Er selbst sieht sich als Kämpfernatur mit Revoluzzer-Gen. Der Pusterer mit den strahlenden blauen Augen sorgte noch bis vor kurzem als „Mr. Premiere“ für Furore im deutschen TV-Geschäft. Nun hat sich Georg Kofler der Energie verschrieben.
„Südtirol Online“ und die „Dolomiten“ haben den Top-Unternehmer, gebürtig aus Rasen Antholz, getroffen und mit ihm über seine Risikoleidenschaft, Luxus, das Alter, Verzicht, Freizeit, Medien und seinen Nachruf gesprochen.
Südtirol Online: Was sieht Georg Kofler, wenn er in den Spiegel schaut?
Georg Kofler: Einen recht zufriedenen Mann, einen aktiven Menschen, den meistens eine oder mehrere Ideen antreiben, der Kreativität braucht und gleichzeitig andere zur Kreativität anspornt.
STOL: Arme verschränken, zurücklehnen und nichts mehr tun, kommt also nicht in Frage?
Kofler: Das wäre mir viel zu langweilig. Mich treibt die Lust an unternehmerischer Kreativität an. Sie macht für mich das Leben spannend und abwechslungsreich, also lebenswert. Ein selbstzufriedenes Komfort-Leben zu führen, das ist nichts für mich.
Ich blicke jetzt schon auf ein ausgefülltes und spannendes Leben zurück, bin aber noch jung genug, um lieber das Risiko in der Zukunft zu suchen, als die Sicherheit der Vergangenheit zu genießen.
STOL: Zufall, Schicksal, Glück, Talent: Was hat Ihren beruflichen Werdegang am meisten beeinflusst?
Kofler: Natürlich habe ich Glück gehabt. Andererseits bin ich überzeugt: Jeder ist seines Glückes Schmied. Ich habe mich sehr angestrengt, um dem Glück die Tür zu öffnen. Wenn man etwas bewegen will, dann muss man sich selbst auch bewegen. Ich bin weit höhere Risiken eingegangen als der durchschnittliche Bürger. Ich habe Veränderungen nie gescheut, häufig habe ich sie sogar gesucht. Manchmal habe ich mein Leben auch radikal verändert.
STOL: Zum Beispiel?
Kofler: Ich habe mit 29 Jahren beim „ORF“ gekündigt, obwohl ich dort bis zu meiner Pensionierung eine hervorragende Stelle hätte haben können. Anschließend habe ich einen Pleite-Sender namens Eureka TV in München übernommen und daraus Pro7 gemacht. Dann bin ich aus Pro7 ausgestiegen, weil ich die Idee mit dem Teleshopping hatte; bin dort wieder weg, um Premiere zu übernehmen - ein aussichtsloses Unterfangen, wie viele meinten. Bei Premiere habe ich am meisten riskiert, vor allem auch sehr viel eigenes Geld.
STOL: Ihr Fazit?
Kofler: Ich habe Glück gehabt, habe es aber auch gesucht. Habe Dinge gemacht, die andere für aussichtslos oder verrückt hielten und mich einem Match immer mit vollem Einsatz und offenem Visier gestellt. Dabei habe ich Phasen durchgemacht, die sich andere vielleicht nicht zugemutet oder nicht ausgehalten hätten.
STOL: Wie sieht es mit dem Talent aus?
Kofler: (lacht) Ein bisschen Talent habe ich, glaube ich, auch. Aber Talent allein genügt nicht. Das haben viele. Die Kombination aus Ausdauer und Talent macht den Unterschied aus. Und der unbedingte Wille, eine Sache durchzuziehen, wenn es darauf ankommt. Ich habe zeitweise hart gearbeitet, ohne jemals ein Workaholic zu sein. Zudem bin ich jemand, der sich durch unsichere Situationen nicht bedroht fühlt, ganz im Gegenteil, sie reizen mich. Die meisten Menschen haben ja Angst vor der Unsicherheit, ich empfinde sie eher als Herausforderung. Ich bin eine Spielernatur, die in solchen Situationen ein neues Spiel sucht und meistens findet.
