Werbung - Redaktion - Mittwoch, 23. Mai 2012
05. Oktober 2011
Marco Bonelli © 2011 STOL Marco Bonelli © 2011 STOL
Porträt

"Ich denke immer zuerst an mich"

Die Wall Street ist das Herz des Weltkapitalismus. Billionen von Dollar fließen täglich durch die Hände der Börsenmakler, das Wohl der Weltwirtschaft hängt zu großen Teilen von der New Yorker Börse ab. Der Bozner Marco Bonelli war mehr als 18 Jahre lang an der Wall Street.

Er gehört zu den „Alten Hasen“ im Geschäft, der die größten Börsenhypes und die dramatischsten Aktienabstürze alle durchlebt hat. Südtirol Online hat sich im Jahr 2005 mit dem Experten über sichere Tipps an der Börse, über die guten und die schlechten Seiten des Kapitalismus und über den Kapitalismus in Südtirol unterhalten. Hier das Interview

Südtirol Online: Was steht in Ihrem Reisepass in der Zeile “Beruf”?

Marco Bonelli: Stockbroker.

STOL: Was macht ein Stockbroker?

Bonelli: Ich arbeite für die Firma Raymond James als Verantwortlicher für institutionelle Investoren für Italien. Konkret gesagt kaufe und verkaufe ich für Dritte Aktien und betreue institutionelle Anleger aus Italien, also Investmentfonds, Societá di intermediazione immobiliare und Banken. Zu meinen Kunden zählen z.B. die Deutsche Bank Italia und die Banca Nazionale del Lavoro.

STOL: Wie wird man Stockbroker?

Bonelli: Ich habe 1983 in Venedig einen Universitätsabschluss in BWL gemacht. Anschließend habe ich den Militärdienst abgeleistet und in dieser Zeit Englisch gelernt. Gleichzeitig habe ich mich an verschiedenen amerikanischen Universitäten für einen Master of Business Administration (MBA) beworben. Die University of California in San Diego hat mich genommen. Nach dem Militärdienst bin ich also im Frühjahr 1985 in die USA gegangen.

STOL: An der Wall Street zu arbeiten, ist für viele ein Traum. Wie haben sie es geschafft?

Bonelli: Durch Zufall. Nach dem MBA habe ich in einer Bank gearbeitet, doch die Arbeit gefiel mir nicht. Über einen befreundeten Kollegen, der damals an der Wall Street Broker bei Oppenheimer war, bin ich 1987 selbst bei Oppenheimer eingestellt worden. Nach zwei Jahren habe ich Firma gewechselt und bin glücklicherweise zur Firma Cowen&Co. gegangen, wo ich Karriere gemacht habe.

STOL: Wann haben Sie an der Wall Street begonnen?

Bonelli: Daran erinnere ich mich genau, denn es war gewissermaßen ein historisches Datum. Im September 1987 habe ich begonnen, an der Wall Street zu arbeiten. Wenige Tage nach meinem ersten Arbeitstag kam es dann zum großen Crash, dem sogenannten Schwarzen Montag.

STOL: Wie haben Sie diesen Tag in Erinnerung?

Bonelli: Ehrlich gesagt kann ich mich an das Chaos in der Börse an jenem Tag selbst nicht erinnern. Ich verstand nicht, was genau geschah, da ich noch zu wenig Fachkenntnisse hatte. Woran ich mich allerdings erinnere ist der Auflauf von Journalisten und Kameraleuten aus aller Welt vor Wall Street. Aber letztendlich waren die Journalisten besorgter als die Börsenmakler. Nach einigen Tagen der Panik in der Börse hat dann die längste Wachstumsphase in der Geschichte von Wall Street begonnen.

