Werbung - Redaktion - Donnerstag, 24. Mai 2012
17. November 2011
Unterricht mit vorgehaltener Pistole - Foto: Ute Langkafel © 2011 Unterricht mit vorgehaltener Pistole - Foto: Ute Langkafel
Theater

Rezension: „Verrücktes Blut"

Spätestens als die Lehrerin ihre terrorisierten Schüler unter Todesdrohung zur korrekten Aussprache des „schönen deutschen Wortes Vernunft“ zwingt, fällt das ganze Kartenhaus der sauberen abendländischen Aufklärung in sich zusammen.

Mit ihrer fulminanten Performance fesseln die jungen Darsteller um die deutsch-armenische Schauspielerin Sesede Terziyan das Publikum im Bozner Waltherhaus. Das Stück „Verrücktes Blut“ von Nurkan Erpulat und Jens Hillje räumt mit allen gängigen Bildern der gewaltbereiten, pöbelnden, nichtsnutzigen Generation von Jugendlichen mit Migrationshintergrund auf, indem es diese radikal in Szene setzt.

Gleich zu Beginn der Aufführung wird klar, dass hier erbarmungslos und mit schauspielerischer Bravour die unterschiedlichen Ebenen der sozialen Wahrnehmung aufgemischt werden, dass der Zuschauer bekommt, was er sich erwartet, um es ihm dann gleich darauf wieder zu entziehen.

Futuristischen Mutanten gleich schlüpfen die jungen Darsteller einer nach dem anderen auf offener Bühne nicht nur in die Rolle, sondern in die Haut der disziplinlosen, dummen, vernunftresistenten Ausländerkids und entsprechen in einer glänzenden Pantomime jedem noch so banalen Vorurteil. Sie protzen, stieren, grölen unverständliches „Türkdeutsch“, kratzen an ihren Genitalien und terrorisieren ihre engagierte Lehrerin mit Desinteresse, frauenfeindlichen Schimpftiraden und offenen Drohungen.

Als jedoch der verzweifelten Studienrätin die Pistole eines Schülers in die Hand fällt, wendet sich das Blatt. Die Täter werden zu hilflosen Opfern einer psychopatischen Bildungsprophetin, die nichts anderes will, als aus ihren Schülern freie Menschen zu machen

Wieder und wieder zwingt sie den Jugendlichen mit Luft- und Streifschüssen ihren Willen auf, lässt die narzisstischen Machos beschämt in der Unterhose über die Bühne laufen und beharrt eisern auf die korrekte Diktion solcher bedeutungsschwangeren Worte wie „ich“, „Mensch“ und „Vernunft“.

Immer wieder bricht das Stück jenseits jeden Gebots der „Political Correctness“ mit den Wahrheiten unserer Gesellschaft. Nirgendwo sind Opfer, nirgendwo Täter auszumachen und wo die demokratischen Möglichkeiten eines freien Landes versagt haben, versucht es die Lehrerin mit Schillers ästhetischer Erziehung des Menschen.

„Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“, zitiert sie mit der Waffe in der Hand und findet tatsächlich in Schillers „Räuber“ und „Kabale und Liebe“ die perfekten Motive für die psychodramatische Identifikation und Katharsis ihrer Schüler.

Immer wieder brechen die Spielebenen auf, klaffen die unterschiedlichen Wahrnehmungsräume gleich weit auseinander wie die Distanz zwischen vermeintlicher individueller Freiheit und unentrinnbarer sozialer Muster. Wahrheit gibt es keine, alle Opfer sind Täter und die Schuldfrage immer nur Ansichtssache.

Ein großartiges Stück, bravourös inszeniert und glänzend gespielt, das vorführt, was Theater kann, wenn es sich ernst nimmt und die Realität wahrnimmt. Ganz im Sinne Schillers.

Jutta Telser




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