STOL: Ihr Vater ist früh gestorben, ihre Mutter hat Sie und ihre beiden Geschwister allein groß gezogen. Hat Sie Ihre Kindheit zu einer Kämpfernatur mit Revoluzzer-Gen gemacht?
Kofler: Meine Kindheit hat mich überhaupt nicht belastet. Ich habe zwar schon sehr früh bei meinem Onkel auf dem Bauernhof gearbeitet und bin mit sechs oder sieben Jahren auf dem Heuschober gestanden, obwohl ich bestimmt einige Male lieber ins Schwimmbad gegangen wäre. Darunter habe ich aber nicht gelitten. Manchmal war mir zwar ein bisschen fad: So war das Hüten der Kühe auf der Alm im Sommer nicht gerade der Brüller an Entertainment. Aber meine Kindheit war insgesamt schön, ich erinnere mich gerne daran.
STOL: Sie haben in Wien studiert. Wollten Sie immer schon raus aus Südtirol?
Kofler: Für mich stand mit 17 Jahren fest, dass ich Journalist werden wollte. Innsbruck kam für mich nicht in Frage, das war mir einfach zu nahe. Neugierig, wie ich war, habe ich mich für Wien entschieden. Meine Doktorarbeit habe ich über das Europäische Parlament geschrieben, weil mich der europäische Horizont interessierte. Ein Südtirol-Thema unter dem speziellen Gesichtspunkt des Autonomiestatutes abzuhandeln, hat mich - im Unterschied zu vielen anderen Südtirolern – nicht angezogen. Ich hatte stets einen Drang nach Neuland.
STOL: Und was hat dieser Drang sonst noch bewirkt?
Kofler: Ich bin als Student beispielsweise monatelang mit wenig Geld durch Indien und Südostasien gefahren, ohne mich einmal bei meiner Mutter zu melden, was ich heute sehr bedauere. Wenn das jetzt meine Söhne machen würden und plötzlich mit langen Bärten vor mir stünden - unvorstellbar, das fände ich ziemlich unfair uns Eltern gegenüber. Aber so war ich eben. Diese Lust am Endecken hatte ich immer schon. Ich hoffe, sie hört nie auf, denn dann werde ich alt.
STOL: Als Mr. Premiere hat man sie auch Mr. Selbstinszenierung genannt. Wie wichtig ist diese?
Kofler: Das ist natürlich eine Übertreibung. Selbstinszenierung ohne Substanz wirkt ja ganz schnell lächerlich. Ich gehe mit der Öffentlichkeit professionell um, kann auch manche Pointe setzen, wenn andere verkrampfen. Da ist meistens nichts inszeniert. Andererseits muss man wissen: Im Geschäft ist es verboten, auch nur einen Millimeter Schwäche zu zeigen, Zweifel darf man sich nicht anmerken lassen. Stellen Sie sich vor, ich hätte, als wir damals bei Premiere die Bundesliga-Rechte verloren und alle Welt prophezeite, jetzt gehe Premiere unter, offen Schwäche gezeigt. Da hätte es bestimmt geheißen, „Wenn schon der Vorstandschef zweifelt, was ist dann nur mit der Firma los.“ Meine Devise war damals, Ärmel hochkrempeln und sich nichts anmerken lassen. Es ist ungefähr so wie beim Fußball: Schwächelt die eine Mannschaft, nutzt die andere es aus.
STOL: Waren die zurückgewonnenen Bundesliga-Rechte der Grund für Ihren Premiere-Ausstieg?
Kofler: Nicht direkt. Als wir jedoch die Rechte wieder hatten, stand bereits die Ausschreibung für die nächste Rechte-Periode an. Da wurde mir eines Morgens klar: Du machst das nun bereits zum fünften Mal, mit den gleichen Leuten, mit den gleichen Argumenten. Ich hatte das Gefühl, dass mich das inhaltlich nicht mehr reizt. Das Ungewisse war vorhersehbar geworden. Ich hatte so ziemlich alles erlebt, was man in der Medienbranche erleben kann: hohe Höhen, tiefe Tiefen, heißeste, riskante und zuweilen brutale Kämpfe. In dieser Phase kam das Thema Energie verstärkt auf mich zu und der Drang nach freiem, selbstbestimmtem Unternehmerleben. Es war also keine Abwehrreaktion, sondern eine positive Aufbruchstimmung.
