Werbung - Redaktion - Mittwoch, 23. Mai 2012
10. Dezember 2009
Stefano Rossi in Abu Dhabi - Fotoquelle: Privat © 2009 Stefano Rossi in Abu Dhabi - Fotoquelle: Privat Fotoquelle: Privat © 2009 Fotoquelle: Privat Fotoquelle: Privat © 2009 Fotoquelle: Privat Fotoquelle: Aldar © 2009 Fotoquelle: Aldar Stefano Rossi in Abu Dhabi - Fotoquelle: Privat © 2009 Stefano Rossi in Abu Dhabi - Fotoquelle: Privat Fotoquelle: Privat © 2009 Fotoquelle: Privat Fotoquelle: Privat © 2009 Fotoquelle: Privat Fotoquelle: Aldar © 2009 Fotoquelle: Aldar
Porträt

„Sie werfen Geld zum Fenster raus"

Als im vergangenen November das erste Formel 1-Rennen im Emirat Abu Dhabi stattfand, standen die Strecke und die diversen Attraktionen rund um den Kurs weltweit im Mittelpunkt. Auch ein Südtiroler hat an dem Glanzstück mitgearbeitet: Der Brixner Stefano Rossi war dafür zuständig, dass die „Ferrari World“ ihr 40 Fußballfelder großes Dach aufgesetzt bekam. Mit Südtirol Online hat sich der 33-Jährige über sein Leben und Arbeiten in der Wüste unterhalten.

STOL: Herr Rossi, was machen Sie in Abu Dhabi?

Stefano Rossi: Ich bin Projektmanager für die Firma, die das riesengroße rote Dach und die gesamte Außenhülle der „Ferrari World" auf Yas Island gebaut hat. Dort fand am 1. November dieses Jahres der erste Formel-1-Grandprix von Abu Dhabi statt.

STOL: Was ist die „Ferrari World"?

Rossi: Der erste Ferrari-Themenpark der Welt. Er wird eine Gesamtfläche von 25 Hektar haben, allein acht davon machen das Dach aus. Das entspricht ungefähr der Größe von 40 Fußballfeldern. Damit ist es der weltgrößte überdachte Anteil in einem Themenpark und gleichzeitig auch das größte zusammenhängende Dach der Welt. Eröffnet werden soll „Ferrari World" im Juni 2010.

STOL: Was erwartet die Besucher des Ferrari-Themenparks?

Rossi: Ferrari World hat 28 Attraktionen, die alle um das Thema Ferrari kreisen: Das Angebot reicht von Shops, über 3D-Kinos bis hin zu goKart- und Achterbahnen. Ein Erlebnispark für die ganze Familie.

STOL: Was ist das Besondere am Dach?

Rossi: Das Dach war eine echte Herausforderung, da jedes Alu Paneel, das produziert wurde, verschieden war und die ganze Produktion mit 3D-Programmen gesteuert wurde. Die Herstellung und Installation erfolgen über echte Handarbeit, die nur von Fachmännern gemeistert werden kann. Ein gerades Alu Paneel in eine dreidimensionale Form zu bringen, ist nicht so einfach. Wir haben 25.000 Paneele verlegt, die längsten sind über 90 Meter lang.

STOL: Was war Ihre Aufgabe?

Rossi: Bauleitung, Management, Detailplanung, Einteilung der Arbeiter. Allein unsere Firma hatte 30 Supervisoren, die hauptsächlich aus Norddeutschland stammen, 500 Arbeiter, vorwiegend aus dem asiatischen Raum, und unzählige Maschinen auf der Baustelle. Das war quasi ein Rund-um-die-Uhr-Job.

STOL: Wie verständigt man sich da untereinander?

Rossi: Arbeitssprache ist Englisch. Auch außerhalb des Büros wird hauptsächlich Englisch gesprochen.

STOL: Wie kamen Sie zu dem Job?

