Recht haben, bei psychischen Auffälligkeiten von Kinder- und Jugendpsychiatern und –psychologen und nicht von Erwachsenenpsychiatern untersucht und behandelt zu werden.

Es gibt inzwischen sehr viele gut evaluierte Therapieverfahren und Hilfsmittel, wie Bücher oder Spiele, anhand von denen man Kindern und Jugendlichen erklären kann, was mit ihnen los ist. An unserer Universitätsklinik in Zürich hat zum Beispiel Frau Dr. Veronika Brezinka ein verhaltenstherapeutisches Computerspiel namens „Ricky und die Spinne“ soeben neu entwickelt, um die Behandlung von Zwangserkrankungen bei 6- bis 12-jährigen Kindern zu unterstützen.

Kinder wollen Erklärungen, was mit ihnen los ist, und stellen viele Fragen. Es braucht vor allem viel Zeit. Therapiesitzungen dauern bei uns in der Regel 45-50 Minuten, Familiengespräche oft länger.

Frage: Was kann Südtirol von Zürich lernen, welche Dinge können hier besser gemacht werden, um einige Fehler erst gar nicht zu machen?

Dr. Mailänder: In der Schweiz begegnet man dem Fach der Kinder- und Jugendpsychiatrie mit grosser Wertschätzung. Dies wünsche ich mir auch in Zukunft für die Kinder- und Jugendpsychiatrie in Südtirol.

Die interdisziplinäre Vernetzung ist äusserst wichtig. Kinder- und Jugendpsychiater arbeiten niemals als „Einzelkämpfer“, sondern immer in einem Team. Es ist unerlässlich, seine eigene Arbeit als Arzt und Therapeut und seine Arbeit im Team anhand von regelmässigen Supervisionen und Intervisionen kritisch zu reflektieren, um Fehler zu vermeiden. Die Abklärung und Behandlung von psychisch kranken Kindern und Jugendlichen erfolgt immer in enger Zusammenarbeit mit Eltern, Erziehungsberechtigen und Personen aus dem Umfeld der Kinder und Jugendlichen.

Der Zusammenarbeit mit Partnerorganisationen kommt daher in der Schweiz grösste Bedeutung zu (z.B. Jugendsekretariate, Schulpsychologische Dienste, Schulen, Vormundschaftsbehörden, Jugendstaatsanwaltschaften, Gerichte, Kinderschutzgruppen, heil- und sonderpädagogische Einrichtungen).

Im medizinisch-therapeutischen Bereich bestehen zahlreiche Schnittstellen zu Nachbardisziplinen, wie Erwachsenenpsychiatrie, Pädiatrie, Neurologie, Ophthalmologie, Hausarztmedizin, Entwicklungs- und Schulpsychologie sowie Heil- und Sonderpädagogik. Für den ambulanten Bereich ist es wichtig, dass eine dezentrale Struktur mit einzelnen Fachambulanzen ausgebaut wird. Diese müssen für jede Familie und für jede andere Institution gut erreichbar sein.

Für eine stationäre Einrichtung sind besondere bauliche Massnahmen und Sicherheitsvorkehrungen zu beachten. Eine stationäre Einrichtung sollte zentral gelegen und an ein grösseres Spital angebunden sein, wo es die Möglichkeit von somatischen Untersuchungen wie einem EKG, EEG, MRI oder etwa Laboruntersuchungen gibt. Für eine teilstationäre bzw. stationäre Einrichtung ist eine klinikinterne Schule wichtig, da die Kinder und Jugendlichen oft über eine längere Zeit aufgrund der Schwere einzelner Krankheitsbilder hospitalisiert werden müssen und weiterhin, ihrem Belastungsprofil entsprechend, unterrichtet werden können.

Wie Sie sicher herauslesen können, braucht es dazu gute finanzielle Ressourcen, die sich aber in Zukunft für den weiteren Lebensweg dieser Menschen und für die gesamte Gesellschaft lohnen. Oberstes Ziel muss es sein, psychisch kranke Menschen, egal ob Kinder, Jugendliche oder Erwachsene, in unsere Gesellschaft zu integrieren, sie in ihrem „Anderssein“ zu akzeptieren, ihre Vorzüge zu erkennen und ihre Begabungen zu fördern. Das italienische Schulsystem ist diesbezüglich sehr fortschrittlich.

Zur Person:

Veronika Mailänder wurde 1978 in Meran geboren. Sie hat in Innsbruck und Bologna Medizin studiert und lebt jetzt mit ihrem Ehemann Martin Zelger aus Deutschnofen in Zürich. Dr. Mailänder arbeitet als jüngste Oberärztin und Klinische Dozentin am Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst (KJPD) der Universitätsklinik Zürich, wo sie die Leitung eines zwölfköpfigen Teams von Ärzten und Psychologen innehat.

Der KJPD unter der Leitung von Prof. Dr. Susanne Walitza ist als Universitätsklinik sowohl klinisch als auch in Forschung und Lehre engagiert.

Er ist die größte Institution dieser Art in der Schweiz mit knapp 400 Mitarbeitern. Das Angebot besteht aus ambulanten, halbstationären und stationären psychiatrischen Dienstleistungen, die in Zürich, in der Kinderstation Brüschhalde in Männedorf sowie in acht Regionalstellen angeboten werden. Für die Abklärung und Behandlung von jugendlichen Straftätern ist im Jahr 2004 die Fachstelle Forensik gegründet worden.
 
Interview: Uli Huber/D