STOL: Sie waren also zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Bonelli: Ja. Ich hatte Glück. Einen besseren Moment, an der Wall Street als Börsenmakler einzusteigen, gab es nicht. Wer nach dem Crash Aktien gekauft hat, konnte oft in kürzester Zeit sein Kapital verdrei- bzw. vervierfachen. Die Aktienkurse sind 13 Jahre lang, also bis zum Jahr 2000, ohne Unterbrechung gestiegen.
STOL: Haben Sie damals auch für sich selbst Aktien gekauft?

Bonelli: Ja, aber natürlich zu wenige ... (lacht)

STOL: Was haben Sie in den zwei Jahren nach dem MBA an der Uni San Diego gemacht?

Bonelli: Als ich die Uni und den Master abgeschlossen hatte, wollte ich eigentlich Manager werden. Alle Jobs, die mit dem Thema „Verkaufen“ zu tun hatte, waren mir suspekt. Erst langsam habe ich dann verstanden, dass jede unternehmerische Arbeit sich ausschließlich um eines dreht: um die Fähigkeit, etwas zu verkaufen. Als Stockbroker verkaufe ich Konzepte: Ich überzeuge Personen davon, gewisse Aktien zu kaufen bzw. andere zu verkaufen.

STOL: Wie ging es dann weiter?

Bonelli: Nach dem MBA habe ich drei Jahre lang für verschiedene Banken gearbeitet, aber ehrlich gesagt, ohne großen Erfolg. Nach meinem Einstieg in der Wall Street ging dann alles sehr schnell. 1989 war ich bereits Direktor bei Cowen&Co., einer der prestigereichsten Brokerfirmen an der Wall Street. 1990 wurde ich dann zum Partner der Firma.

STOL: Wall Street gilt als das Herz des Weltkapitalismus. Können Sie bitte erklären warum?

Bonelli: In den USA, dem kapitalistischen System schlechthin, ist die Wall Street DER Tempel des Kapitalismus. Einfach gesagt funktioniert die Wall Street so: Es ist der Ort, an dem sich US-Firmen Geld für ihre Tätigkeit besorgen. Während sich z.B. in Südtirol ein Unternehmer für seine Firma Geld ausschließlich von einer Bank leiht, geht ein US-Unternehmer mit den Aktien seiner Firma an die Börse. Dort versucht er Anleger von seiner Firma zu überzeugen und Aktien seiner Firma zu verkaufen. Ich Die Wall Street ist das Herz des Weltkapitalismus, weil sie zu mehr als 50 Prozent die weltweite Kapitalisierung bestimmt. Die 3300 börsennotierten Unternehmen haben eine Kapitalisierung, also einen theoretischen Wert, von ca. 20.000 Milliarden Dollar.

STOL: Wie sieht Ihr typischer Arbeitstag aus?

Bonelli: Mein Arbeitstag beginnt mit einer Sitzung um 7.30 Uhr (lokale Zeit), bei der die Analysten meiner Firma die Tagessituation erörtern. Von 8.15 Uhr bis 9.15 Uhr spreche ich mit meinen Klienten und gebe ihnen Ratschläge über Käufe oder Verkäufe. Dabei stütze ich mich zum Teil auch auf die Informationen, die ich auf der Sitzung zuvor bekommen habe. Zwischen 9.30 Uhr bis 16 Uhr - wenn die Wall Street schließt - betreue ich meine italienischen Klienten, d.h. ich arbeite dann als Mittler zwischen den Kunden und der Börse.

STOL: Welche Rolle spielt Erfahrung, wenn Sie Aktien kaufen oder verkaufen wollen?

Bonelli: Eigentlich eine sehr große. Nur: Ich kann einem großen Kunden schlecht sagen „Kauf diese Aktie, ich habe da so ein Gefühl im Bauch“.

STOL: Über die Wall Street gibt es einen gleichnamigen Hollywoodfilm aus dem Jahr 1987. Was sagen Sie zum Streifen?

Bonelli: Diesen Film habe ich schon x-Mal gesehen und ich kann sagen: Der Film beschreibt das Leben der Börsianer perfekt. Mit „Wall Street“ bekommt auch ein Laie einen ausgezeichneten Einblick, wie diese Börse funktioniert.