Rossi: Das kam ganz zufällig und schnell zustande. Die Firma Interfalz, ein Unternehmen aus Deutschland, das auf Dach- und Fassadenbau spezialisiert ist, hat mich kontaktiert und angefragt, ob ich nicht Interesse hätte, für sie als Architekt nach Abu Dhabi zu gehen. Ich habe zu der Zeit in einem Architekturbüro in Innsbruck gearbeitet und musste mich innerhalb von zwei Wochen entscheiden. Mein damaliger Chef hat mir keine Steine in den Weg gelegt - und nachdem ich vor Jahren einmal einige Monate in Berlin gearbeitet habe und es mir da super gefallen hat, hab ich mir gedacht: „Ja, auf geht's! Ab ins Ausland."

STOL: Wie wurde Interfalz auf Sie aufmerksam und warum?

Rossi: Ich hatte mich durch eine ehemalige Arbeitskollegin mit dem Verkaufsleiter der Firma in Innsbruck getroffen. Interfalz suchte jemanden, der 3D-Computerprogramme beherrscht und ihnen ab und zu bei schwierigen Projekten helfen kann.

STOL: Haben Sie schon früher an Projekten in dieser Größenordnung mitgearbeitet?

Rossi: Nein. Ich habe bis zur „Ferrari World" hauptsächlich in Architekturbüros in Nord- und Südtirol gearbeitet und dort ist die Arbeit komplett anders: Da geht es vorrangig um den Entwurf. Eine Zeitplanung mit der Genauigkeit wie auf der Riesenbaustelle von „Ferrari World“ wird dort nicht verlangt.

STOL: Wie war Ihr erster Besuch auf der Baustelle?

Rossi: Es war so gewaltig, dass ich regelrecht geschockt war. Als ich Richtung „Ferrari World“-Baustelle gefahren bin, sind wir an unzähligen Baustellen vorbei gekommen, die im Verhältnis alle schon groß waren. Doch als ich zu „Ferrari World“ kam und von einem Ende zum anderen fuhr, dauerte allein das schon zehn Minuten: Tausende Arbeiter, Hunderte Maschinen, alle auf einem Haufen, das ist überwältigend.

STOL: Weshalb sind Sie noch in Abu Dhabi?

Rossi: Ich werde weiter an „Ferrari World" arbeiten. Wir bauen jetzt an einem viel kleineren Projekt als dem Dach, nämlich an zwei Achterbahnen, die zum Themenpark gehören. Eine davon soll mit einer Geschwindigkeit von etwa 215 Stundenkilometern die schnellste Achterbahn der Welt werden.

STOL: Werden Sie nach dem Abschluss aller Arbeiten dort bleiben?

Rossi: Ich würde gerne noch eine Zeit lang hier bleiben. Wir von Interfalz arbeiten daran, weitere Aufträge in der Gegend zu erhalten. „Ferrari World" ist natürlich eine perfekte Referenz und deshalb gibt es bereits Kontakte für neue Projekte.

STOL: Wie finden Sie Abu Dhabi?

Rossi: Im Gegensatz zu vielen anderen, die nach einigen Monaten wieder weggehen, gefällt es mir hier. Ich versuche, mir das Positivste aus dem Land herauszuholen. Das ist nicht immer leicht, doch so sollte man es mit jedem Ort halten, an dem man lebt.

STOL: Warum ist das nicht immer leicht?

Rossi: Es ändert sich hier alles rasend schnell. Kollegen und Freunde werden von einem Tag auf den anderen versetzt, man muss immer wieder neue Kontakte aufbauen. Auch mit „locals“ Kontakt zu knüpfen ist nicht so einfach. Hier muss man selbst schauen, wie man sich ein bisschen Abwechslung vom Alltag schafft. Es wird im Vergleich zu Europa sehr wenig geboten. Doch wie gesagt: Wenn man will, kann man viel Positives rausholen.

STOL: Seit wann sind Sie in Abu Dhabi?

Rossi: Seit Dezember 2008. Da ich sehr viel Arbeit hatte und im Stress war, bin ich seither auch nur einmal nach Hause geflogen. Sobald das aktuelle Projekt abgeschlossen ist, fliege ich wieder nach Südtirol, also wahrscheinlich im Februar 2009. Aber wie gesagt: Ich bleibe gern hier - auch wenn das im Sommer so eine Sache ist.

STOL: Warum?

