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Artikel vom Freitag, 4. November 2016

„Südtirols Deserteure waren eine kleine Minderheit“

In Südtirols Nachkriegsgesellschaft herrschte lange Zeit Schweigen über jene Männer, die während des 2. Weltkrieges Widerstand gegen Nationalsozialismus und Krieg leisteten. Die Schicksale der kleinen Gruppe an Deserteuren und Kriegsdienstverweigerern - und die sie unterstützenden Frauen - wurden erst in den 1990er Jahren öffentlich gemacht. In Nordtirol dauerte das länger. Der Filmclub Bozen zeigte unlängst zwei Dokumentationen über Süd- und Nordtiroler Deserteure – anschließend diskutierten Podiumsgäste über das Wie und Warum.

Die Publikation "Verfolgt, verfemt, vergessen" regte zu kontroversen Diskussionen an und war die Grundlage eines Dokumentarfilms über Südtirols Deserteure und Kriegsdienstverweigerer.

Die Publikation "Verfolgt, verfemt, vergessen" regte zu kontroversen Diskussionen an und war die Grundlage eines Dokumentarfilms über Südtirols Deserteure und Kriegsdienstverweigerer. - Foto: STOL

„Verfemt und Vergessen“, so der Titel des Kino- und Diskussionsabends, den die Michael-Gaismair-Gesellschaft, Geschichte und Region/Storia e regione und das Gemeindemuseum Absam im Filmclub Bozen vor zwei Wochen organisiert hat – ein treffender Titel für ein langjähriges Tabuthema.

Denn „verfemt und vergessen“ waren in Südtirol viele Jahre jene Männer, die gegen Krieg und nationalsozialistisches System opponierten, indem sie desertierten bzw. den Dienst an der Waffe verweigerten.

Erst in den 1990er Jahren nahmen sich Historiker wie Leopold Steurer, Martha Verdorfer und Walter Pichler diesem Thema an – indem sie mit den ehemaligen Deserteuren und deren Familien sprachen, die Ergebnisse wurden 1993 in einem Buch veröffentlicht.

„Wir waren nicht bereit mitzumachen“

Die 2 Jahre darauf produzierte ORF-Dokumentation „Wir waren nicht bereit mitzumachen“ von Bernd Breit basierte auf dieser publizistischen Grundlage. 20 Jahre später nahm sich wiederum eine ORF-Dokumentation („Verfemt – Die Deserteure im Vomperloch", Georg Laich) dem Thema an - diesmal aus Nordtiroler Perspektive.

Diskussion über Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Nord- und Südtirol

Beide Filme wurden nun im Filmclub Bozen gezeigt, anschließend diskutierten die Historiker Walter Pichler, Johannes Kramer, der Filmemacher Georg Laich und Matthias Breit vom Gemeindemuseum Absam über Gründe und Konsequenzen von Desertion sowie über die Unterschiede zwischen Nord- und Südtiroler Deserteuren.

Walter Pichler interviewte Anfang der 1990er Jahre zahlreiche ehemalige Deserteure. - Foto: Walter Pichler

STOL hat mit dem Südtiroler Historiker und Geschichtsdidaktiker Walter Pichler über das langjährige Tabuthema Desertion gesprochen.

Südtirol Online: Herr Pichler, Sie sprachen unlängst im Filmclub Bozen über Südtiroler Deserteure während der NS-Zeit, ein jahrzehntelanges Tabuthema. Warum wurden die Deserteure nach 1945 „vergessen“?
Walter Pichler: Die Kriegsdienstverweigerer und Deserteure waren in allen Armeen der Welt eine kleine Minderheit, so auch in Südtirol. Dass sie vergessen wurden, hat auch damit zu tun. Ihre Entscheidung, gegenüber den Wehrverbänden des Dritten Reichs den Gehorsam zu verweigern, machte sie zudem zu unbequemen Zeitgenossen.