STOL: Die Wall Street setzt täglich Trillionen von Dollar um und ist damit unweigerlich auch ein Zentrum politischer Macht. Wie nutzt Wall Street diese?

Bonelli: Das ist eine typisch europäische Frage. In Italien sind Politik und Finanz leider eng vernetzt. Ich würde fast sagen, dass diese beiden Bereiche in Italien nicht voneinander zu unterscheiden sind. In den USA ist das absolut nicht so. Die Welt der Politik und die Finanzwelt sind hier strikt getrennt. In Italien gab es bis vor einigen Jahren die Mediobanca von Enrico Cuccia, die das Zentrum der italienischen Finanz war. Wer sich im Umfeld dieser Bank bewegte und wem diese Bank gewogen war, der konnte sich Kapital verschaffen. Aufstrebende Unternehmer, wie z.B. der Tiscali-Gründer Soru, mussten sich - überspitzt gesagt - bei irgendeiner Bank in der Warteschlange anstellen, um einen Kredit zu beantragen.

STOL: Enrico Cuccia ist tot. Wer kommandiert seitdem die italienische Finanzwelt?

Bonelli: Die Politik. Die freie Wirtschaft ist in Italien im Bankwesen immer noch zu schwach. Die Banken in Italien vergeben häufig Kredite nach politischen, und nicht nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten.

STOL: Stimmt es also Ihrer Ansicht nicht, dass die Mächtigen der Wall Street George W. Bush bei seinen zwei Wahlkampagnen mit viel Geld unterstützt haben?

Bonelli: Das ist nur die halbe Wahrheit, denn Wall Street hat beide Kandidaten bzw. Parteien unterstützt. Es hat einmal eine Untersuchung gegeben, ob Wall Street unter einer republikanischen, oder einer von Demokraten geführten Regierung höhere Gewinne einfährt. Das Ergebnis: Es gab fast keinen Unterscheid.

STOL: Wie steht die Wall Street zur "Tobin-Tax", die der Nobelpreisträger für Wirtschaft von 1972, James Tobin, vorgeschlagen hat? Dabei würde ein sehr sehr kleiner Teil der gigantischen täglichen Geldtransfers an der Börse besteuert, um damit Projekte in den Entwicklungsländern zu finanzieren.

Bonelli: Wenn ich ehrlich sein soll: Ich habe noch nie etwas von dieser "Tobin Tax" gehört. Aber das würde sicher als antikapitalistische Maßnahme gesehen, selbst wenn es ein Steuersatz von 0,0001 Prozent wäre. In den USA gibt es kein Bewusstsein für den Hunger und die Armut in der Dritten Welt. Amerikaner haben keine Ahnung von der Geographie und von der Geschichte anderer Völker und Kontinente. Selbst wenn Sie einen gebildeten Amerikaner fragen würden, was er von der No-Global-Bewegung hält, könnte er Ihnen vermutlich nicht antworten, da er wohl nicht wüsste, wovon Sie sprechen.

STOL: Wie war es als Europäer sich in den USA einzuleben?

Bonelli: Ich fühle mich als Europäer in den USA. Das war sogar ein großer Vorteil für mich bei meiner Arbeit. Hier sind alle „standardisiert“, d.h. alle haben mehr oder weniger die gleiche Ausbildung und die gleiche Sichtweise. Ich war als europäischer Neueinsteiger anders denn ich denke anders als die Amerikaner und das hat mir bei der Arbeit Vorteile verschafft.

STOL: Wie waren die ersten Jahre in den USA?

Bonelli: Ich hatte hier nie Probleme damit, mich einzuleben. In den ersten beiden Jahren in den USA habe ich versucht, mich so schnell als möglich an das Land zu gewöhnen.

STOL: Wie würden Sie die Amerikaner beschreiben?

