© 2009 Margit Brugger mit einer Gesichtsbemalung, die die Kraft der Weißen Schlange symbolisiert. Diese Schlange wird vom Volk der Huni Kuin aus dem Amazonasgebiet als Heilbringerin verehrt.
© 2009 Margit Brugger mit Karaí Okendá, einem Professor, Schamanen und guten Freund vom Volk Guarani
© 2009 Margit Brugger mit Leonardo (links) und Yawa Bane Huni Kuin Kaxinawá: Die Südtirolerin und die beiden Indianer planen für kommendes Jahr eine Europa-Tournee, damit sich Interessierte über die Indianer aus dem Amazonischen Regenwald, ihre Kultur, ihre Spiritualität und ihre Weltanschauung informieren können.
Im November 2004 ist Margit Brugger von Brixen nach Florianópolis in Brasilien gezogen. Eigentlich wollte die 30-Jährige dort nur ein zweijähriges Masterstudium absolvieren. Doch nun lebt sie noch immer auf der Insel. Dort arbeitet sie für eine Organisation, die sich um die Gesundheit von Indianern kümmert.
STOL: Warum sind Sie nach Brasilien?
Margit Brugger: Während meines Politikwissenschaftsstudiums in Padua habe ich ein Austauschjahr in Madrid gemacht. Spanien hat zu Lateinamerika - aus historischen Gründen - einen sehr viel näheren Bezug, als Italien. Damals habe ich begonnen, mich für Südamerika zu interessieren. Kurz vor meinem Studienabschluss habe ich dann ein dreieinhalb Monate langes Praktikum in der italienischen Botschaft in Montevideo, der Hauptstadt Uruguays, gemacht. Während dieser Zeit habe ich einen Bekannten in Brasilien besucht, der mir einen Professor der Universität von Florianópolis vorgestellt hat. Der wiederum hat mir angeboten, in Florianópolis einen Master zu machen. Daraufhin bin ich nach Brasilien gegangen.
STOL: Wann war das?
Margit Brugger: Das Uni-Jahr hätte im März begonnen, aber ich wollte schon früher hin, auch um die Sprache zu lernen. Und so bin ich im November 2004 nach Florianópolis gezogen.
STOL: Konnten Sie bald Portugiesisch?
Margit Brugger: Ja, sprechen konnte ich es relativ schnell. Auch das Schreiben hat mir keine Schwierigkeiten bereitet. Nach viereinhalb Jahren spreche ich akzentfrei Portugiesisch - obwohl man auch Brasilianisch sagen könnte, weil es schon sehr verschieden vom Portugiesischen in Portugal ist. Manchmal gehe ich sogar als gebürtige Brasilianerin durch. Ich kann ohne falsche Bescheidenheit sagen, dass ich ein Talent für Sprachen habe und schon bevor ich nach Brasilien ging, Deutsch, Italienisch, Englisch, Französisch und Spanisch gesprochen habe.
STOL: Was haben Sie in den dreieinhalb Monaten sonst gemacht?
Margit Brugger: In der Zeit vor dem Studienbeginn habe ich einerseits Vorbereitungen für die Uni getroffen, andererseits habe ich Urlaub gemacht: Florianópolis ist eine Insel mit 40 Stränden. Um die Freizeit braucht man sich also keine Gedanken machen.
STOL: Erzählen Sie uns von Florianópolis.
Margit Brugger: Florianópolis, auch Floripa genannt, ist die Hauptstadt des Bundesstaats Santa Catarina. Sie liegt eine Flugstunde südlich von Sao Paulo und ist der Sitz der Staatsregierung. Ein großer Teil der Stadt - auch das Zentrum - liegt auf einer Insel, der Ilha de Santa Catarina, die über eine Brücke mit dem Festland verbunden ist. Florianópolis hat knapp 410.000, die Metropolregion Florianópolis hat knapp 850.000 Einwohner.
STOL: Was bedeutet Ihnen Florianópolis mittlerweile?
Margit Brugger: Florianópolis ist zurzeit das Zentrum meines Lebens, mein Partner ist hier ansässig, meine Arbeit und mein Freundeskreis sind hier. Andererseits fühle ich mich aber aus irgendeinem Grund nicht wirklich zu Hause. Ich glaube inzwischen dass das an der Energie hier liegt. Eine Freundin hat die Stadt mal als „Flughafen" bezeichnet, weil ihrer Meinung nach hier dauernd Leute kommen und nach einiger Zeit wieder gehen. Es ist sozusagen eine „Übergangsinsel". Da ist etwas dran. Nur sehr wenige Menschen sind noch wirklich von hier. Es leben vor allem Leute aus Porto Alegre oder São Paulo, Städte die relativ nahe sind, aber wegen ihrer hohen Gewaltenrate eine sehr schwache Lebensqualität haben, in der Stadt. Anders als Floripa, wenigstens bis jetzt.