STOL: Historischen Untersuchungen zufolge haben an die 300 Südtiroler im Zweiten Weltkrieg desertiert bzw. den Kriegsdienst verweigert. Die Konsequenzen waren bekannt: Tod und Sippenhaft. Aus welchen Gründen entzogen sich diese Soldaten dem System?
Pichler:Stellen Sie sich vor, sie sind italienischer Staatsbürger und werden vom deutschen Staat in den Kriegsdienst berufen. Wie reagieren sie? Das war die Situation der Dableiber: Gut die Hälfte der Deserteure hatte bei der Option 1939 fürs Dableiben, für die italienische Staatsbürgerschaft optiert. Nach der deutschen Besatzung im September 1943 wurden auch sie von den Deutschen entgegen dem geltenden Völkerrecht zum Wehrdienst eingezogen. Sie fragten sich zu recht: wie kommen wir als italienische Staatsbürger dazu, für Hitler zu kämpfen?

Bei Optanten und Dableibern spielten negative Erfahrungen mit dem Wehrdienst, wie Schikanen bei der Ausbildung oder Kriegsgräuel, eine Rolle bei ihrer Entscheidung für das Verlassen der Truppe. Manchen Ausbildnern machte es Spaß, die Rekruten durch jauchegedüngte Felder robben zu lassen bzw. im Frühling sie in kalte Gebirgsbäche zu hetzen. Einige spätere Deserteure schworen dabei, beim nächsten Heimaturlaub sich in die Berge abzusetzen.

Bei einigen Deserteuren und Kriegsdienstverweigerern waren es pazifistische und auch religiöse  Motive, die sie bewegten, sich dem Kriegsdienst zu entziehen. Ein gutes Beispiel hierfür ist Franz Thaler aus dem Sarntal.

STOL: Gemeinsam mit Leopold Steurer und Martha Verdorfer haben Sie für Ihre Publikation „Verfolgt, verfemt, vergessen“ Interviews mit zahlreichen Südtiroler Deserteuren und deren Unterstützern geführt. Lassen sich ähnliche Verlaufsformen von Desertion ausmachen oder muss jedes Schicksal für sich selbst betrachtet werden?
Pichler: Es gab ganz unterschiedliche Schicksale: Einige Deserteure wurden gefangen genommen und erschossen, wie zum Beispiel Franz Kofler aus Jenesien. Es gab Deserteure, die sich bei einem befreundeten unverdächtigen Bauern verstecken konnten und unentdeckt blieben, wie Alois Winkler aus Schenna.

In manchen Tälern gab es größere Gruppen von Deserteuren, die dank der Unterstützung von Familienangehörigen oder ihnen freundlich gesinnten Menschen gut über die Runden kamen. Ein  Beispiel ist Deutschnofen, aber auch das Ultental. Die Ultner Deserteure fanden Solidarität auf der Trentiner Seite, in Rabbi.

Die zahlenmäßig größte Gruppe gab es im Passeiertal. Am Eingang des Tales stand ein Schild: „Achtung Partisanengebiet“. Von den rund 60 Deserteuren aus den Gemeinden St. Martin, St- Leonhard und Moos waren mindestens 20 bewaffnet. Um auf die Deserteure Druck auszuüben, wurden ihre Familienangehörige als Sippenhäftlinge ins Lager Bozen gesperrt. Sieben Deserteure aus St. Leonhard, die sich freiwillig stellten, wurden in verschiedene Konzentrationslager deportiert.

STOL: Nach dem Krieg kehrten die Überlebenden in ihre Heimatstädte und -dörfer zurück, ehemalige Wehrmachtssoldaten genauso wie Wehrmachtsdeserteure. Wie erging es den Deserteuren im Südtirol der Nachkriegszeit?
Pichler: Nach Kriegsende haben mancherorts Deserteursgruppen besonders fanatische Nazis in den Dorfbrunnen getaucht, wie zum Beispiel in St. Pankraz im Ultental. Die Ultner Deserteure, welche sich in Rabbi versteckt hielten, feierten mit der dortigen Bevölkerung ein Abschiedsfest.