Bonelli: Der durchschnittliche US-Bürger ist sehr ignorant. Vergleicht man die Bildung eines US-Bürger mit der eines Europäers, gibt es einen kolossalen Unterschied. Ein Amerikaner hat aber andere Qualitäten: Er ist mobiler, wenn er Arbeit sucht und ist sofort bereit, Neues zu lernen und er denkt ökonomisch: Amerikanische Taxifahrer habe mich schon oft in Fachdebatten über aktuelle Aktientrends verwickelt.

STOL: Wie sehen Sie Europa von den USA aus?

Bonelli: Europa ist sehr verschlossen. Die Wirtschaft wächst langsam, wenn überhaupt. Ich habe weder großes Vertrauen in das heutige, noch in das zukünftige Europa.

STOL: Wie sehen Sie selbst den Kapitalismus als Wirtschaftssystem?

Bonelli: Ich glaube, dass es das beste, zumindest das bestmögliche System ist. Der Kapitalismus basiert auf Konkurrenz. Wer - wie ich - stark ist, hat Erfolg. Wer schwach ist, warum auch immer, verliert. Das gilt für die USA viel mehr als für Europa, Italien oder Südtirol.

STOL: Auch in Europa macht sich dieser brutale Kapitalismus immer mehr breit und viele Menschen fürchten das.

Bonelli: Was soll ich sagen: Ich denke immer zuerst an mich. Niemand hat mich hier je gefragt, woher ich komme, an welchen Gott ich glaube und welche Schulen ich besucht habe. Wenige Jahre nachdem ich in diese Land gekommen bin, war ich Partner in einer der wichtigsten Firmen der Wall Street. Ich konnte mir ein schönes Haus bei New York kaufen und hatte ein Gehalt, von dem ein Geschäftsführer eines mittleren Unternehmens nur träumen kann. Natürlich weiß ich, dass es nicht bei jedem so gut laufen kann, wie bei mir. Ich fühle mich aber schon dem Multimilliardär George Soros nahe: Er ist sehr sehr reich, weiß aber auch, dass der Kapitalismus manchmal weniger brutal sein muss, dass es auch soziale Netze braucht, auch wenn das antikapitalistisch ist. Wir müssen das auch um unser selbst Willen tun; denn wenn wir z.B. Afrika nicht helfen, werden Massen von Afrikanern früher oder später auch nach Amerika kommen.

STOL: Hat sich die Wall Street in den vergangenen 18 Jahren verändert?

Bonelli: Wirklich verändert hat sie sich mit Internet. Als ich 1987 begonnen habe, waren die Informationen der Analysten wenigen Privilegierten zugänglich. Jetzt kann jeder, überall auf der Welt, diese Informationen haben.

STOL: Aber ist es nicht so, dass vor allem die kleinen Anleger an der Börse meist die Verlierer sind, da sie die wichtigen Informationen immer zuletzt erhalten?

Bonelli: Als ich 1987 an der Börse begonnen habe, war das sicher so. Mittlerweile kann sich aber jeder via Internet die wichtigsten Informationen rechtzeitig besorgen. Ob ein kleiner Anleger allerdings auch die Zeit und die analytischen Fähigkeiten hat, die wichtigen Informationen zur richtigen Zeit sich zu holen und auszuwerten, das ist eine andere Geschichte. Technisch möglich ist es heute jedoch. Ich selbst mache z.B. gerade Urlaub in Italien, arbeite aber und dennoch: Keiner meiner Klienten merkt, dass ich nicht in New York bin.

STOL: Was sollte ein Anleger tun, wenn es einen Börsencrash gibt?

Bonelli: Wenn man die Börsengeschichte studiert, lernt man, dass man nach einem Börsencrash Aktien kaufen soll. Den ersten Rat, den ich geben kann ist, erst einmal die Nerven zu behalten und zweitens Qualität, also Blue Chips-Aktien, zu kaufen.

STOL: Was sind Blue Chips?

Bonelli: Das sind Aktien großer, traditioneller Unternehmen, wie z.B. Microsoft, IBM, Siemens.