STOL: Was war Ihr erster Eindruck von Brasilien?
Margit Brugger: Der Kulturschock war nicht zu unterschätzen, das Leben in Brasilien ist einfach ganz anders. Ich hatte eine bestimmte Vorstellung von Brasilien - eben die, die wohl die meisten Menschen bei uns haben: Regenwald, Samba, arme Kinder und Ähnliches. In Wirklichkeit ist das Land natürlich viel komplexer und auch sehr vielfaltig. Und da so „hineingeworfen" zu werden, war nicht ohne.
STOL: Wie haben Sie Ihre Studienzeit in Florianópolis erlebt?
Margit Brugger: Die zwei Jahre des Masterstudiums waren ein extremer Umbruch in meinem Leben: Ich bin mit einer bestimmten Vorstellung nach Brasilien gegangen und bin komplett verändert aus dem Studium herausgekommen. Man könnte auch sagen, ich hatte aus meiner Prägung in Südtirol und in Italien heraus ein Weltbild, als ich nach Brasilien ging. Dieses hat sich durch den Kontakt mit den Brasilianern, verschiedenen wissenschaftlichen Autoren, durch sehr starke persönliche Veränderungen und durch den Umzug in ein fremdes Land völlig verändert.
STOL: Inwiefern?
Margit Brugger: Ich war schon vor meiner Zeit in Brasilien gegen die Globalisierung in der Form, wie sie zurzeit gepredigt und praktiziert wird. Doch es ist ein Riesenunterschied zwischen dem bloßen Sagen und zwischen dem Gespür: „Das ist wirklich nicht gut." Außerdem hatte ich die Möglichkeit einige sehr interessante Autoren zu vertiefen, wie Vandana Shiva, Edgar Morin, Felix Guattari, Wolfgang Sachs oder Fritjof Capra - der übrigens Nordtiroler ist -, die nicht nur die Absurdität unserer derzeitigen Form die Welt und das Leben zu erleben aufzeigen, sondern auch, für mich, eine recht innovative Stellung dazu beziehen. Sei es in philosophischer, als auch in praktischer Hinsicht.
STOL: Wie haben Sie während des Masterstudiums Ihren Lebensunterhalt verdient?
Margit Brugger: Ein Professor für Umweltrecht und ökologische Politik, der in der Staatsregierung Chef des Organs für technologische Entwicklung war, hat einen Mitarbeiter gesucht, der die internationalen Beziehungen betreut. Das habe ich gemacht und dafür ein Arbeitsstipendium bekommen. Nach einiger Zeit wurde ich vom Ministerium für Internationale Beziehungen abgeworben - auch wegen meiner Sprachkenntnisse. Doch das war im Wahljahr und deshalb ging nichts weiter, ich fühlte mich unterfordert. Deshalb habe ich den Job aufgegeben und mich auf mein Studium konzentriert - was aber irgendwann zu einem Geldproblem wurde.
STOL: Was haben Sie gemacht?
Margit Brugger: Ich habe beim Land Südtirol um ein Stipendium für Studierende im Ausland angesucht und das auch genehmigt bekommen. Diesbezüglich muss ich dem Land sehr danken, denn wenn ich dieses Stipendium nicht bekommen hätte, hätte ich nicht in Brasilien bleiben können.
STOL: Sie haben für Ihr Masterstudium „Recht der Internationalen Beziehungen", das sie 2007 abgeschlossen haben, eine Arbeit zum Thema Ökologische Landwirtschaft geschrieben. Ein soziales Thema für eine Rechtswissenschaftlerin?
Margit Brugger: Ja, ich habe über ökologische Landwirtschaft in der Globalisierung geschrieben und darin mehrere Themen verknüpft. Ökologische Landwirtschaft, „agroecologia" wie sie in Brasilien genannt wird, hängt dort sehr stark mit der sozialen Frage zusammen. Es geht nicht nur darum gesunde Lebensmittel herzustellen, sondern auch darum, dass die Kleinbauern ihre Berechtigung haben, zu existieren - nicht nur als Produzenten, sondern auch als Mitglieder der Gesellschaft. Es gibt das Wort „empoderamento", das bedeutet, dass die Kleinbauern ihr Selbstbewusstsein wiederfinden und sich auch ganz bewusst in die Gesellschaft als gleichwertige Bürger einbringen.