In der unmittelbaren Nachkriegszeit brauchte man auf politischer Ebene die Deserteure, die ehemaligen KZ-Häftlinge, kurzum den antinazistischen Widerstand. Er ermöglichte politisches Handeln, die Gründung einer Partei, usw. Auf der ersten Landesversammlung der Südtiroler Volkspartei 1947 sagte Parteiobmann Erich Amonn: „Die SVP ist aus dem antinazistischen Widerstand hervorgegangen“.

Im Laufe der Zeit wirkte es sich aber aus, dass Deserteure und Kriegsdienstverweigerer nur eine verschwindend kleine Minderheit in der Bevölkerung waren. Beim Stammtisch im Wirtshaus, beim Südtiroler Kriegsopfer- und Frontkämpferverband, in Politikerreden, setzte sich allmählich die Mehrheitsmeinung durch, dass es sich bei Deserteuren um Drückeberger, um Feiglinge handle.

STOL: Herr Pichler, ist 2016 das Thema „Desertion“ Bestandteil unserer Erinnerungskultur und wie sollte zukünftig mit diesem Kapitel Südtiroler Geschichte umgegangen werden?
Pichler: In Südtirol wurde das Thema des antinazistischen Widerstands seit den 1980er Jahren wiederholt thematisiert. Der Film „Sie sagten nein“ von Gerd Staffler, das Buch „Unvergessen“ von Franz Thaler, die Optionsausstellung 1989, schließlich „Verfolgt, verfemt, vergessen“ 1993. Das hat dazu geführt, dass der antinazistische Widerstand von der Öffentlichkeit und der Politik mit anderen Augen gesehen wird als zuvor. Auch eine kleine Zusatzrente wurde den Deserteuren und KZ-Häftlingen vom Regionalrat 1995  gewährt, womit sie den Frontkämpfern gleichgestellt wurden.

Landeshauptmann Arno Kompatscher hat 2015 am Tag der Autonomie auf Schloss Sigmundskron seine Wertschätzung gegenüber dem antinazistischen Widerstand ausgedrückt und dessen Bedeutung für die Südtiroler Autonomie unterstrichen. Im Landesgeschichtsbuch für alle Sprachgruppen hat der Widerstand seinen Platz gefunden, derzeit erarbeitet der Bereich Innovation und Beratung Lernmaterialien für den Geschichtsunterricht zum Thema.

Interview: Andrej Werth

Walter Pichler, Lana

Sehr geehrter Herr Staffler, Sie scheinen ja zu allem eine feste Meinung zu haben. Bevor Sie jedoch eine Behauptung in die Welt setzen, wie etwa: "die meisten Südtiroler Deserteure wurden vom italienischen Staat nach dem Krieg verfolgt und kriminalisiert" möchte ich sie bitten, die Biografien dieser Menschen in der Publikation "Verfolgt, verfemt vergessen" oder etwa Franz Thalers "Unvergessen" nachzulesen. Sie werden dort keinerlei Grundlage für ihre Aussage finden.

06.11.2016 15:43 Uhr

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Tommy Baumann, Brixen

Man tut gut daran sich zu vergegenwärtigen, welcher Gefahr, die real bestand, und welcher möglichen Konsequenzen sich diese Leute aussetzten. Daher resultiert auch meine Wertschätzung; für mich sind sie wahre Helden die sich gegen Verrohung des menschlichen Seins und für Menschenwürde einsetzten.

05.11.2016 12:53 Uhr

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Hartmuth Staffler, Brixen

Es fehlt hier leider jeder Hinweis darauf, dass die meisten Südtiroler Deserteure nach dem Krieg vom italienischen Staat verfolgt und kriminalisiert wurden, selbst ein Hans Egarter, Leiter der Südtiroler antifaschistischen und antinazistischen Widerstandbewegung (Andreas-Hofer Bund). Heute weint man diesen aufrechten Männern Krokodilstränen nach, aber man schiebt die Schuld der Südtiroler Bevölkerung und nicht den wahren Schuldigen in die Schuhe.

04.11.2016 22:43 Uhr

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3 Kommentare

 
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