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Artikel vom 20. Mai 2012

Silvia Kofler beim G8-Gipfel: „Erkläre Amerikanern die EU“

Als Pressesprecherin der EU war Silvia Kofler beim G8-Gipfel in Camp David in den USA mit dabei. Im Interview mit Südtirol Online berichtet die Mühlbacherin, die derzeit mit ihrer Familie in Washington lebt, von ihren Eindrücken.

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Silvia Kofler beim G8-Gipfel in Camp David. - Foto: STOL

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Silvia Kofler - Foto: STOL

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STOL: Was war Ihre Aufgabe beim G8-Gipfel in Camp David?

Kofler: Ich arbeite seit eineinhalb Jahren in Washington als Pressesprecherin für die Europäische Union in den Vereinigten Staaten. Beim G8-Gipfel waren nicht nur die Regierungschefs der G8-Staaten dabei, sondern auch der Präsident des Europäischen Rates, Herman Van Rompuy, und EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso. Ich habe amerikanische, aber auch europäische Medien über den G8-Gipfel und speziell über die politische Linie und die Ziele der Europäischen Union informiert.

STOL: Was stand beim G8-Gipfel auf dem Programm?

Kofler: Am Freitag hat es zunächst ein informelles Abendessen gegeben, bei dem vor allem über Syrien,  den Iran und Nordkorea geredet wurde. Am Samstag stand die Weltwirtschaftslage im Mittelpunkt, weitere Themen waren  die Energie- und die Klimapolitik. Am Samstagmittag sind die Regierungschefs mit Vertretern afrikanischer Staaten zusammengetroffen, um über die Nahrungsmittelsicherheit zu beraten. Am Samstagnachmittag ging es um außenpolitische Themen.

STOL: Van Rompuy und Barroso haben sich für einen Verbleib Griechenlands in der Euro-Zone ausgesprochen…

Kofler: Ja, bei einer Pressekonferenz am Freitagabend haben sie betont, dass die EU will, dass Griechenland in der Euro-Zone bleibt und dass sie alles dafür tun wird, um dies möglich zu machen. Sowohl die EU als auch Griechenland müssten zu den eingegangenen Verpflichtungen stehen. Solidarität und Verantwortung spielen auf beiden Seiten eine Rolle, sagten sie.

STOL: Was ist Obamas politische Linie in Bezug auf die Wirtschaftskrise in Europa?

Kofler: Die USA werden sicher kein Geld investieren, um Europa aus der Krise zu holen. Sie verstehen, dass es in Europa Sparmaßnahmen und strukturelle Reformen braucht. Dennoch ist Obama überzeugt, dass man das Wachstum durch Investitionen fördern und die Wirtschaft ankurbeln muss.

STOL: Welchen Eindruck hat Ministerpräsident Mario Monti Ihrer Meinung nach beim G8-Gipfel hinterlassen?

Kofler: Monti hat am Samstag in das Thema der Wirtschaftslage in Europa eingeführt. Er wird in den USA als ein Politiker gesehen, der ein  Land, das vor dem Abgrund stand,  gerettet hat. Er wird in den USA sehr geschätzt. 

STOL: Mit François  Hollande gab es ein weiteres neues Gesicht auf dem G8-Gipfel. Wie hat er sich präsentiert?

Kofler: Er hat ein lockeres, sicheres Auftreten. Außerdem spricht er besser Englisch als Sarkozy.

STOL: Wie kann man sich Camp David, den Landsitz des US-Präsidenten, vorstellen?

Kofler:  Camp David ist ein ganz kleiner Ort, der auf der Landkarte gar nicht zu finden ist. Er befindet sich neben einem kleinen Dorf in einer netten Gegend, rundherum gibt es einen Naturpark.

STOL: Wie war die Pressearbeit dort organisiert?

Kofler: Wir haben in einem verhältnismäßig kleinen Pressezentrum gearbeitet, viel kleiner als bei anderen G8-Gipfeln. Hier wurde der Zugang für die Presse auf ein Minimum beschränkt. Frankreichs Präsident Hollande etwa hat 100 Journalisten mitgebracht, ins Pressezentrum durften aber nur 15 pro Delegation.

STOL: Wie sehr wurde auf die Sicherheit der Regierungschefs geachtet?

Kofler: Das Pressezentrum war etwa einen Kilometer von Camp David entfernt. Um dort hinzugehen, musste man etwa eineinhalb Stunden einplanen, weil es so strenge Kontrollen gab. Die Sicherheitsvorkehrungen waren enorm.

