Sonntag, 12. Februar 2012
08. Januar 2010
Manfred Fuchs © 2010 Manfred Fuchs Manfred Fuchs © 2010 Manfred Fuchs Manfred Fuchs © 2010 APA/AFP Manfred Fuchs Manfred Fuchs © 2010 D Manfred Fuchs
Portrait

„In 25 Jahren wird der Mensch auf dem Mars landen“

Der aus Latsch stammende Raumfahrttechniker Manfred Fuchs – seit 2008 Ehrenbürger der Gemeinde - wird maßgeblich für das GPS-Nachfolgesystem Galileo verantwortlich sein. Sein Unternehmen, der Technologiekonzern OHB mit Sitz in Bremen, hat von der EU am Donnerstag den Zuschlag für den Bau von 14 Satelliten bekommen und damit EADS, das zweitgrößte Luft- und Raumfahrtunternehmen der Welt, ausgestochen. STOL hat mit Manfred Fuchs im Jahr 2005 ein Interview geführt, das wir hier erneut veröffentlichen.

Mit 17 Jahren war er der jüngste Pilot Italiens, mit 18 ging er nach Deutschland um Flugzeugbau und Raumfahrt zu studieren. Seit damals sind 53 Jahre vergangen und Manfred Fuchs aus Latsch kann auf eine große berufliche Karriere zurückschauen: Er ist der Großvater der Spacelabs und der Weltraumstation Columbus. Was das Geheimnis seines Erfolges ist, welchen Stellenwert die Raumfahrt für Südtirol hat und was er sich von der Zukunft erwartet, hat Manfred Fuchs Südtirol Online Interview erzählt.

Südtirol Online: Wie kommt ein Südtiroler an die Spitze eines Raumfahrtsunternehmens in Deutschland?

Manfred Fuchs: Ich habe zuerst die Gewerbefachschule in Maschinenbau in Bozen besucht und mich immer schon für das Fliegen begeistert. Mit 17 Jahren habe ich dann den Flugschein gemacht. Ich war damals der jüngste Pilot Italiens. Diesen Weg wollte ich weiter gehen und so habe ich mich entschlossen ins Ausland zu gehen.

STOL: Haben Sie sich als kleiner Junge schon für die Raumfahrt begeistert?

Fuchs: Eigentlich nicht. Ich habe mich zuerst „nur“ für das Fliegen interessiert. Im Laufe meiner Arbeit als Flugzeugtechnikingenieur bin ich dann mit der Raumfahrt in Kontakt gekommen und von da an habe ich diese Passion, die dann mein Beruf wurde.

STOL: Was genau haben Sie in Deutschland studiert?

Fuchs: Ich habe Flugzeugbau in München und in Hamburg studiert.

STOL: Sie haben das Raumfahrtunternehmen OHB Technology in Bremen gegründet. War es nicht riskant und schwierig sich in diesem Sektor selbständig zu machen?

Fuchs: Ich war rund 25 Jahre in der Großindustrie. 1982 haben ich und meine Frau so langsam daran gedacht uns selbständig zu machen. Drei Jahre später habe ich dann den großen Schritt gewagt. Es ist immer riskant sich selbständig zu machen, aber es ist zum Glück gut gegangen.

STOL: Sie haben an den Projekten des „Spacelab“ und der Weltraumstation „Columbus“ mitgearbeitet. Inwiefern waren Sie daran beteiligt und um was handelt es sich genau?

Fuchs: Das Spacelab war ein Labor, das im Spaceshuttle mitflog. Das Ganze war eine Zusammenarbeit von Europa und Amerika. Europa hat das Spacelab für das amerikanische Shuttle angefertigt. Ich war damals der Zuständige für die Auslegung des Spacelabs. Dieses Spacelab war die Vorstufe der heutigen Raumstation. So etwas Ähnliches wie es heute Columbus ist. Columbus wird im Unterschied zu Spacelab nur mit dem Shuttle in den Weltraum gebracht und dann an die internationale Raumstation angedockt. Das Spacelab war immer im Inneren des Shuttles. Columbus wurde im Rahmen der internationalen Raumstation geboren. Der amerikanische Präsident Reagan hatte nämlich die Idee, eine internationale Weltraumstation ins Leben zu rufen. Der europäische Beitrag dazu war Columbus.

