Werbung - Redaktion - Mittwoch, 23. Mai 2012
09. September 2011
© 2011 APA/AP
10 Jahre 9/11

Unzuverlässiger Verbündeter Pakistan

Ist Pakistan ein Verbündeter der USA – oder ist dem Land nicht zu trauen? Zehn Jahre nach 9/11 ist das Verhältnis zwischen den beiden Staaten so schlecht wie nie. Ein Ex-Chef von Pakistans umstrittenen Geheimdienst ISI spricht gar von einem nicht erklärten Krieg.

Kein Land legte nach den Anschlägen vom 11. September 2001 eine rasantere Kehrtwende hin als Pakistan. Eben noch hatte die südasiatische Atommacht die Taliban-Regierung im benachbarten Afghanistan unterstützt, die ihrerseits Al-Kaida-Chef Osama bin Laden beherbergte.

Dann stellte sich der damalige pakistanische Militärmachthaber Pervez Musharraf nach 9/11 plötzlich an die Seite der USA. Doch Pakistan gilt im Kampf gegen den Terrorismus als der wohl unzuverlässigste Partner – dem immer wieder nachgesagt wird, ein doppeltes Spiel zu treiben.

Glaubt man den Worten Musharrafs, dann wurde Pakistan nicht freiwillig zum Verbündeten. In seinen Memoiren schilderte der damalige Präsident im Jahr 2006, Washington habe gedroht, sein Land andernfalls „in die Steinzeit“ zurückzubomben.

Die US-Regierung wies diese Darstellung zurück. Sie ernannte die Islamische Republik 2004 offiziell zu einem „bedeutenden Alliierten außerhalb der Nato“. Dennoch hält sich seit Jahren der Verdacht, dass vor allem der Militär-Geheimdienst ISI Extremisten nicht effektiv genug bekämpft oder sogar unterstützt. Ein Vorwurf, den Pakistan dementiert.

Islamabad führt an, dass kein Land mehr Tote im Kampf gegen den Terrorismus zu beklagen hat. Tausende Menschen starben. Kritiker wie die Autorin und Sicherheitsexpertin Ayesha Siddiqa werfen dem Militär aber vor, „halbherzig“ gegen Extremisten vorzugehen: Gruppen, die Ziele im Land angriffen, würden zwar bekämpft.

Militante Organisationen, die von Pakistan aus in Afghanistan oder Indien operierten, gälten dagegen als „strategische Aktivposten“, sagt sie. „Pakistan ist eine Brutstätte für Dschihadismus und Militanz.“

Erheblich genährt wurden die Zweifel am pakistanischen Engagement zuletzt durch den Fall Bin Laden. Jahrelang konnte der mutmaßliche Drahtzieher der Anschläge vom 11. September unbehelligt in der pakistanischen Garnisonsstadt Abbottabad untertauchen.

Wie tief das Misstrauen sitzt, bewies der amerikanische Alleingang bei der Tötung des weltweit meistgesuchten Terroristen im vergangenen Mai.

Die Amerikaner ließen ihren angeblichen Verbündeten über den Einsatz von US-Spezialkräften auf dessen Territorium im Dunkeln. Die Pakistaner schäumten über den beispiellosen Affront, der die ohnehin schwierigen Beziehungen zwischen Washington und Islamabad an den Rand der Belastbarkeit brachte.

Nach der Tötung Bin Ladens sagten im Mai in einer Umfrage des unabhängigen Pew Research Center mit Sitz in Washington noch ganze sechs Prozent der Pakistaner, sie sähen die USA „eher als Partner“. „Eher als Feind“ galten sie 69 Prozent der Befragten. 63 Prozent lehnten das eigenmächtige Eingreifen der Amerikaner ab, 55 Prozent fanden es schlecht, dass Bin Laden tot ist.

Genährt wird der Anti-Amerikanismus auch durch die andauernden Drohnen-Angriff der USA im pakistanischen Grenzgebiet zu Afghanistan.

Ebenfalls nach der US-Operation gegen Bin Laden sagten in einer Umfrage des Senders Fox News 74 Prozent der Amerikaner, Pakistan sei kein Freund. Nur 16 Prozent waren der Meinung, das Land sei ein starker Verbündeter der USA im Kampf gegen den Terrorismus. 73 Prozent der Befragten sprachen sich dafür aus, die USA sollten ihre Finanzhilfen zurückhalten, bis Pakistan sich stärker engagiere.

Als großzügige Hilfe will Pakistan die Zahlungen der USA aber gar nicht verstanden wissen. Tatsächlich hat das Land vom Kampf gegen den Terrorismus auch finanziell alles andere als profitiert. In großem Maße wurde Infrastruktur zerstört. Ausländische Investoren blieben aus. Die Wirtschaft des Landes liegt am Boden.

Die Anschläge vom 11. September 2001 und ihre Folgen hätten maßgeblich zum ökonomischen Verfall beigetragen, sagt der Chef der Wirtschaftsschule der Nationalen Universität für Wissenschaft und Technologie in Islamabad, Professor Ashfaque Hasan Khan.

Schlüsselindikatoren etwa bei der Inflation oder bei den Staatseinnahmen verschlechterten sich in einem Maße, „die in der Geschichte des Landes einmalig sind“.

Das Wirtschaftswachstum sei von sieben Prozent vor vier Jahren auf unter drei Prozent geschrumpft, sagt der frühere Regierungsberater Khan. Die Folgen seien zunehmende Arbeitslosigkeit und Armut. Das wiederum treibt junge Pakistaner in die Arme von Extremisten.

Die Regierung in Islamabad gab die direkten und indirekten Kosten ihres Engagements im Kampf gegen den Terrorismus unlängst mit knapp 68 Milliarden Dollar an. Diesem Betrag stehen nach pakistanischen Schätzungen US-Leistungen von etwa 20 Milliarden Dollar gegenüber.

Darunter fallen allerdings auch Posten wie die Abschreibung alter Schulden und die Rückvergütung von Ausgaben, die dem pakistanischen Militär bei Operationen tatsächlich entstanden sind.

Pakistan hätte sich bessergestellt, wenn es sich nicht am Kampf gegen den Terrorismus beteiligt hätte, sagt der frühere ISI-Chef Asad Durrani. Als General führte er den umstrittenen Geheimdienst von 1990 bis 1992, nach seinem Abschied aus der Armee war er von 1994 bis 1997 Botschafter in Deutschland.

Den Konflikt im Nachbarland, der nach dem 11. September 2001 und dem Einmarsch der US-geführten Truppen entflammte, hält Durrani bereits für entschieden. „Die USA und ihre Verbündeten haben den Krieg in Afghanistan verloren“, sagt er. „Die Aufständischen gewinnen, indem sie nicht verlieren.“

Pakistan und die USA seien nach dem 11. September 2001 entgegen aller Lippenbekenntnisse nie wirkliche Alliierte gewesen, sagt Durrani – und die Beziehungen verschlechterten sich immer weiter.

Inzwischen, so meint der Ex-Geheimdienstchef, könne von Partnerschaft überhaupt keine Rede mehr sein, im Gegenteil: „Die USA und Pakistan befinden sich im Zustand eines nicht erklärten Krieges.“

dpa

Fotos: Zehn Jahre 9/11 - Fotos: EPA/AP/Reuters/Lapresse

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