STOL: Verfolgen Sie die Entwicklungen rund um Premiere noch?
Kofler: Ja, durchaus, aber sehr entspannt. Aus einer wohlmeinenden Zuschauer-Loge heraus, sozusagen. Ich mag die Premiere-Jungs sehr. Erst kürzlich hatte ich alle bei mir, um ein bisschen in alten Erinnerungen zu schwelgen.
STOL: Es war ein radikaler Bruch...
Kofler: … der viele erstaunt hat. Aber es ist besser zu gehen, wenn der Abschied alle überrascht, als dann, wenn alle darauf warten.
STOL: Sie haben sich Ihr ganzes Arbeitsleben lang mit Medien beschäftigt. Wie kommen Sie nun auf die Energiebranche?
Kofler: Ich habe mich bereits in den vergangenen Jahren mit dem Thema Energie auseinandergesetzt. Mein ältester Sohn hat mich dann mit einem seiner Kommilitonen zusammengebracht, dessen Vater seit 15 Jahren eine Energie-Gesellschaft betreibt. Diese hat sich auf Energieeffizienz in großen Gebäuden spezialisiert. Daraufhin wurde ein Modell entwickelt, das Energieeffizienzmaßnahmen vorfinanziert, sodass der Eigentümer kein Risiko eingeht.
STOL: Welche Rolle spielen Sie dabei?
Kofler: "Kofler Energies", dessen Vorstandsvorsitz ich übernommen habe, finanziert die Energieanlagen vor. Zwischen Mitte 2008 und Mitte 2010 investieren wir rund 150 Millionen Euro. Darüber hinaus habe ich bereits zwei voll operative Gesellschaften übernommen: eine Ingenieurgesellschaft und eine Energie-Contracting-Gesellschaft, die Strom und Gas einkauft. Konkret läuft das so ab: Wir finanzieren die Energieanlagen vor, der Kunde kann sich zurücklehnen und warten, bis alles fertig ist.
Er riskiert also keinen Euro, und wir garantieren ihm vertraglich eine Energiekostensenkung von zehn Prozent innerhalb eines Jahres – und das bei einer Vertragslaufzeit von etwa zehn Jahren. Auch der Energieverbrauch und die CO2-Emissionen werden um 25 bis 40 Prozent reduziert.
STOL: Wie holt sich "Kofler Energies" die entstandenen Kosten zurück?
Kofler: Die Investitionen und Leistungen von "Kofler Energies" werden ausschließlich aus dem Teil der Einsparungen refinanziert, der das Garantieniveau von zehn Prozent übersteigt.
STOL: Italien investiert wieder in Atomenergie. Was halten Sie davon?
Kofler: Ich war in meiner Studentenzeit ein großer Gegner, da mir die Risiken nicht beherrschbar erschienen. Jetzt, 30 Jahre später, habe ich festgestellt, dass es auf der Welt größere Risiken gibt als Atomkraftwerke. Zudem haben wir ja nicht die Wahl, „Ja“ oder „Nein“ zu sagen. Wenn Atomenergie unvermeidbar ist, dann wähle ich lieber die sichere Variante aus Deutschland als die unsichere aus einem anderen Land. In Tschechien, in Frankreich und in Großbritannien ist Atomkraft in der Zwischenzeit zu einem blühenden Wirtschaftszweig geworden – und das mit einer Technologie, die rückständiger ist als die in Deutschland.
STOL: Keine Angst vor den Risiken bei Atommeilern?
Kofler: Wir leben in einer Welt, die nicht risikofrei ist, mit welchen Energien auch immer. Die Aussage, die Welt sei sicher oder könne sicher gemacht werden, ist populistischer Humbug. Ohne Mindestrisiko lässt sich kein vernünftiges Leben führen.
STOL: Gibt es Freundschaften in der Wirtschaftsbranche?