STOL: Die These Ihrer Dissertation?
Margit Brugger: Dass durch die Stärkung der lokalen Landwirtschaft und somit der vielen Kleinbauern, das Einheimische, das was sich die verschiedenen Völker durch Jahrunderte und über Generationen an Wissen angeeignet haben, mehr geschätzt wird. Es geht darum, wie man im Einklang mit der Natur leben kann. Das sollte wieder mehr geschätzt und - im Idealfall - mit dem technologischen Fortschritt verbunden werden, um zu einer besseren Lebensqualität für alle beizutragen.
STOL: Was machen Sie jetzt?
Margit Brugger: Ich arbeite seit etwa einem Jahr für eine nichtstaatliche Organisation, eine sogenannte NGO, die vor allem mit Indios zusammenarbeitet. Zu dieser Stelle bin ich durch mein Interesse für Schamanismus gekommen. Ich war schon vorher mit Indios in Kontakt und war von diesen akzeptiert, ebenso wie ich sie akzeptierte. Das ist wichtig, denn wenn jemand zu den Völkern hingeht, der strikt rational denkt, dann ist es schwierig auf sie einzugehen. Es ist sehr leicht, zu den Indios hinzugehen und zu sagen: „Oh, die sind faul, die wollen nicht arbeiten!" Es braucht eine gewisse Sensibilität, um zu erkennen, dass sie eine ganz andere Weltanschauung haben und dass das etwas Interessantes und Kostbares ist.
STOL: Wie heißt die Organisation, für die Sie arbeiten?
Margit Brugger: Es ist die Associação Rondon Brasil. Wir sind im Kern etwa 20 Mitarbeiter. Daneben gibt es viele Leute, wie Ärzte, Zahnärzte, Krankenschwestern usw., die in den Außenstellen unter Vertrag sind. Im Internet kann man uns unter www.rondonbrasil.org.br finden - vorläufig leider nur auf Portugiesisch.
STOL: Wie viel verdienen Sie?
Margit Brugger: Ich verdiene 1800 Reais, umgerechnet 670 Euro, im Monat für 30 Stunden pro Woche. Damit kann ich recht gut leben. Allerdings bezahle ich keine Miete, weil ich im Haus meines Lebensgefährten, eines Universitätsprofessors, wohne. Natürlich: Wenn ich nach Südtirol fliegen möchte, dann ist es ziemlich teuer, wenn ich mit Reais bezahle. Andererseits ist es angenehm, dass ich offiziell angemeldet bin, ein 13. Monatsgehalt erhalte, Recht auf Abfertigung habe usw. Solche Arbeitsstellen gibt es in Brasilien nicht viele, es wird sehr viel schwarz gearbeitet.
STOL: Was macht „Ihre" NGO genau?
Margit Brugger: Sie hat einen Vertrag mit einem Organ des Gesundheitsministeriums, der Fundação Nacional de Saúde, kurz FUNASA, die für die Gesundheitsversorgung der Indianer zuständig ist. Der Vertrag gilt für fünf brasilianische Bundesstaaten. Wir stellen Ärzte ein, kaufen und verteilen Medikamente, kümmern uns also um die klassische Basisvorsorge. Wir arbeiten aber ganz stark darauf hin, die Schulmedizin mit traditionellen Heilungsmethoden und mit der Biomedizin zu verknüpfen. Dafür haben wir erst kürzlich einen Preis gewonnen.
STOL: Wie funktioniert die Gesundheitsvorsorge in Brasilien generell?
Margit Brugger: Ähnlich wie in Nordamerika: Versicherte werden meistens von guten Ärzten in guten Spitälern behandelt. Normalerweise sind Nicht-Versicherte ziemlich arm dran. In Florianópolis ist es etwas anders. Dort gibt es ein Universitätskrankenhaus, das für alle zugänglich ist.
STOL: Akzeptieren die Indios die Methode der Verschmelzung der Schulmedizin mit traditionellen Heilmethoden und Biomedizin?
Margit Brugger: Nun, es gibt viele Ureinwohner, die von ihrer eigenen, traditionellen Art der Heilung überhaupt nichts mehr wissen wollen.