STOL: Während des Internet-Booms schienen solche Firmen out. Ihre Erinnerungen an diese Zeit?

Bonelli: Wir haben an der Börse Monopoly gespielt. Ich erinnere mich an den Titel einer kalifornischen Telekommunikationsfirma, die irgendeine Software entwickelt hatte. Im Jahr 1999 stieg dieser Titel an jedem Arbeitstag der Börse durchschnittlich um zehn Prozent. Ein anderes Beispiel: Ich hatte im Jahr 1994 5000 Dollar in eine Aktie einer damals kleinen Firma investiert. Einige Jahre später war diese Firma, die Veritas Software heißt, sehr groß, doch ich hatte mittlerweile vergessen, dass ich Aktien dieser Firma besaß. Ende 1999 wurde ich dann angerufen und man teilte mir mit, dass meine Aktien mittlerweile 625.000 Dollar wert waren. Es war wie ein Lottogewinn.

STOL: Was haben sie sich mit diesem Geld gekauft?

Bonelli: Vielleicht kann ich Sie trösten, wenn ich Ihnen erzähle, dass ich die Hälfte davon sehr schnell verloren habe, weil selbst ich nicht rechtzeitig verstanden hatte, dass die große Spekulationsblase bereits geplatzt war. Den Rest habe ausgegeben.

STOL: New York ist teuer ...

Bonelli: Das halte ich für ein Vorurteil. Die Preise für Waren sind in New York sehr viel niedriger, als in Europa. Nur: In New York gibt man viel Geld für überflüssige Dinge aus, da man kontinuierlich mit Werbung bombardiert wird. Wenn man in ein Geschäft geht, kommt man sehr oft mit Dingen heraus, die man eigentlich gar nicht kaufen wollte.

STOL: Welche Titel würden Sie derzeit generell empfehlen?

Bonelli: Ich empfehle für mittelfristige Anlagen Aktien von Pharmaunternehmen wie Pfizer oder Merck. Von kurzen Investitionen rate ich ab. Langfristige Anlagen sind sicherer.

STOL: Die USA haben die größte Volkswirtschaft der Welt und die Wall Street ist ihr Symbol. China holt mit Riesenschritten auf. Wird die Börse in Shanghai oder in Hong Kong die Wall Street bald als wichtigste Börse der Welt ablösen?

Bonelli: Das könnte geschehen, aber damit werden sich unsere Enkel beschäftigen. China entwickelt sich schnell, braucht aber noch Zeit. Ein Beispiel: Der durchschnittliche chinesische Energieverbrauch pro Kopf liegt momentan auf dem US-Niveau von 1899. Bis sich China an die Leistung der US-Wirtschaft annähern kann, wird es noch drei Generationen dauern. China ist trotz des Aufschwungs letztendlich noch ein Dritte-Welt-Land. Was die Börse betrifft: Natürlich wird China, besser gesagt das Asiengeschäft, immer wichtiger. Nur: Wie schnell das alles gehen wird und wie groß die Rolle Asiens künftig sein wird, weiß heute niemand.

STOL: Welche Tipps würden Sie einem Jugendlichen, der ebenfalls an der Wall Street arbeiten möchte, geben?

Bonelli: Das ist schwer, denn jeder geht seinen Weg. Ich habe diese Karriere nicht angestrebt und hatte Glück. Ich würde mich deshalb nicht getrauen, jemandem meinen Weg zu empfehlen. Generell gesagt sollte ein Jugendlicher aus Südtirol, der sich für die Welt der Finanz interessiert, früh ins Ausland gehen, am Besten nach London oder New York. Zudem muss er ein offenes Denken haben und je mehr Sprachen er gut spricht, desto besser ist es. Eine Fremdsprache ist mehr wert, als ein Uni-Abschluss.

STOL: Was verschafft Ihnen - beruflich gesehen - die größte Genugtuung?