Kofler: Kaum. Man hat generell im Leben nur ganz wenige Freunde, mit denen man existentielle Zweifel besprechen kann. Und das sind meistens keine Geschäftsfreunde. Ein Wirtschaftsunternehmen zu führen heißt, Interessen zu vertreten. Da kann man nicht eben mal einem Freund mit ein paar Millionen aushelfen. Denn es ist das Geld der Aktionäre. Daher die goldene Regel: Im Geschäft sollst du dich nicht auf Freundschaft, sondern auf deine Liquidität verlassen
STOL: Welche Eigenschaften schätzen Sie am meisten an sich?
Kofler: Dass ich optimistisch und lebensbejahend bin und mich auf Veränderungen einstellen kann. Auch eine gewisse Disziplinlosigkeit durch Lebensfreude finde ich nicht schlecht. In privaten Dingen bin ich nicht sehr konsequent, da lasse ich auch gerne Fünf gerade sein.
STOL: Eine Ihrer Schwächen?
Kofler: Meine gelegentliche Disziplinlosigkeit (lacht).
STOL: Angenommen, Sie erhalten ein Filmangebot: In welcher Rolle sehen Sie sich?
Kofler: In jener des Kapitäns.
STOL: Auf welchem Kanal bleibt der TV-Mensch Kofler hängen, wenn er die Fernbedienung in der Hand hält?
Kofler: Bei gutem Sport, vor allem bei Golf und Fußball, wobei für mich nur Live-Übertragungen in Frage kommen. Manchmal auch bei einem guten Film - dann aber nur bei Premiere, ohne Werbeunterbrechung - und bei guten Nachrichten und Dokumentationen.
STOL: Für welchen Fußball-Verein schlägt das Herz von Georg Kofler?
Kofler: Früher war ich ein leidenschaftlicher Juventino, heute drücke ich der deutschen Nationalmannschaft die Daumen.
STOL: Wie ist Ihr Führungsstil als Manager?
Kofler: Burschikos, kollegial und sehr sportlich. Ich glaube, ich bin ein unkonventioneller und jugendlicher Chef, der keinen großen Wert auf Hierarchien legt und sich mit den meisten duzt. Bei mir gilt jedoch das Motto: Wenn der Steilpass kommt, dann musst du laufen und nicht mehr nach rechts und links schauen. Das heißt, jeder weiß, dass sich bei mir der kollegiale Stil schnell ändern kann, wenn unsere Truppe die hundert Meter nicht in zehn Sekunden läuft, sich dies aber vorgenommen hat. Ich bin schon sehr leistungsorientiert. Das muss ein Sportler sein: Ein Reinhold Messner kann auch keinen Achttausender besteigen und hinter sich drei Schlafmützen haben.
STOL: Fair, aber bestimmt...
Kofler: Ja, genau. Ich bin fair und durchaus großzügig. Ich zahle gerne Prämien, wenn der Erfolg stimmt. Erfolg teile ich nämlich gerne, Misserfolg ärgert mich..
STOL: Und wenn es trotzdem einmal einen Rückschlag gibt?
Kofler: Rückschläge und Irrtümer passieren immer wieder. Ich ärgere mich, wenn sie aus Faulheit passieren. Aber solange sich meine Leute ehrlich bemühen, werden sie auch immer meinen Respekt und mein Wohlwollen haben.
STOL: Kommt man mit Ehrlichkeit in Ihrem Business weiter?
Kofler: Ich glaube, als gerader, direkter Typ bekannt zu sein. Das „Herum-Geeiere“ kann ich nicht ausstehen, ich bin für schnelle und klare Entscheidungen. Bei Geschäftsverhandlungen kann man nicht immer hundertprozentig ehrlich sein, das wäre naiv. Das ist wie beim Pokerspiel, da legt ein guter Spieler auch nicht gleich alle Karten auf den Tisch. Ob jemand weiß, was er will oder nicht, spüren die Leute sofort. Man sollte die Dinge beim Namen nennen und vor allem sich selbst gegenüber ehrlich sein.
STOL: Woher nehmen Sie die Energie, die Sie ausstrahlen?
Kofler: Aus der Freude am Leben, gleich ob im Beruf oder in der Freizeit. Ich brauche Sport, Natur, Sauerstoff und nette Leute um mich. Und Berge. Berge sind eine wunderbare Energiequelle, egal ob in Südtirol oder anderswo. Außerdem spiele ich mit Leidenschaft Golf, das ist Spannung und Entspannung zugleich.