Rossi: Während der zwei, drei Sommermonate ist es einfach sehr, sehr heiß. Wenn man an den Strand geht, dann glüht der Sand und das Wasser ist etwa 35 Grad warm. Wir sind zwar manchmal nachmittags hin, als der Sand nicht mehr ganz so heiß war, aber das Wasser bot auch dann keine Abkühlung.

STOL: Wie hält man es bei diesen Temperaturen auf der Baustelle aus?

Rossi: Im Sommer war es ziemlich hektisch: einerseits auf der Baustelle, wo die Jungs Tag und Nacht alles gegeben haben, und andererseits bei uns im Büro, wo wir Tag für Tag einen Terminplan aufgestellt bzw. aktualisiert haben, der es in sich hatte. Dafür musste ich - zum Glück - relativ viel Zeit im klimatisierten Büro verbringen. Doch wenn wir auf der Baustelle waren, ging ohne Zwei-Literflaschen Wasser für zwei Stunden nichts. Man kann aber nicht die Dramaqueen spielen und sich ständig über die Hitze beschweren. Die Arbeiter mussten ja zehn Stunden täglich damit leben. Jeder Arbeiter trank in dieser Zeit durchschnittlich zehn Liter Wasser.

STOL: Geht das überhaupt?

Rossi: Ja, denn einige der Arbeiter sind Anfang/Mitte Juni aufgrund der Hitze umgekippt. Da haben wir gleich damit begonnen, den Leuten Vitamine zu verabreichen und sie zum Wassertrinken anzuhalten. Wir hatten zum Beispiel auf der Dachfläche einige Wasserkühler verteilt, an denen sich jeder bedienen konnte.

STOL: Hat es in dem Jahr, das Sie mittlerweile in Abu Dhabi leben, jemals geregnet?

Rossi: Nein. Aber ich habe gehört, dass es ziemlich heftig ist, wenn es tatsächlich einmal regnet. Das kommt meistens im Frühjahr vor. Bekannte, die in Dubai leben, haben mir erzählt, dass die Straßen einen Meter unter Wasser standen und Dächer abgedeckt wurden, als es dort zuletzt geregnet hat. Wenn es in Dubai regnet, weht bei uns immer ein gewaltiger Sandsturm.

STOL: Wie groß ist Abu Dhabi?

Rossi: Die Stadt selbst befindet sich auf einer Insel und ist durch zwei Brücken mit dem Festland verbunden, doch auch außerhalb befinden sich noch Bezirke und Inseln, die zur Stadt gehören und noch in voller Entwicklung stehen. Die Größe der Stadt selbst begrenzt sich deshalb auf die Insel.

STOL: Gibt es in Abu Dhabi so etwas wie Hauptattraktionen – ähnlich wie in Dubai. Oder wird so etwas erst jetzt mit Projekten wie der „Ferrari World“ aufgebaut?

Rossi: Abu Dhabi hat diverse Attraktoren, die aber alle an der Corniche, dem Teil der Stadt, die dem Golf zugewandt ist, angeordnet sind. Emirates Palace, Abu Dhabi Mall und die Corniche selbst sind Landmarks für Abu Dhabi. Im Landesinneren findet man dann die riesige Sheik Zyed Moshee, Etihad und Aldar Headquarters und natürlich Yas Island mit „Ferrai World“ und Yas Hotel.

STOL: Wie leben Sie in Abu Dhabi?

Rossi: Ich wohne gemeinsam mit einem Kollegen in einer kleinen Villa in der Nähe der Baustelle in einem Vorort, der etwa 30 Minuten von der Stadt Abu Dhabi entfernt ist. Unser Arbeitgeber kommt für die Miete auf, genauso wie für mein Auto.

STOL: Machen Sie in Ihrer Freizeit Ausflüge - zum Beispiel in die Wüste?

Rossi: Das ist sich bisher erst zwei Mal ausgegangen, was sicher damit zusammenhängt, dass wir hier an sechs Tagen pro Woche arbeiten. Ruhetag ist der Freitag, weil wir uns natürlich an den freien Tag der muslimischen Vereinigten Arabischen Emirate (VEA) halten müssen. Als wir mit der Fertigstellung des Dachs an „Ferrari World“ unter Zeitdruck gekommen sind und deshalb auch am Freitag arbeiten wollten, war das eher sinnlos: Mehr als die Hälfte unserer Arbeiter waren nicht bereit, an diesem Tag zu arbeiten. Aber zurück zu meiner Freizeit: Ich hatte das Glück einen Kollegen zu haben, der ein Motorboot besaß. Damit sind wir dann oft aufs Meer - den Persischen Golf – hinausgefahren und haben Wasserski oder Wakeboard betrieben.