STOL: Warum fand der G8-Gipfel in Camp David und nicht in Chicago statt, wo es ja gleich anschließend einen NATO-Gipfel gibt?

Kofler: Obama wollte ein Treffen in einem kleinen, intimen Kreis, um ohne großen Firlefanz eine  furchtbare Diskussion führen zu können.

STOL: Auch der Dress-Code war anders als üblich…

Kofler: Die Staatsleute sollten sich informell anziehen, ohne Krawatte und Jackett. Hollande ist aus dem Rahmen gefallen, als er beim offiziellen Abendessen als einziger eine Krawatte trug.

STOL: Wie waren  die Spitzenpolitiker untergebracht?

Kofler: Jeder Staatsmann hatte  ein eigenes kleines „Cottage“, eine kleine Hütte. Jene von Obama war die größte und komfortabelste, die anderen waren wirklich klein und hatten nur ein Zimmer, einen Vorraum und eine kleine Terrasse. Die Begleiter der Politiker, die sicher einen anderen Standard gewohnt sind, mussten in kleinen Hütten mit Stockbetten schlafen, weil es sonst nicht genug Platz gab.

STOL: Wie sah das Programm der First Ladies aus?

Kofler: Sie sind allesamt in Washington geblieben und haben ein separates Programm absolviert, zu dem Michelle Obama eingeladen hatte.

STOL: Werden Sie auch beim NATO-Gipfel in Chicago dabei sein?

Kofler: Da ja auch Van Rompuy und Barroso daran teilnehmen, werde ich auch dort die Pressearbeit für die EU machen.

STOL: Sie haben mehr als vier Jahre lang als Pressesprecherin der EU-Delegation in Tokio gearbeitet. Nun wohnen Sie mit Ihrer Familie in Washington. Wie  unterscheidet sich das Leben in den USA von jenem in Japan?

Kofler: In Tokio leben Millionen von Menschen auf engstem Raum. Damit dies funktioniert, ist gegenseitiger Respekt sehr wichtig.  Hier in den USA ist alles groß und die Stadt Washington ist sehr weitläufig. Was hier in den USA nicht so gut funktioniert wie in Japan, sind die öffentlichen Verkehrsmittel. Hier ist nahezu jeder auf ein eigenes Auto angewiesen.

STOL: Wie unterscheiden sich Japaner und US-Amerikaner charakterlich?

Kofler: Sie haben gemeinsam, dass sie immer sehr freundlich sind. Die Japaner allerdings sind sehr zurückhaltend, während die Amerikaner sehr überschwänglich ist. Für die Pressearbeit ist es hier einfacher, weil man mit den Amerikanern direkter reden kann als mit den Japanern.

STOL: Wo lebt es sich billiger: In Washington oder in Tokio?

Kofler: Ich dachte, dass es in Washington billiger sein würde als in Tokio, das stimmt aber nicht. Besonders wenn man auf Qualität achtet, also etwa nicht nur Fast Food  essen will,  ist es hier in der Stadt nicht billig.

STOL: Wohnen Sie im Zentrum von Washington?

Kofler: Wir wohnen eher zentral. Mir war das wichtig, weil ich mit meinen europäischen Vorstellungen dachte, dann seien Geschäfte und öffentliche Einrichtungen viel näher. Dem ist aber nicht so: Das Einkaufen findet fast ausschließlich in den riesigen Shopping-Malls außerhalb es Zentrums statt. Diese versuche ich zu meiden, weil es dort immer laut und voll ist – kein sympathisches Einkaufen. Kleine Geschäfte gibt es hingegen fast gar nicht. Deshalb kaufe ich – wie viele andere – immer mehr im Internet ein.

STOL: Wie ist das Klima in Washington?

Kofler: Das Klima ist sehr angenehm, das Wetter oft schön. Allerdings ist es oft schwierig vorherzusehen, wie sich das Wetter entwickelt. In Südtirol ist es in der Früh kühl und es wird im Laufe des Tages immer wärmer, hier kann das auch genau umgekehrt sein.

STOL: Wie lange werden Sie noch in den USA bleiben?

Kofler: Noch bis 2014. Wo ich danach arbeiten werde, weiß ich noch nicht. Europa würde mich interessieren, vielleicht aber auch nochmal Asien. Derzeit mache ich mir darüber aber noch keine Gedanken– ich bin sehr damit beschäftigt, den Amis Europa zu erklären.

Interview: Margit Fuchs