STOL: Haben Sie genügend Freizeit, diesen Hobbies zu frönen?
Kofler: Doch, doch. Wenn Leute sagen, sie haben keine Zeit für dieses oder jenes, dann steckt oft eine falsche Wahrnehmung dahinter. Natürlich kann ich 24 Stunden am Tag arbeiten, dann bin ich aber selbst schuld. Es geht darum, Prioritäten zu setzen. Ich nehme mir deshalb die Zeit für Sport, Entspannung und Abenteuer.
STOL: Heißt das, Sie mussten trotz Karriere auf nichts verzichten?
Kofler: Wieso soll ich auf etwas verzichten? Man kann im Leben nicht alles haben. Ich habe mich bewusst für manches entschieden, anderes habe ich weggelassen. Dieses Verzichts-Gerede mag ich nicht. Meistens sind es bewusste Entscheidungen, über die man sich im Nachhinein nicht beschweren sollte. Wenn ein Vorstand sagt, er musste sieben Jahre lang jeden Tag arbeiten, dann hat er sich dafür entschieden und soll nicht meckern.
STOL: Zu kurz gekommen ist in Ihrem Leben auch nichts?
Kofler: Es kommt immer auf die Optionen an. Man kann nicht alle Optionen wahrnehmen. Ich wäre sicherlich gerne häufiger bergsteigen gegangen, öfters nach Südtirol gefahren oder verreist. Aber das waren bewusste Entscheidungen. Außerdem bin ich noch jung und kann noch vieles machen.
STOL: Keine Angst vor dem Alter?
Kofler: Angst ist zum Glück eine Kategorie, die mich selten beschäftigt. Wenn ich mich mit ängstlichen Gedanken ertappe, dann korrigiere ich mich. Mein Gott, ich bin 51 und eigentlich so fit, wie ein ordentlich trainierter 30-Jähriger. Alterserscheinungen kann ich nicht entdecken, und deshalb weiß ich nicht wovon Sie sprechen (lacht).
STOL: Was ist Luxus für Sie?
Kofler: Schöne Dinge, Erlebnisse, die nicht lebensnotwendig sind, die aber inspirieren und das Leben angenehmer und abwechslungsreicher machen. Ich definiere meine Persönlichkeit nicht durch Luxus, genieße ihn aber gerne.
STOL: Sie könnten also darauf verzichten?
Kofler: Das sagt jeder, aber das nimmt einen dann ganz schön her. Tatsache ist: Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Sagen wir so: Ich arbeite daran, nicht darauf verzichten zu müssen.
Stol: Sind Sie jemandem besonders dankbar in Ihrem Leben?
Kofler: Meiner Mutter, die uns drei Kinder nach dem Tod meines Vaters mit einem unglaublichen Einsatz durchgebracht hat. Ich glaube, ich habe meine fröhliche Seite von ihr geerbt habe. Im Geschäft sind es vor allem Gerd Bacher (ehemaliger ORF-Intendant, Anm. d. Verf.), der mich entdeckt hat, und Leo Kirch, der in mir die unternehmerischen Gene und das Spielerische des Unternehmerlebens geweckt hat. Beide haben mir die Angst vor dem Scheitern genommen. Wenn Leute Angst vor dem Scheitern haben, dann taugen sie nicht zum Unternehmer.
STOL: Lernen kann man das nicht?
Kofler: Bis zu einem bestimmten Grad. Trotzdem muss man eine Spielernatur sein, die der ungewisse Ausgang reizt. Für mich beispielsweise gehört das Spielerische zu meiner Lebensphilosophie. Es ist so ähnlich wie beim Bergsteigen: Sobald du Angst hast, den nächsten Griff nicht mehr zu finden, verhärtet sich alles.
STOL: Was versuchen Sie, Ihren drei Kindern mitzugeben?
Kofler: Selbstbewusstsein. Kindern werden meistens Selbstzweifel eingeredet, nach dem Motto: „Das kannst du nicht“, „Das ist ganz falsch“. Mir ist es wichtig, sie zu eigenständigem Handeln zu ermutigen und sie dazu zu bringen, sich vor anderen nicht zu fürchten. Wenn man das bei Kindern hinbekommt, dann kommt das andere meist von selbst. Ängstlichkeit und innere Barrieren behindern viele Talente. Zudem versuche ich, ihnen Lebensfreude und eine lebensbejahende Grundeinstellung zu vermitteln.