STOL: Sie verbringen Ihre Freizeit also hauptsächlich in Abu Dhabi?

Rossi: Nein. Ich fahre manchmal - gerade zum Ausgehen - auch nach Dubai. Das ist mit dem Auto etwa 40 Minuten von meinem Wohnort entfernt.

STOL: Welche Besonderheiten bietet das Nachtleben in Dubai?

Rossi: Clubs und Lokale aller Art. Dubai kann diesbezüglich mit den meisten Metropolen der Welt mithalten. Auch die Strände sind dort toll.

STOL: Wie hält man es in Abu Dhabi und Dubai mit der westlichen Lebensart?

Rossi: Es überrascht mich bis heute, wie inkonsequent die Einheimischen, die sogenannten „locals", diesbezüglich sind: Einerseits sind sie sehr gläubig und legen sehr großen Wert auf die muslimische Kultur, andererseits ist jedes Einkaufszentrum freitags geöffnet, die Frauen können auf der Straße Mini-Röcke tragen und in der Öffentlichkeit kann man eigentlich alles machen - bis auf Händchen halten. Auch beim Ausgehen gibt es nur wenige Tabus: Wenn man nicht gerade in angetrunkenen Zustand im Freien oder im Auto angetroffen wird, dann ist alles erlaubt.

STOL: Gilt in Abu Dhabi die Sharia?

Rossi: Ich habe mich sehr wenig mit dem Islam befasst. Doch die Sharia im umfassenden Sinne, also auch im Juridischen, wird zum Glück nicht so angewandt, wie es in anderen Ländern des Mittleren Ostens der Fall ist. Wie schon erwähnt, ist alles ein bisschen inkonsequent. Frauen müssen ihr Haupt nicht bedecken – sofern es nicht das Familienoberhaupt befiehlt. Drei Mal am Tag Beten ist für manchen Muslim ausreichend und ab und zu habe ich auch gesehen, wie Gläubige während des Fastenmonats Ramadan eine Zigarette geraucht haben. Im Grunde genommen wollen sich die „locals“ an die westliche Welt anpassen und trotzdem ihre Identität nicht verlieren. Das kommt einer Gratwanderung gleich.

STOL: Abu Dhabi ist stinkreich. Ist das Leben dort teuer?

Rossi: Eigentlich ist das Leben hier günstig. Abgesehen von den Mietkosten – für eine Zweizimmerwohnung zahlt man rund 1500 Euro – befinden sich die Preise hier auf dem Level einer mitteleuropäischen Stadt. Wenn man nicht auf großem Fuß lebt, kommt man auch mit einem kleinen Gehalt über die Runden. Allerdings verdient man hier wesentlich mehr als in Europa. Das heißt, man gibt auch mehr aus. Bei mir ist es so, dass meine Firma die Miet- und Benzinspesen übernimmt. Das Ausgehen ist ebenfalls ziemlich teuer, denn die meisten Hotels sind Fünf-Sterne-Betriebe: dementsprechend hoch ist auch der von ihnen angebotene Standard.

STOL: Wie viel kostet ein Liter Benzin in Abu Dhabi, wie viel in Dubai?

Rossi: Der Benzinpreis ist in den VAE durchgehend gleich. Ein Liter Benzin kostet ca 0,25Euro, mit 15 Euro tanke ich meinen Wagen voll.

STOL: Feiern in den Clubs nur Ausländer oder auch Einheimische?

Rossi: Zu 95 Prozent sind es sicher die Arbeitsimmigranten aus Europa und Nordamerika, die sogenannten „expats". Der Rest sind „locals", die sich allerdings meist im westlichen Stil und nicht traditionell kleiden. Ab und an sind auch Frauen darunter, die ziehen sich beim Verlassen der Disko dann einfach ein Tuch über - dann passt es wieder.

STOL: Sind unter Ihren Freunden auch „locals"?

