Auf der Notaufnahme verwandelt sich der starke Kopfschmerz. Ganz plötzlich und unerwartet rinnt Blut aus einer klaffenden Schusswunde.
Immer wieder fällt Monika Tomason (Katharina Heyer) tänzerisch ästhetisch in Ohnmacht. Immer wieder schießt ihr Mann (Gerd Zinck) auf sie, sie auf ihn, er auf sich selbst. Sie trennen sich voneinander und trennen sich von ihren Träumen über eine gemeinsame bessere Zukunft. Doch in Dea Lohers Stück „Diebe“, das auf Einladung des Südtiroler Kulturinstituts mit dem Deutschen Theater Göttingen in Bozen und Meran gastiert, lösen selbst große Schicksalsschläge nur bedingt eine Veränderung aus. Ursachen erzielen keine reelle Wirkung. Alles fließt weiter, immer weiter, zögerlich und ohne wirkliches Ziel.
Das zerbrechliche Gleichgewicht der Annäherung
Auf der nackten, offenen Bühne laufen und gehen die Figuren des Stückes von der ersten Szene an aneinander vorbei, aufeinander zu. Jeder ist in Bewegung und hält damit das Ganze in Balance, als wäre das Leben ein Perpetuum Mobile, das nie still stehen darf, das keinen Bruch aushält.
Die Alltagsgeschichten der Figuren reihen sich vor diesem ständig bewegten lebendigen Hintergrund nacheinander auf, unabhängig voneinander zuerst, dann greifen sie langsam ineinander, aber nicht nahtlos wie Puzzleteile. Bruchstücke von gelebtem, oder auch nur imaginärem oder erhofftem Leben stehen sich gegenüber und berühren sich – verwandtschaftlich vielleicht, oder zufällig – doch niemand dringt in das Leben des anderen ein, niemand mag es wirklich zu verändern, wagt das Gleichgewicht des unaufhörlichen Flusses zu stören.
Die Sprache der Unverfänglichen
Felix Rothenhäusler inszeniert dieses Stück vom vorsichtigen Leben mit viel Vertrauen auf die innere Beredtheit der Sprache der preisgekrönten Autorin Dea Loher. Und tatsächlich versteht es Dea Loher nicht nur die Figuren durch ihre Sprache, durch ihre alltäglichen Worthülsen lebendig werden zu lassen, sondern auch das gesamte Stück zu rhythmisieren, die Sprache wie Musik einzusetzen. Klangmotive, Wellenbewegungen gleich, kommen immer wieder und fügen sich zu den Musikfetzen des Live Musikers. Dabei lebt diese Sprache vom Ungesagten, Unfertigen, Unemotionalen, versteckt sich hinter „man“ und „wenn“ und fürchtet sich vor jeder Aussage.
Kein Platz für Emotionen
Beruhigend und destruktiv zugleich ist die fast hypnotische Wirkung der unaufhörlichen Wiederkehr der klanglichen, gestischen und inhaltlichen Bilder. Auf der Bühne stehen Figuren, die sich nicht nur an den sie charakterisierenden Ausstattungsstücken (Lea Dietrich) – ein Gartenzaun etwa, ein Teppich, ein Sofa oder ein Spielzeugauto – festklammern, sondern auch an ihrem Lebensentwurf und sich von keinem Schicksal davon abbringen lassen. Tod, Liebe, Schwangerschaft, Alter, Mord, Arbeitsverlust, ja sogar der böse Wolf verursachen nur bedingt eine Änderung der Bewegung, schaffen keinen Bruch. Aktion ruft keine Reaktion hervor, nichts ist unmittelbar.
Ob Ira Davidoff (Angelika Fornell) 43 Jahre lang im Hotelzimmer auf den Mann wartet, der sie auf der Hochzeitsreise verlassen hat oder Gabi Nowotny (Johanna Diekmeyer) von ihrem Lebensgefährten Rainer Machatschek (Gerrit Neuhaus) im Wald wegen 3000 Euro zu ermordet werden droht, ruft keine großen Gefühle hervor, löst keine Leidenschaften aus. Gabi lässt sich vom versuchten Mörder mit dem Auto nach Hause bringen. Er entschuldigt sich. Das wars.
„Menschen wie ich, die leben, als lebten sie nicht. Die sich durch ihr eigenes Leben hindurchstehlen, vorsichtig und scheu, als ob ihnen nichts davon gehören würde, als ob sie kein Recht hätten, sich darin aufzuhalten“, lässt Loher die wartende Ira Davidoff sagen.
Drama unerwünscht
Die lineare und unspektakuläre Inszenierung von Rothenhäusler setzt zwar einige komische Akzente, kommt aber sonst ganz ohne emotionale Höhepunkte aus, gleicht sich dem Grundgefühl der auf dem Leben dahingleitenden Figuren an. Der dramatische Moment liegt immer hinter dem Leben, hinter den Figuren. Die Schauspieler spielen ihn nur als Schattenriss mit, dürfen ihn nicht auskosten. Ein Drama ohne Drama. Zermürbend manchmal, aggressiv in seinem freundlichen Umgangston, sehr nahe an der Zeit. Auf jeden Fall sehenswert.
Jutta Telser
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