STOL: Wäre Georg Kofler in Südtirol geblieben, was würde er heute machen?
Kofler: Schwer zu sagen. Vielleicht wäre ich bei der Tageszeitung „Dolomiten“ gelandet und hätte es dort zum leitenden Redakteur gebracht (lacht).
STOL: Wie sehen Sie die Südtiroler Medienlandschaft?
Kofler: Zunächst: Südtirol ist ein kleiner Markt, und wie bei vielen kleinen Märkten gibt es einen klaren Marktführer, in diesem Fall die „Dolomiten“ im Printbereich. Im Vergleich zu den achtziger Jahren ist die Medienlandschaft vielfältiger geworden. Es gibt mit der „FF“, der „Tageszeitung“ und den italienischsprachigen Zeitungen Alternativen zu den „Dolomiten“. Zwar kleinere, aber es gibt sie. Die Südtiroler Leser können damit eine Auswahl treffen. Auch was das Fernsehen betrifft, gibt es schon allein wegen der ausländischen Sender mehr Spielraum. Zudem ist der Sender Bozen deutlich moderner geworden. Privatfernsehen ist hingegen lokal sehr schwierig zu realisieren, das ist in Deutschland nicht anders. Insgesamt, glaube ich, treffen die Südtiroler, wenn sie wollen, auf eine hervorragende Medienvielfalt, sowohl qualitativ als auch quantitativ. Jeder kann die „Repubblica“, aber auch die „Süddeutsche“ lesen, jeder zwischen den „Dolomiten“, der „Tageszeitung“ oder den anderen Zeitungen wählen.
STOL: Ein Kommentar von Georg Kofler zum Medienmogul und Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi.
Kofler: Berlusconi wäre wahrscheinlich nicht in die Politik gegangen, wenn er nicht um sein Lebenswerk hätte fürchten müssen. Die Linke hätte ihm seine Fernsehsender weggenommen. Davon bin ich überzeugt, und ich konnte als Leo Kirchs Bürochef die Entwicklung damals hautnah mit verfolgen. Mittlerweile scheint Berlusconi ziemlich viel Spaß an der Politik gewonnen zu haben.
STOL: Was sagen Sie zur Verknüpfung von Medien und Politik im Fall Berlusconi?
Kofler: Problematisch. Gleichzeitig ist es ein Dilemma: Einerseits tun Unternehmer dem Regierungsgeschäft gut, andererseits bin ich der Meinung, dass sie sich aus dem Politikgeschäft heraushalten sollten. Sie sollen sich auf ihr Unternehmen konzentrieren, die Politik die Rahmenbedingungen dafür schaffen. Eines ist jedoch klar zu sagen: Berlusconi hat aus dem Nichts ein Mega-Unternehmen aufgebaut und eine Unternehmerkarriere hingelegt, wie es sie auch international selten gibt. Zu vergleichen ist das nur mit der Unternehmergeschichte von Rupert Murdoch. Das sollte respektiert werden. Berlusconi hat in der Wirtschaft als Newcomer viel aufgebrochen und sich große unternehmerische Verdienste erworben. Jetzt hat er die Chance sich - mit den Mehrheiten, über die er verfügt - politische Verdienste zu erwerben. Die Liste tüchtiger italienischer Regierungschefs ist nämlich nicht sehr lang. Und Italien hat eine Modernisierung dringend notwendig.
STOL: Angela Merkel ...
Kofler: … hat Deutschlands Ansehen in der Welt enorm gesteigert. Sie ist eine Staatschefin, die in der Welt respektiert wird. In der Innenpolitik kann sie nur das verwirklichen, was in einer großen Koalition mit der SPD möglich ist. Oft ist das nur der kleinste gemeinsame Nenner, was in einigen Fällen zu wenig ist, auch in ihrer eigenen Bewertung. In dieser Koalition der begrenzten Möglichkeiten macht Merkel jedenfalls einen hervorragenden Job.