Rossi: Nein. Ich kenne auch niemanden, der einen Einheimischen im Freundeskreis hat. Ich habe den Eindruck, dass sich die „locals" ziemlich abschirmen und es schwierig ist, sie überhaupt kennenzulernen. Ansonsten ist es ziemlich leicht, hier neue Kontakte zu knüpfen und Freunde zu finden. Ich treffe mich hauptsächlich mit Europäern, Amerikanern und Australiern.

STOL: Können Sie die Gesellschaft, also die Einheimischen in Abu Dhabi beschreiben?

Rossi: In Abu Dhabi leben rund 200.000 „locals“ und 600.000 „expats“, darunter auch Pakistani, Bangali, Filipionos und Europäer. Die „locals“ nehmen in der Gesellschaft einen gehobenen Rang ein. Dieser wird von der Regierung unterstützt, indem Eheschließungen zwischen jungen Emiratis gefördert werden, indem die Ausbildung der Kinder und Jugendlichen finanziell unterstützt wird und indem Arbeitsplätze für sie geschaffen werden. So bleibt der „local“ immer ein angesehener Teil der Gesellschaft.

STOL: Sind unter ihren dortigen Freunden auch Südtiroler?

Rossi: Ich kenne hier einige Südtiroler, auch dank des Netzwerkes "Südstern". Über einen Bekannten, der schon länger in den VAE arbeitet, habe ich mich, bevor ich nach Abu Dhabi gekommen bin, über das Land informiert.

STOL: Was gefällt Ihnen an den VAE?

Rossi: Dass es sowohl im Sommer als auch im Winter warm ist - manchmal auch zu warm. Aber lieber zu warm als zu kalt. Allerdings freue ich mich schon wieder auf das Snowboarden in Südtirol, wenngleich das Wakeboarden und Kitesurfen hier in Abu Dhabi einen kleinen Ersatz dafür bieten.

STOL: Gibt es noch andere Vorteile?

Rossi: Eigentlich nicht. Ich würde nicht sagen, dass es mir in Abu Dhabi so gut gefällt, dass ich für immer hier bleiben möchte. Das sicher nicht, dafür liebe ich die Berge zu sehr.

STOL: Die Wüste ist also kein Ersatz für die Berge?

Rossi: Nein, mir ist sie zu eintönig. Die Wüste ist für mich einfach nur Sand, Sand, Sand…und hin und wieder ein Kamel. Ich bin ziemlich viel in der Welt herumgereist und finde, dass es sehr viele tollere Orte mit abwechslungsreicherer Landschaft gibt. Allerdings muss ich zugeben, dass ich bisher erst zwei Mal so richtig in der Wüste war. Wahrscheinlich auch deshalb, weil mich andere Dinge mehr interessieren.

STOL: Wie schaut es mit Kamelreiten aus?

Rossi: Ich habe mich in der Wüste noch auf kein Kamel gesetzt. Das ist mir einfach zu touristisch. Und frei laufende Kamele in der Wüste konnte ich bisher nicht reiten, da sie sehr menschenscheu sind.

STOL: Was war Ihr erster Eindruck, als Sie in den VAE angekommen sind?

Rossi: Als wir im Landeanflug auf den Flughafen von Abu Dhabi waren, habe ich die Stadt unter mir gesehen und mir Gedanken darüber gemacht, wo die Baustelle sein wird. Ich habe mir aber auch gedacht: Vom Stadtplanerischen her, schaut das alles so amerikanisch, so eintönig, so auf Blöcke aufgebaut aus. Dieser Eindruck hat sich später bestätigt. Mir ist aufgefallen, dass man sich einige Tage lang schwer tut, den Heimweg zu finden, wenn man umzieht. Es fehlen nämlich Orientierungspunkte - Berge gibt es ja wie gesagt keine.

STOL: Was hat Sie in Abu Dhabi überrascht?

Rossi: Ich habe mir ein muslimisches Land vorgestellt und westlichen Lebensstandard vorgefunden.

STOL: Welches ist der eklatanteste Unterschied zwischen Abu Dhabi und Südtirol?

