Barock in Gold gerahmt sitzt die Familie nach der Beerdigung des Patriarchen an der Trauertafel und zerfleischt sich genüsslich mit sarkastischen Wahrheiten, derer sich niemand erwehren kann.
Gar nicht mehr metaphorisch wird Regisseurin Monika Steil das echte Familienporzellan dann im letzten Akt des Stückes „Eine Familie“ zu Bruch gehen lassen. Dann, wenn von der Scheinharmonie nichts mehr übrig geblieben ist, wenn Zerstörung und Selbstzerstörung nahtlos von einer Generation auf die nächste übergehen, fliegen endlich die feinen Porzellantassen.
Vor der Tür, im überdimensionalen Aquarium, regnet es und im durchsichtigen blauen Plastikmantel verlässt auch die letzte Tochter ihr Elternhaus und ihre tablettensüchtige Mutter.
Wirrungen einer amerikanischen Familiensaga
Die Vereinigten Bühnen Bozen zeigen das Stück des zeitgenössischen amerikanischen Schauspielers und Dramatikers Tracy Letts, das 2008 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde, im Studio des Stadttheaters Bozen.
Monika Steil treibt ihr ausgezeichnetes Ensemble von Beginn an von einem spitzen Dialog zum anderen, legt ein Tempo vor, bei dem es wie in jedem Familienepos, einige Zeit braucht bis sich der Zuschauer im breit angelegten Beziehungsgeflecht nicht nur als distanzierter Betrachter fühlt.
Der tote Dichter und Alkoholiker Beverly Weston und seine Frau Violet sind der illusionslose Mittelpunkt der Saga.
Hille Darjes gibt eine wandlungsfähige Violet, die als große Manipulatorin Zugriff auf jedes emotionale Register hat und ihre Verwandtschaft mit zärtelnder Hilflosigkeit, weinerlicher, fürsorglicher Liebe, psychischer Grausamkeit, kaltblütiger Selbstgerechtigkeit und brachialer Dominanz in Schach hält.
Familiengeheimnisse und wirbelnde Ereignisse
Manchmal nur bricht die Stimmigkeit der Figur, wirkt ihre Emotionalität aufgesetzt und gesucht. Manchmal wünschte man ihr, ebenso wie der überzeugenden Brigitte Jaufenthaler als ihre Tochter Barbara, einen Augenblick der Ruhe, einen Augenblick, der die Spannung hält, die unaufhörlich aufgebaut wird, die im Wirbel der aufgedeckten Geheimnisse und unerhörten Geschehnisse aber an Intensität verliert.
Die drei Ebenen und fünf unterschiedlichen Dialogfelder von Annette Meyers Bühne verzahnen das Geschehen zwar zu einem einzigen Gefühlsknäuel, lassen jedoch ebenfalls wenig Raum für Dichte aufkommen.
Besonders Barbaras untreuer Ehemann Bill (Christian Dieterle), seine pubertierende Tochter Jean (Kristin Suckow), das ungleiche Paar Karen (Ursula Buschhorn) und Steve (Lukas Lobis) und der verachtete Cousin Little Charles (Florian Eisner) geraten trotz oder gerade wegen ihrer durchwegs beeindruckenden Darbietungen oft zu witzigen, etwas farblosen Karikaturen.
Bedeutsamkeit durch Distanz
Allein Charlie (Günter Gräfenberg), Violets Schwager und Joanna (Johanna Porcheddu) verleihen dem Gefühlsspektakel mit ihrem distanzierten Blick von außen die Bedeutung, die dem psychologischen Gemetzel angemessen ist.
Der Familie selbst scheint das Bewusstsein über ihr Zerstörungspotential abhandengekommen zu sein.
Violets expressiver Kraft ebenbürtig erweisen sich ihre Schwester Mattie Fae (Karin Düwel) und ihre kratzbürstige, unhübsche Tochter Ivy (Patrizia Pfeifer), die den Anschein haben, ihr unglückliches Leben weder den Umständen, noch Violet übergeben zu haben.
Kurzweilig und temporeich inszeniert wirkt das Stück aus der Ferne wie das Schaukastenmodell einer psychologischen Familienaufstellung.
Die Figuren fungieren als exemplarische Typen eines imaginären Familienentwurfes, bei dem nur die erste Generation in den Genuss einer Individualisierung kommt. Die Nachgeborenen sind nur mehr hohler Abklatsch fremder Lebensentwürfe.
Jutta Telser
| Tweet |
Neueste Meldungen
| Panorama | Adele räumt bei Billboard-Pre... |
|---|
| Politik | Laimer reicht Rücktritt ein |
|---|
| Chronik | Mehr als 100 Nachbeben und he... |
|---|
| Kultur | World Wide Wagner – Komponist... |
|---|
| Chronik | Bozen: Balkonsims bricht ab u... |
|---|
| Sport | Nadal besiegte im Rom-Finale... |
|---|
| Wirtschaft | EU-Wettbewerbskommissar forde... |
|---|
| Wirtschaft | Chefs von Apple und Samsung s... |
|---|
| Sport | Breitner kritisiert Bayern-Pr... |
|---|
| Sport | „Wahnsinn“ um Montpellier: Ei... |
|---|
| Wirtschaft | Facebook-Aktien fallen vorbör... |
|---|
| Wirtschaft | Facebook vor dem zweiten Hand... |
|---|