STOL: Was ihr viele nicht zugetraut hätten.
Kofler: Jene, die sie besser kannten, haben ihr das schon zugetraut. Ich kenne sie schon seit Mitte der 90-er Jahre, als sie mich als Jugendministerin bei Pro7 besucht hat. Wir führten zu jener Zeit eine Diskussion über unsere Talkshows am Nachmittag. Pro7 ist damals mit Arabella Kiesbauer durchgestartet und hat oft Themen präsentiert, die aus Sicht der Kritiker zuweilen nicht immer jugendfrei waren. Ich war seinerzeit schon von ihrem scharfen Intellekt, ihrer schnellen Auffassungsgabe und vor allem von Merkels Pragmatismus beeindruckt. Politik ist nun mal die Kunst des Möglichen, und diese Kunst beherrscht sie perfekt. Sie hat sich mit unglaublichem Einsatz hochgearbeitet. Ich denke, dass sie in weiten Kreisen, auch außerhalb von CSU und CDU, großen Respekt genießt.
STOL: Was ist das Zukunftsmedium?
Kofler: Wie immer die Mischung aus Print, Online und TV. So genannte Medienrevolutionen hat es in den vergangenen fünfzig Jahren immer wieder gegeben. Zuerst kam das Radio, und viele dachten, nun stirbt das Kino aus. Diese Angst hat sich verstärkt, als das Fernsehen populär wurde. Mit dem Aufkommen der Privatsender glaubten Kulturkritiker, dass nun die Zeitungs- und Buchindustrie den Bach hinuntergeht. Tatsache ist, dass heute mehr Bücher und Zeitungen denn je verkauft werden. Neue Medien stimulieren etablierte Medien. Neue Medien zwingen etablierte Medien zum Nachdenken über ihre Stärken und zu einer Fokussierung auf diese. Neue Medien braucht es schon allein, um die Arroganz der etablierten Medien zu relativieren, als Korrektiv sozusagen. Sobald marktführende Medien ihre Position über zwanzig Jahre halten, neigen sie zur Arroganz. Dann glauben sie, sie seien die eigentliche Regierung.
STOL: Stichwort Internet.
Kofler: Internet ist das erste globale Medienphänomen, wunderbar interaktiv, herrlich zum Recherchieren und eine neue Plattform für die Kommunikation, die auch neue Geschäfts-Modelle ermöglicht. Es garantiert zudem mehr Vielfalt und Wettbewerb. Etwas Besseres hätte der Kommunikationswirtschaft nicht passieren können. Das Internet ist bereits heute ein wichtiger Teil der Medienlandschaft, wird aber in der Zukunft noch viel bedeutender werden. Online- und Printmedien werden verstärkt verschmelzen, genauso wie es Fernsehen und Onlinemedien tun werden. Es wird kein gegenseitiges Zerfleischen, sondern vielmehr ein gegenseitiges Befruchten stattfinden. Denn das Internet ist eine kreative Herausforderung, die dazu führen wird, dass die Schnelleren an Boden gewinnen und die Faulpelze hinten bleiben. Und das ist gut so.
STOL: Sie haben Politik- und Kommunikationswissenschaften studiert und eine einzigartige Karriere aufs Parkett gelegt. Viele Uni-Absolventen stehen heute einem schwierigen Arbeitsmarkt gegenüber. Man hangelt sich von einem schlecht bezahlten Praktikum zum nächsten. Welchen Rat geben Sie Studenten?
Kofler: Nicht zu verzweifeln und auch die kleinste Chance zu nutzen, denn die Jobmöglichkeiten sind heute sehr viel größer als vor zwanzig Jahren. In den Jammer-Kanon kann ich nicht einstimmen. Junge Menschen sollten Mut zum Optimismus haben, vieles in Frage stellen und kleinere Revolutionen nicht scheuen, denn diese gehören zum jugendlichen Temperament dazu. Wenn die Jugend heute Anlass zum Pessimismus hat, dann frage ich mich, was die jungen Menschen vor fünfzig Jahren gemacht hätten.
STOL: Zurück zu Ihren Wurzeln: Was raten Sie einem jungen Südtiroler, der soeben seinen Uni-Abschluss hinter sich gebracht hat?