Bonelli: Profitträchtige Firmen früh zu entdecken und sie rechtzeitig meinen Kunden zu empfehlen. Ein Beispiel: 1989 habe ich den Microsoft-Chef von Europa zu einem Treffen nach Mailand gebracht. Von den fünf Teilnehmern die ich eingeladen hatte, kannte niemand Microsoft. Niemand der fünf Herren hatte einen Computer, keiner konnte mit dem Wort Software etwas anfangen. Obwohl das eine ausgezeichnete Gelegenheit für eine äußerst gewinnträchtige Investition war, hat nur einer zugegriffen, und auch das nur um mir einen Gefallen zu machen. Die Aktien hat er dann nach einem Monat mit einem Gewinn von einem Dollar pro Titel wieder verkauft. Für ihn und die anderen vier war das wohl das schlechteste Geschäft ihres Lebens.

STOL: Was war Ihr größter beruflicher Erfolg?

Bonelli: Mein bestes und aufregendstes Jahr hatte ich 1995, dem ersten Boom-Jahr für High-Tech. In diesem Sektor sind damals die Aktien solcher Firmen um 200 bis 300 Prozent gestiegen. Damals habe ich es geschafft, die Bedeutung dieser Entwicklung den institutionellen Anlegern in Italien begreiflich zu machen. Woran ich mich aber auch gerne erinnere ist der Oktober 2002, als ich oft beim Börsen-TV von Bloomberg zu Gast war. Damals habe ich – anhand verschiedener Faktoren – den historischen Tiefpunkt der Aktienkurse auf den Tag genau vorhergesehen. So wie ich es öffentlich angekündigt hatte, ist es dann auch passiert: Die Kurse zogen nach diesem Tag wieder an.

STOL: Ihre größte berufliche Niederlage?

Bonelli: Das war kein einzelnes Ereignis, sondern das waren die Jahre zwischen Ende 2000 und Ende 2002.

STOL: Was würden Sie heute anders machen, wenn sie noch einmal an den Beginn Ihrer Karriere an der Wall Street zurückkehren könnten?

Bonelli: Nicht viel. Vielleicht wäre ich im Jahr 2000 vorsichtiger. Damals habe ich einige Monate gebraucht um zu verstehen, dass die große Euphorie vorbei war.
STOL: Gibt es in Ihrem Job echte Freundschaften?

Bonelli: Nein.

STOL: Wie hat sich New York nach dem 11. September 2001 verändert?

Bonelli: New York hat viele schwere Zeiten durchlebt, ist aber immer wieder aufgestanden. Das ist auch diesmal geschehen, aber der 11. September ist wie eine frische Narbe. Dieser Tag wird immer in der Seele von New York eingebrannt bleiben. Nach dem Attentat habe ich nie wieder jene Euphorie, jenen Optimismus bei den Leuten gesehen, wie zuvor.

STOL: Sie leben ein stressiges Leben. Wie halten Sie den Rhythmus durch?

Bonelli: Tatsächlich arbeiten Leute in meinem Bereich durchschnittlich ca. sieben Jahre, bevor sie Job wechseln. Ich bin schon seit fast 20 Jahren dabei. Glücklicherweise schließt die Wall Street um 16 Uhr lokaler Zeit und ich bringe meine Arbeit nicht nach Hause. Nach 16 Uhr fängt für mich also ein anderer Tag an. Ich betreibe viel Sport; für den weltweit schwersten Triathlon in Hawaii habe ich mich bereits mehrere Male qualifiziert.

STOL: Wie oft kehren Sie eigentlich nach Südtirol zurück?

Bonelli: In Mailand bin ich aus beruflichen Gründen oft und so komme ich dann ca. sechs Mal im Jahr für ein Wochenende nach Bozen.

STOL: Wie lange wollen Sie noch Stockbroker sein?

Bonelli: Mindestens noch zehn Jahre. Ich könnte mir keinen anderen Beruf vorstellen.

Interview: Rupert Bertagnolli




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