STOL: Wie kommunizieren Sie mit den Indios?
Margit Brugger: Ich bin stark daran interessiert, Eingeborenensprachen zu lernen. Im Moment verständige ich mich in Portugiesisch, das viele Indianer sprechen. Allerdings ist es oft schwierig, die Indianer zu verstehen. Andererseits läuft die Kommunikation ganz oft nicht mit Worten ab - es geht vielmehr von Herz zu Herz oder von Gefühl zu Gefühl. Irgendwie ist es paradox: Ich, die aus Brixen komme, kommuniziere mit brasilianischen Naturvölkern und merke, dass auch wir Südtiroler im Grunde ein Naturvolk sind.
STOL: Fühlen Sie sich als Europäerin von den Indianern akzeptiert?
Margit Brugger: Ja doch, sie haben mich schnell aufgenommen. Wahrscheinlich auch deshalb, weil ich sehr oft bei ihren Ritualen mitmache.
STOL: Betreuen Sie selbst Projekte in mehreren Bundesstaaten?
Margit Brugger: Ich arbeite bisher nur in Santa Catarina. Bei der Associação Rondon Brasil kümmere ich mich vor allem um Projekte im landwirtschaftlichen Bereich. Dabei wird wieder die traditionelle Landwirtschaft sehr stark berücksichtigt. Denn die Verantwortlichen haben verstanden, dass es nichts nützt an der Gesundheit zu arbeiten, indem Medizin verteilt wird, ohne an der Basis anzuknüpfen. Diese Basis ist die die Wurzel, auch in der Landwirtschaft: Die Indianer müssen über ausreichend eigene Lebensmittel verfügen.
STOL: Auf welche Schwierigkeiten treffen Sie in Ihrer Arbeit?
Margit Brugger: Unsere größten Probleme sind, dass die Reservate, in denen die Indios leben, teilweise viel zu klein sind, die Erde oft unfruchtbar ist und manchmal das Geld zur Umsetzung der Projekte fehlt.
STOL: Wie finanziert sich die Associação Rondon Brasil?
Margit Brugger: Wir arbeiten meist mit dem Ministerium für landwirtschaftliche Entwicklung zusammen, das ist eines der zwei Landwirtschaftsministerien in Brasilien. Eines ist für die Großgrundbesitzer und eines für die soziale Entwicklung zuständig. Dieses Ministerium schreibt Wettbewerbe aus, bei denen man Projekte vorlegen kann. Das machen wir.
STOL: Wie läuft das genau ab?
Margit Brugger: Dahinter steckt sehr viel Bürokratie: Um ein Projekt so auszuarbeiten, dass es für das Ministerium passt, braucht man ungefähr ein Jahr. Dann erhält man einen Teil des Geldes. Derzeit läuft zum Beispiel ein Projekt, mit dem die Agro-Biodiversität des Volkes der Guaraní unterstützt werden soll. Es ist in drei Phasen aufgeteilt. Eine ist bereits abgeschlossen: Dafür sind die Indios mit einem Bus bis nach Argentinien gereist, um Samen ihrer traditionellen Ackerpflanzen auszutauschen. Die zweite Phase würde darin bestehen, diese Samen zu pflanzen. Doch bisher ist nur die erste der vereinbarten Raten vom Ministerium bei uns angekommen, sodass wir nicht weiterarbeiten können. Wir sind deshalb jetzt auf der Suche nach weiteren Geldgebern, die solche Projekte längerfristig unterstützen können.
STOL: Engagiert sich die Associação Rondon Brasil auch für den Schutz des Regenwaldes?
Margit Brugger: Indirekt. Wenn man sich die Landkarte von Brasilien anschaut, dann kann man feststellen, dass in den meisten Indianerreservaten der Wald intakt ist. Wo keine sind, ist er weitgehend abgeholzt. Wobei man sagen muss, dass es auch viele Indios gibt, die das Geld „gerochen" haben und ihre Bodenschätze und ihr Holz, das unter Naturschutz steht, verkaufen.
STOL: Viele Indianer-Völker glauben an Schamanismus ...
Margit Brugger: Eigentlich kann man das so nicht sagen. Schamanismus ist, soviel ich davon verstehe, eine Art Sammelbegriff der sich auf einige Grundregeln beruft. Von Glauben kann man da, denke ich, nicht reden. Die meisten Völker von denen ich gehört habe, oder die ich kenne, haben ihre ganz eigene Weltanschauung. Interessant ist dabei, dass es für die meisten keine Trennung gibt, weder von Mensch und Natur, noch von Religiösität und Landwirtschaft, zum Beispiel. Auch ich arbeite mit Schamanismus - bisher allerdings mehr an mir selbst und inzwischen mit einigen Freunden. Ich habe vor rund zweieinhalb Jahren damit begonnen und habe mittlerweile Kontakt zu Indianern aus ganz Brasilien.