Rossi: Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll: die Landschaft und der Versuch die Wüste zu begrünen. Wenn man es mit einem Blick aus dem Fenster in Südtirol vergleicht, dann bekommen sie es mit dem Grün hier einfach nicht hin. Dann die Einheimischen selbst: Sie sind nicht so offen gegenüber Ausländern, bei uns ist das etwas anderes, vielleicht wegen der langen Tourismustradition. Andererseits spricht fast jeder „local" Englisch. Außerdem können die Einheimischen – sowohl politische Entscheidungsträger als auch normale Bürger - in den VAE mit Geld nicht umgehen. Sie werfen es beim Fenster hinaus. In das Projekt Yas Island inklusive Begradigung der Küstenlinien, „Ferrari World", Formel 1-Strecke usw. wurden unglaubliche 26,5 Milliarden Euro investiert. Auch ob etwas ein paar Dollar mehr kostet als vorgesehen, interessiert hier niemanden.

STOL: Lebt Abu Dhabi nur vom Öl oder versucht man – wie in Dubai – sich auf die Zeit danach vorzubereiten, wenn die Reserven erschöpft sind?

Rossi: Dubai ging voran, Abu Dhabi zieht nach. Beide setzen jetzt alles auf den Tourismus, mal sehen was daraus wird. Abu Dhabi ist zum Glück zurückhaltender mit dem Bauen als Dubai, es hat gleichzeitig aber auch mehr Ölreserven. Trotzdem bin ich nicht ganz sicher, ob der Tourismus das Ass im Ärmel ist.

STOL: Die Regierungsform in den VAE ist autoritär. Bekommen Sie das als Gastarbeiter auch zu spüren?

Rossi: Von bestimmten Entscheidungen, die Sheikh Khalifa bin Zayid Al Nahyan, der derzeitige Herrscher im Emirat Abu Dhabi, fällt, bin auch ich betroffen und werde dadurch etwas eingeschränkt. Zum Beispiel wurde im vergangenen Jahr Silvester abgesagt, weil zum einen eine wichtige Persönlichkeit im Iran gestorben ist und zum anderen der Sheihk bestimmte politische Vorgänge im Ausland nicht gutgeheißen hat. Auch wenn ein Gast des Sheikhs oder er selbst durch die Stadt fährt bzw. fahren und plötzlich alle Straßen abgesperrt werden, erkennt man die Macht des Herrschers. Für mich ist es unverständlich, dass wegen einer Person so viele Menschen Unannehmlichkeiten in Kauf nehmen müssen. Aber: So ist er eben! Und beklagen tut sich auch niemand, weil es letztlich unter seiner Herrschaft allen gut geht.

STOL: Interessieren Sie sich für die Politik der VAE und informieren Sie sich darüber?

Rossi: Eigentlich halte ich mich da raus: Denn die lokalen Medien werden ziemlich zensiert – sowohl die arabischsprachigen, die ich eh nicht verstehe, als auch die englischsprachigen. Das merkt man auch, wenn man im Internet surft und bestimmte Seiten nicht aufgehen. In den Zeitungen wird alles mit Bezug auf die Herrscherfamilie positiv dargestellt, Negatives ist die große Ausnahme. Zum Beispiel hat es vor nicht allzu langer Zeit einen Zwischenfall mit einem Einwanderer aus Asien und einem Mitglied der Herrscherfamilie gegeben. Der Asiate wurde angeblich misshandelt, das wurde bekannt und hat weltweit für großes Aufsehen gesorgt – hier wurde er in den Medien totgeschwiegen. Nach diesem Ereignis haben auch die meisten meiner Bekannten aufgehört, sich über die lokalen Medien zu informieren.

STOL: Was haben Sie in Abu Dhabi gelernt?

Rossi: Im vergangenen Jahr habe ich vor allem im Arbeitsumfeld viel gelernt: den Umgang mit so vielen verschiedenen Kulturen, den Stress einer Riesenbaustelle mit ihren ganzen Problemen. Es war sicherlich eine positive Zeit in diesem Sinne.

STOL: Hat Sie die Zeit in Abu Dhabi beeinflusst/verändert?

Rossi: Ich glaube nicht. Aber das kann ich selbst so nicht beurteilen.

Interview: Simone Treibenreif

Fotoquelle: Aldar
© 2009

Fotoquelle: Aldar



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