Kofler: In die Welt hinauszugehen. Ich würde jedem empfehlen, während des Studiums ein bis zwei Semester in Amerika zu verbringen oder sich im Ausland Praktika zu suchen. Ich habe es nicht gemacht und bereue es. Man muss heute zudem Englisch beinahe perfekt sprechen. Junge Leute müssen hinaus in die Welt und diese kennen lernen. Dabei sollten sie Südtirol jedoch nicht vergessen. Der globalisierte Mensch braucht Halt. Globalisiert ohne Heimat ist kein schöner Zustand. Gerade auch deshalb bin ich nach wie vor bekennender Südtiroler.
STOL: War es für Sie von Vor- oder Nachteil, Südtiroler zu sein?
Kofler: Immer von Vorteil. Nicht einmal meine alpine Bleizunge, die sich als Akzent in jeder Fremdsprache festsetzt, war von Nachteil. Das wurde sogar häufig als sehr charmant beschrieben. Wenn es einen Nachteil gibt, dann ist es vielleicht die gewisse provinzielle Enge. Sie ist nichts Südtirol-typisches, sondern etwas, das auf jede Provinz zutrifft. Ich glaube sogar, dass die Südtiroler „Provinzler“ im Normalfall weitaus aufgeschlossener, eleganter und vielfältiger sind, als andere „Provinzler“.
STOL: Wo ist Ihnen diese provinzielle Enge aufgefallen?
Kofler: Als ich nach dem Vinzentinum nach Wien gekommen bin, war ich zunächst „von den Socken“. Ich hatte die Matura immerhin mit 54 von 60 Punkten geschafft. Beim ersten Proseminar in Wien flogen mir aber Namen wie Marcuse, Habermas, Horkheimer mit solch einer Selbstverständlichkeit um die Ohren. Ich selbst hatte sie noch nie gehört. Es war so, als ob ich diesen Teil der Welt noch nicht kennen gelernt hatte, meine Studienkollegen hingegen schon. Ich habe natürlich schnell festgestellt, dass die anderen auch nur mit Wasser kochen, was mir wieder ungemein viel Selbstbewusstsein gegeben hat.
STOL: Eine Erkenntnis, die sie wahrscheinlich noch des Öfteren gemacht haben.
Kofler: Stimmt. Aber genau diese Erkenntnis, dass auch die anderen nur mit Wasser kochen, geht einem manchmal verloren, wenn man zu wenige Vergleichsmöglichkeiten hat. Um die Miele-Werbung zu zitieren: Nur der Vergleich macht Sie sicher. Das trifft auf das ganze Leben zu. Wenn jemand an drei ausländischen Universitäten studiert hat, dann beeindruckt einen ein Klugscheißer in Bozen nicht mehr. Das meinte ich vorhin auch mit der provinziellen Enge, die Vergleichsmomente oft nicht zulässt. Das klingt nun vielleicht herablassend, soll es aber nicht: Wir tragen das Risiko der provinziellen Kleingeistigkeit in uns, können es jedoch ohne weiteres überwinden.
STOL: Welchen Titel sollte ein Georg Kofler-Portrait tragen?
Kofler: Ein Titel in der „Welt“ lautete: „Der Mann mit dem Revoluzzer-Gen“. Der war nicht schlecht. „Ich liebe das Spiel und das Leben“ und „Ich bin ein Unternehmer aus Leidenschaft“ – aus diesen drei können Sie wählen (lacht).
STOL: Was sollte in Ihrem Nachruf stehen?
Kofler: Ernste Frage. Meine Antwort lautet: Das ist noch zu früh. Ich hoffe, über meinen Nachruf erst in dreißig Jahren nachdenken zu müssen. Und bis dahin wird noch so viel passieren, dass ich jeden Nachruf von heute sicher ein paar Mal revidieren müsste.
STOL: Das heißt, so schnell werden Sie sich nicht zur Ruhe setzen.
Kofler: Ich werde mich nie zur Ruhe setzen. Denn das würde bedeuten, aufhören neugierig zu sein, und dann werde ich alt. Ich würde aber lieber sterben, bevor ich alt werde.
Interview: Johanna Gasser/Arnold Sorg
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