STOL: Was gefällt Ihnen daran?
Margit Brugger: Die Indianer glauben, dass alles eine Einheit bildet. Jeder leistet also seinen Beitrag zum großen Ganzen. Es gibt zum Beispiel ein Indianervolk im Norden Brasiliens, das behauptet, wenn es nicht jeden Tag beten würde, dass die Sonne aufgeht, dann würde sie nicht aufgehen. Das sind so Sachen, wo ich sage: „Ich glaube es nicht ganz - aber irgendwie glaube ich es doch." Den meisten Europäern fehlt dafür die Sensibilität. Diesbezüglich könnten wir viel von den Naturvölkern lernen.
STOL: Wäre für Sie selbst eine Ausbildung zur Medizinfrau auch interessant?
Margit Brugger: In gewissem Sinne bin ich bereits auf dem Ausbildungsweg. Dieser beinhaltet alles Mögliche, unter anderem vier Jahre Vision Quest. Zwei davon habe ich bereits hinter mir, und es hat sich so einiges in meinem Leben verändert.
STOL: Was ist eine Visionquest?
Margit Brugger: Eine Visionssuche. Sie ist bei vielen Völkern der Erde ein Übergangsritual. In der Lakota-Tradition, an die wir uns unter anderen anlehnen, ist es eine Phase von mehreren Tagen, in der sich jemand alleine in den Wald und auf den Berg zurückzieht. Während der Zeit wird nicht gegessen, nicht getrunken und geredet. Es ist eine Art Meditation. Im ersten Jahr umfasst die Visionquest vier Tage, im zweiten sieben, im dritten neun und im vierten 13. Wobei man am fünften Tag immer etwas zum Essen und zum Trinken, und, vor allem, Besuch von den Freunden bekommt.
STOL: Was hat diese Ausbildung in Ihnen bewirkt?
Margit Brugger: Das ist irgendwie schwierig in Worte zu fassen. Auf jeden Fall merke ich inzwischen, dass ich meinen eigenen Weg gehen muss. Ich wage zu behaupten, dass die meisten Menschen heutzutage nicht wirklich frei sind, die meisten Taten sind Reaktionen auf irgenwelche Impulse, keine wirklich bewussten Gesten. Ich führe das darauf zurück, dass wir so stark beeinflusst werden - von der Tradition, der Kirche, von dem, was wir an Wertvorstellungen von unseren Eltern mitbekommen usw. Das ist nicht schlecht, denn es ist ja unser persönliches Gepäck. Wichtig ist allerdings, dass man lernt, bewusst zu alldem eine gewisse Stellung zu beziehen. Dass man sich selbst beobachtet und hinterfragt, warum man in bestimmten Situationen auf eine bestimmte Art und Weise reagiert. Der Großteil der Menschen wird von Impulsen und Reaktionen geleitet, nicht von selbstbestimmten Aktionen. Doch wenn man beginnt, eine gewisse Distanz zu bewahren und zu beobachten, dann hat man ganz andere Möglichkeiten sein Leben in die Hand zu nehmen. Das finde ich extrem wichtig.
STOL: Was wollen Sie mit dieser Ausbildung erreichen?
Margit Brugger: Dass ich auf mich selbst schaue und so viel wie möglich über mich selbst lerne, um so im Einklang mit mir und allen meinen Beziehungen - Menschen, Natur, usw. - zu leben. Das ist das A und O! Alles andere kommt dann von alleine.
STOL: Wollen Sie die Ausbildung abschließen?
Margit Brugger: Ich habe immer Angst zu sagen „Das ist mein Ziel", weil ich nie weiß, was wirklich kommt. So wie ich meinen Lebensweg derzeit sehe, ist die Tätigkeit als Medizinfrau etwas, was in Frage kommt.
STOL: Viele Schamanen und Medizinmänner bzw. -frauen arbeiten mit halluzinogenen Pflanzen ...