STOL: Woher der Name Columbus?

Fuchs: Den Namen habe ich der Station gegeben. Der Name kommt daher, dass das Projekt der Weltraumstation genau in Jahr 1992 fertig sein sollte, 500 Jahre nach der Entdeckung Amerikas durch Columbus. Columbus war der Name mit dem sich alle Europäer identifizieren konnten und der auch Europa und Amerika verbindet.

STOL: Europa hinkt in der Raumfahrt den USA hinterher....

Fuchs: Das stimmt. Die Nummer eins in der Weltraumfahrt ist mit großem Abstand Amerika. Für die ganze Bevölkerung in Amerika ist sehr wichtig im Bereich der Technologie die Nummer eins zu sein. Nummer zwei ist Russland, Europa kommt erst an dritter Stelle. Betrachtet man die finanziellen Mittel, die für die Raumfahrt ausgegeben werden steht Europa an zweiter Stelle.

STOL: Wird sich das in Zukunft ändern?

Fuchs: Vielleicht wenn Europa jetzt immer größer wird, wird mehr Geld in die Weltraumfahrt gesteckt. Aber Amerika wird immer an erster Stelle bleiben. Zählt man die militärische Raumfahrt dazu so fließt in Europa nur rund ein Zehntel des amerikanischen Budgets in die Raumfahrt. In den USA hat Technologie und Innovation einen anderen Stellenwert als im „konservativen“ Europa.

STOL: Was ist die aktuelle Idee an der Sie arbeiten?

Fuchs: Einmal sind wir an der internationalen Raumstation beteiligt. Auch im militärischen Raumfahrtbereich sind wir tätig. Wir bauen die deutschen Radarsatelliten für Aufklärung, durch die es möglich ist Tag und Nacht Bilder zu bekommen. Die Zukunft im Bereich der Satelliten sind die kleinen Satelliten für das Fernsehen, die Datenübertragung. Daran arbeiten wir zur Zeit. Das wird auch die Zukunft sein.

STOL: Sie sind seit 48 Jahren von Südtirol weg. Welchen Bezug haben Sie noch zu Südtirol?

Fuchs: Ich habe in Latsch und Meran meine Verwandten. Zudem besitze ich eine kleine Hütte im Martelltal. Im Sommer, manchmal auch im Winter, kommen wir dorthin um Urlaub zu machen.

STOL: Wie sehen Sie Südtirol von außen betrachtet?

Fuchs: Südtirol hat sich unglaublich gut entwickelt. Von 1956, als ich weggegangen bin, bis jetzt hat sich sehr viel getan. Vor allem die Infrastrukturen haben sich enorm gebessert. Was mich am positivsten überrascht hat ist, dass auch im Innovations- und Technologiesektor in letzter Zeit sehr viel getan wird. Südtirol ist ein modernes Land geworden.

STOL: Haben Sie vor jemals nach Südtirol zurück zu kehren?

Fuchs: Voll zurückzukehren nicht. Dafür habe ich hier in Bremen zu viel zu tun. Wir haben jedoch auch in Latsch und Kaltern einen Besitz und ich kann mir schon vorstellen, dort länger als nur ein paar Tage zu bleiben. Für ewig nicht. Meine Kinder und Enkel leben alle in Deutschland.

STOL: Ihre Kinder und Ihre Frau arbeiten mit Ihnen in Ihrem Betrieb. Führt das manchmal zu Schwierigkeiten?

Fuchs: Im Gegenteil, das funktioniert sehr gut. Meine Frau ist Kauffrau, mein Sohn Jurist und die Tochter ist Mitbesitzer. Jeder hat also einen verschiedenen Aufgabenbereich. Ich glaube das ist das Erfolgsgeheimnis meines Betriebs. Wenn die eigene Frau z.B auf die Finanzen schaut, hat das nur Vorteile.

STOL: Können Sie sich vorstellen, dass auch Südtirol Raumfahrtprojekte realisiert?

Fuchs: Es gibt bestimmte Bereiche wie die Nutzung der Raumfahrt, dazu gehören die Satelliten, die es ermöglichen Bilder von großen Flächen bei Tag und Nacht zu machen, die sicherlich auch für Südtirol von Nutzen sind. Für Lawinen- oder Murenabgänge oder Umweltprobleme wie die Luftverschmutzung könnten diese Satelliten eingesetzt werden. Man könnte dadurch Gefahren vorhersehen oder nach einer Katastrophe, das Ausmaß dieser einschätzen.