Margit Brugger: Ja, in vielen Ritualen werden sogenannte Machtpflanzen eingesetzt. Sie werden mit sehr grossem Bedacht und unter grosser Ehrerbietung an den Geist der in ihnen steckt in Ritualen verwendet, die einen Anfang, eine Mitte und einen Schluss haben und nach Jahrtausende alten Überlieferungen geführt werden. Es gibt viele Pflanzen, die in Südtirol oder allgemein in der westlichen Zivilisation als halluzinogen bezeichnet werden. In Brasilien sind das zum Teil behördlich anerkannte Heilpflanzen, und oft spricht man dort von „enteogenen" Pflanzen. Natürlich muss man dazu auch sagen, dass es Menschen gibt, die diese Machtpflanzen missbrauchen was dann auch die dementsprechenden Konsequenzen mit sich bringt.
STOL: Wie sind Sie selbst mit Schamanismus in Kontakt gekommen?
Margit Brugger: Ich hatte in meiner Anfangszeit in Brasilien alle möglichen gesundheitliche Probleme, darunter eine chronische Blasenentzündung. Die habe ich versucht mit konventionellen Medikamenten und Antibiotika unter Kontrolle zu bekommen, doch das hat nicht geklappt. Auch mit homöopathischen Mitteln war sie nicht in den Griff zu kriegen. Da hat eine Bekannte gemeint, ich solle doch einmal in ein schamanisches Schwitzzelt gehen, ihrer Meinung nach fehlte es an der Verbindung mit der Mutter Erde (wirklich, wie viele Menschen dort das Leben sehen ist doch sehr anders als bei uns). Da bin ich dann hin, zu dem sogenannten Temascal, und ich habe schon beim ersten Mal gemerkt, dass mir das gut tut und dass ich mich dort wohlfühle. Auch weil ich gleich gespürt habe, dass die Menschen mit denen ich das Ritual mitgemacht habe sehr ernsthaft sind, und auch weiterhin sehr stark an sich selbst arbeiten. Ich habe dann einige Kurse, Seminare und Workshops gemacht, auch 2 Jahre Vision Quest - und fühle mich seitdem immer mehr mit dem Schamanismus oder wie auch immer man das nennen will, stark verbunden.
STOL: Gibt es in Ihrer Umgebung in Brasilien etwas, das Sie an Südtirol erinnert?
Margit Brugger: Im Bundesstaat Santa Catarina steht Dreizehnlinden, das Dorf, das von Tiroler Auswanderern gegründet worden ist. Dort gibt es eine Molkerei, die die zweitgrößte Brasiliens und dementsprechend ziemlich bekannt ist. Wenn ich sage, ich komme aus Tirol, dann stellen alle gleich eine Verbindung dazu her. Es ist aber nicht so, dass sie glauben, ich käme aus Dreizehnlinden.
STOL: Wie kommt das?
Margit Brugger: Ich sage in Brasilien immer, ich komme aus Tirol, weil Südtirol ja niemand kennt. Erst wenn ich die Leute besser kennenlerne, erkläre ich ihnen alles genau.
STOL: Wie wohnen Sie in Florianópolis?
Margit Brugger: Ich wohne mit meinem Lebensgefährten in seinem Haus am Strand. Wir müssen nur eine Düne überqueren und dann sind wir am Atlantik. Ich bin leider viel zu faul, jeden Tag morgens an den Strand zu gehen - doch besonders im Sommer ist die Nähe zum Meer angenehm.
STOL: Wie schaut ein typischer Tag für Sie aus?
Margit Brugger: Ich nehme morgens mein Auto - einen alten weißen, etwas durchgerosteten VW Käfer - und fahre etwa 20 Kilometer bis zum Hauptsitz der Associação Rondon Brasil. Ich arbeite sechs Stunden täglich - 30 pro Woche, jedoch mit flexiblen Arbeitszeiten, außer ich muss zu irgendwelchen Sitzungen.
STOL: Welches sind Ihre Aufgaben bei der NGO?
Margit Brugger: Was ich in meiner Arbeitszeit genau mache, hängt davon ab, was gerade auf der Tagesordnung steht: Entweder ich feile an Projekten und fülle Formulare aus, damit wir um Beiträge ansuchen können, oder ich fahre in die Reservate. Das mache ich so oft wie möglich. Denn unsere Grundphilosophie bei der Associação Rondon Brasil ist, dass die Idee für ein Projekt von den Indianern selbst ausgehen muss. Deshalb pflegen wir enge Kontakte mit den Stammesführern.
STOL: Warum werden die Indianer so stark in die Phase der Projektausarbeitung miteinbezogen?
Margit Brugger: Es ist ganz wichtig, dass die Indianer beim gesamten Entwicklungsprozess dabei sind. Schließlich geht es ja um sie, und sie selbst sollen entscheiden, wobei sie unterstützt werden wollen. Außerdem, wenn das nicht so ist, dann bringt es nichts. Wenn sie von einer Sache nicht überzeugt sind, dann tun sie es einfach nicht. Das ist eine Eigenheit, die meine Arbeit einerseits erschwert; andererseits bewundere ich die Art, nur das zu tun, was man möchte.
STOL: Wie werden Ihre Verhandlungspartner bestimmt?
Margit Brugger: Die Indios sind grundsätzlich sehr gut organisiert: Es gibt einen sogenannten cacique, das ist der Chef. Der wird vom Volk gewählt und muss seinen Wählern Rede und Antwort stehen. Sobald das Volk ihn nicht mehr will, wird er knallhart abgesetzt. Das ist direkte Demokratie.
STOL: Was bedeutet Winter in Florianópolis?
Margit Brugger: Es gibt Tage, da sinkt die Temperatur bis auf fünf Grad Celsius. Unser Haus ist südlich ausgerichtet und da bläst oft der saukalte Südwind, der direkt von der Antarktis heraufweht. Problematisch ist, dass die Häuser der Kälte nicht standhalten. Es zieht durch die Ritzen und es gibt keine Heizungen, außer den kleinen Elektroöfen. Doch seit ich zum ersten Mal auf einem Berg, auf dem es wirklich war, eine Visionquest gemacht habe, bin ich draufgekommen, dass man mit Kälte auch sehr gut leben kann.
STOL: Wie oft besuchen Sie Ihre „alte Heimat"?
Margit Brugger: Normalerweise bin ich einmal im Jahr für etwa einen Monat in Südtirol.
STOL: Vermissen Sie das Land?
Margit Brugger: Wenn ich in Südtirol bin, dann hüpft mein Herz vor Freude - vor allem im Sommer. Bemerkenswert ist aber, dass mir Südtirol nicht abgeht, wenn ich in Brasilien bin. Denn dort habe ich wirklich ein angenehmes Leben: einen tollen Lebenspartner, einen schönen Freundeskreis, ich fühle mich wohl. Außerdem habe ich in Brasilien noch viel zu lernen. Doch wenn ich in Südtirol bin, dann spüre ich so einen Ruf: „Komm zurück!" Die Sehnsucht ist also schon da.
STOL: Was weckt diese Sehnsucht?
Margit Brugger: Ob es meine Familie oder die Natur ist? Ich kann es nicht in Worte fassen, doch ich denke, es ist einfach die Heimat, mit allem was dazugehört. Ich bin stolz darauf, eine Tirolerin zu sein. Wir Südtiroler haben eine ganz starke Bindung zum Land, zur Natur - auch weil wir ein Naturvolk sind. Gleichzeitig tut es mir weh, mitansehen zu müssen, wie viel Schindluder in Südtirol mit diesem Stolz getrieben wird.
STOL: Vermissen Sie den Südtiroler Dialekt?
Margit Brugger: Erst in Brasilien habe ich begriffen, wie wichtig es ist, eine eigene Sprache zu haben. Es ist ein Genuss für mich, während meiner Südtirol-Aufenthalte unseren Dialekt zu sprechen.
STOL: Gibt es irgendetwas typisch Südtirolerisches, das Sie häufig kochen?
Margit Brugger: Mit Knödeln hab ich es nicht so, aber süßes „Grießmuas" mache ich sehr gerne. Kuchen backe ich gerne, besonders Linzer Torte, und auch meine Lieblingsspeise Milchreis koche ich oft. Den hat meine Oma immer gemacht und so knüpfe ich daran sentimentale Erinnerungen. Nudeln sind immer schnell zubereitet, und im Winter gibt es oft Suppen.
STOL: Pflanzen Sie auch selbst Früchte und Gemüse an?
Margit Brugger: Nein, allerdings bauen unsere Nachbarn Wassermelonen, Bananen und ähnliche Früchte an - es würde also trotz der Nähe zum Meer und trotz des Dünensandes durchaus funktionieren. Ich selbst habe einige Kräuter und Blumen, die in Töpfen wachsen, und habe mir vorgenommen, Südtiroler Produkte und für Brasilien typische Früchte anzubauen.
STOL: Was sind die Vorteile des Lebens in Brasilien gegenüber jenem in Südtirol?