STOL: Welche werden die zukunftsweisenden Entwicklungen in der Raumfahrt sein?

Fuchs: Was die „große“ Raumfahrt betrifft hat Präsident Bush, wie damals Reagan mit der Mondlandung, ein Programm vorgelegt, das vorsieht, dass in 25 Jahren ein Mann, besser gesagt ein Amerikaner auf dem Mars landet. Auch die europäische Raumfahrtagentur ESA unterstützt dieses Vorhaben.

STOL: Glauben Sie, dass dieses Vorhaben realistisch ist?

Fuchs: Ich glaube schon. Ob das jetzt 25 oder 35 Jahre braucht ist offen. Aber es wird sicher geschehen, dass ein Mann auf dem Mars landet.

STOL: Auch von „Weltalltourismus“ wird in letzter Zeit viel gesprochen. Wird auch dieser kommen?

Fuchs: Ja, ich glaube so in 20 bis 25 Jahren wird das schon ziemlich stark vorhanden sein. Nicht, dass man zum Mars kann, aber in den Orbit, zu der normalen Umlaufbahn um die Erde, das glaube ich schon. Natürlich muss man dafür sehr viel bezahlen.

STOL: Würden Sie sich selbst so einen Flug wünschen?

Fuchs: Wünschen ja, aber es wäre zu teuer.

STOL: Was würden Sie einem jungen Menschen, der sich entscheidet in der Raumfahrt arbeiten zu wollen, mit auf den Weg geben?

Fuchs: Ich würde ihm raten Raumfahrt zu studieren. Man kann auch mit einem anderen Studium in die Raumfahrt einsteigen, aber auf diese Weise ist der Weg leichter. Dadurch ist es einfacher in Projektabteilung einzusteigen, in denen die neuesten Entwicklungen stattfinden.

STOL: Sie sind seit vielen Jahren im „Raumfahrtgeschäft“. Was reizt Sie immer noch daran?

Fuchs: Einmal ist es das Unbekannte. Woher wir kommen, wohin wir gehen, das interessiert mich. Heute weiß man schon viel mehr als noch vor 40 Jahren, als ich angefangen habe. Mit einem Teleskop kann man heute 10 Milliarden Lichtjahre sehen, man kann sehen wie Sonnensysteme verschwinden, wie der Weltraum entsteht. Die ganze Astronomie ist unglaublich interessant. Auch die „normale“ Raumfahrt, die kommerzielle Raumfahrt, in der ich auch arbeite hat viel Zukunft: Fernseh- und Datensatelliten und die Navigationssysteme sind die Zukunft.

STOL: Was wünschen Sie sich für die berufliche Zukunft?

Fuchs: Mein größter Traum wäre es ,dass Europa endlich mehr tut im Sektor Raumfahrt, dass pro Person genauso viel Geld ausgegeben würde wie in Amerika. Ich wünsche mir, dass mehr für die Forschung gemacht wird. Daran sollte auch Südtirol arbeiten, da die Forschung und Innovation die Zukunft der Menschen sichert.

Fuchs: Mein größter Traum wäre es ,dass Europa endlich mehr tut im Sektor Raumfahrt, dass pro Person genauso viel Geld

STOL: Wie steht Südtirol im Bereich der Forschung und Innovation da?

Fuchs: Ich war überrascht. Ich war im Sommer da und habe einiges, u.a auch die EURAC und das BIC besichtigt. Ich hätte nie gedacht, dass sich in letzter Zeit so viel getan hat. Südtirol ist auf dem richtigen Weg. Obst und Tourismus sind natürlich sehr schön für das Land, aber für die Zukunft muss der Weg für die Jugend geebnet werden, damit diese auch an diese modernen Innovationen, Technologien und Wissenschaften herankommen.

STOL: Haben Sie es jemals bereut von Südtirol weggegangen zu sein?

Fuchs: Südtirol ist ein Traumland, eines der schönsten Länder. Ich komme gerne dorthin zurück. Aber beruflich gesehen wäre es für mich nicht möglich gewesen, das in Südtirol zu machen.

Interview: Kristina Volgger




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