Margit Brugger: Die Perfektion gibt es nicht. Hier und dort gibt es Vor- und Nachteile. Ich liebe die Lockerheit im Leben der Brasilianer. Da fällt mir ein Beispiel ein, das schon einige Jahre zurückliegt: Ich war mit einem Freund bei einem Konzert und als wir nach der Veranstaltung wieder vom Parkplatz herunterfahren wollten, hätten wir eine riesige Runde fahren müssen. Doch der Weg zur Straße war nur durch einige Plastikteile versperrt. Da ist mein Bekannter ausgestiegen und hat die Absperrungen beiseitegeschoben, ist hinausgefahren, hat die Absperrungen wieder zurechtgerückt und schon waren wir weg. Diese Art, die Dinge einfach zu tun, und nicht lange darüber nachzudenken - die finde ich sehr erfrischend. Ich mag es, heute nicht zu wissen, was ich morgen mache, es einfach laufen zu lassen.
STOL: Was finden Sie in Brasilien nicht gut?
Margit Brugger: Die sozialen Geschichten sind erschreckend. Es ist grausam, wenn man die vielen Elendsviertel, die Favelas, betrachtet. Jene in Florianópolis sind zwar nicht ganz so verkommen wie in anderen Städten, doch es ist trotzdem arg. Auch weil es in den Slums ein riesiges Drogenproblem gibt. Die Favelas werden häufig von Drogenbossen kontrolliert, die redlich arbeitende Leute in kriminelle Machenschaften hineinziehen. Daneben gibt es eine ganz hohe Zahl von Jugendlichen und jungen Menschen, die ermordet werden. Außerdem sind die Menschen ziemlich faschistisch: Wer Geld hat, hat die Macht! Doch das ist in Europa ja nicht anders.
STOL: Welche Drogen sind vor allem im Umlauf?
Margit Brugger: Alle möglichen, doch ziemlich schlimm ist es mit dem Crack. Denn Crack ist die Droge mit einem hohen psychischen Abhängigkeitspotenzial. Immer jüngere Jugendliche werden davon abhängig und drehen durch. Viele Überfälle passieren im Crackrausch.
STOL: Spüren Sie die hohe Kriminalität auch am eigenen Leib?
Margit Brugger: Ich wohne in einer Gegend, die relativ sicher ist: Wir haben niedrige Zäune und offene Tore - beides Dinge, die in Brasilien ziemlich selten sind. Man hört jedoch immer wieder davon, dass in der Umgebung eingebrochen wird. Auch unser Auto wurde einmal aufgebrochen, als es in der Garage stand. Mein Lebensgefährte und ich glauben, dass das aber nur ein Druckmittel einer privaten Miliz war, die in der Gegend Sicherheitsdienste anbietet.
STOL: Haben Sie daraufhin begonnen, Schutzgeld zu zahlen?
Margit Brugger: Nein, wir sind gegen dieses System. Wir sehen nicht ein, dass wir jeden Monat etwas bezahlen müssen, um in Sicherheit zu sein. Wir haben nach dem Vorfall Anzeige erstattet und seitdem ist nichts mehr passiert.
STOL: Ist die hohe Kriminalitätsrate ein Grund für Sie, wieder nach Südtirol zurückzugehen, oder möchten Sie für immer in Brasilien bleiben?
Margit Brugger: Das kann ich jetzt nicht sagen. Ich bin ein unruhiger Mensch, ein unruhiger Geist. Das war ich immer schon. Meinen derzeitigen Job habe ich nun ungefähr seit einem Jahr, doch ich möchte nicht ewig hier bleiben. Für mich ist es wichtig, dass ich viel lerne und viele Kontakte aufbaue. In der Zukunft möchte ich selbständiger arbeiten und in bestimmten Bereichen eigene Entscheidungen treffen. Ich habe eine tolle Chefin, doch sie ist ziemlich vorsichtig. Manche Dinge, die ich gerne versuchen würde, bremst sie aus - und das tut mir leid.
STOL: Wo sehen Sie Ihre berufliche Zukunft dann?
Margit Brugger: Ich möchte mich mit Freunden, die im selben Metier arbeiten, zusammenschließen und eigenständig Projekte starten. Anfangs nebenberuflich und irgendwann später selbständig. Ein Traum von mir ist, eine Verbindung - welcher Art auch immer - mit Europa und vor allem mit Südtirol aufzubauen.
Simone Treibenreif
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