Startseite » Kultur im Überblick » Musik

Artikel vom Freitag, 28. Juli 2017

Salzburger Festspiele: Berührende Mozart-Premiere „La Clemenza di Tito“

„Wenn wir uns von unseren Träumen leiten lassen, wird der Erfolg all unsere Erwartungen übertreffen“, so sagte die Präsidentin der Festspiele Helga Rabl Stadler. Bei der ersten Premiere mit:„La Clemenza di Tito“ von Wolfgang Amadeus Mozart werden Träume zur bestaunenden Rührung.

Florian Schuele und Marianne Crebassa begeistern in „La Clemenza di Tito“. - Foto: Ruth Walz

Florian Schuele und Marianne Crebassa begeistern in „La Clemenza di Tito“. - Foto: Ruth Walz

Aus jetzt-zeitiger Sicht inszeniert Peter Sellars einen zwingenden, von  Gnade und Vergebung erfüllten Mozart, der seine letztgültige musikalische  Magie und Ausformung  durch den großartigen Dirigenten Teodor Currentzis erfährt.  

Die verbürgte Geschichte des edelmütigen römischen Imperators Titus Flavius Vespasianus wurde vor allem in der Textfassung des großen Dichters Metastasio über 40. Mal vertont, doch „La Clemenza di Tito“ von Mozart, der  mit dem Librettisten Caterino Tommaso Mazzolà sich weitgehend an die Vorlage von Metastasio hielt, ist eine Auftragsoper für die Krönungsfeierlichkeiten von Kaiser Leopold II zum böhmischen König in Prag.

Die Uraufführung erfolgte am 6. September 1791 und sie wurde zwiespältig aufgenommen, denn es war verpönt, dass ein Herrschender seine  privaten Befindlichkeiten auf der Bühne zeigte. Mozart dirigierte selbst, doch die Hofgesellschaft war wohl auf Grund der langen Festlichkeiten doch ermüdet, ja sie langweilte sich!

Die Aufführung in der Felsenreitschule wird mit minutenlangen Ovationen  zu einem Fest der Versöhnung.

Das Publikum staunt zunächst, weil die große Bühne der Felsenreitschule völlig leer ist, doch mit dem Einsatz der Musik kommen aus der Versenkung ganz langsam abstrakte Glasquader. Gleichzeitig erscheinen zagende, allerweltbunt gekleidete Menschen mit und ohne Kopftücher.

Das ängstige flüchtende Volk wird von  außerirdisch wirkenden und vollbewaffneten Soldaten bewacht. Das  minimalistische Deutungschema der Handlung ist zwar etwas plakativ, aber es wirkt  der kostümierte Spielansatz mit dichten Bildern. Sellars setzt auf seine altbekannte Ästhetik, wenn sein Bühnenbildner George Tsypin mit  Installationen das Geheimnisvolle auf und ab kreisen lässt, wobei die oft bunten Lichtwechsel von James Ingalls den (politischen) Handlungsverlauf eher stören.

Marianne Crebassa und Russell Thomas. - Foto: Ruth Walz

Was soll’s, was gibt’s zu bemängeln, wenn dieser Mozart letztlich auch durch die wundersame Betrachtung von Peter Sellars – dem auch Ablehnung entgegenweht –   durch  Ovationen zum versöhnlichen Fest des Aufbruchs wird?

Nichts, oder beinahe nichts, denn es herrscht gerade bei und mit  diesen „Tito“  eine völlig andere Ausbruchsstimmung, die vom neuen und überaus klugen Intendanten Markus Hinterhäuser so kompromisslos  durchdacht, ja sehnlichst  gewünscht wird.

Eine andere, erweiterte musikalische Fassung dieser Oper wird durch den Dirigenten Teodor Currentzis zur magischen Besinnung!

Wenn Teodor Currentis musiziert, dann gelten bestehende Parameter nicht mehr, schon gar  bei „La Clemenza di Tito“  die Currentzis – Sellars  mit dem fantastisch eingefügten Adagio und der Fuge aus Mozarts c – Moll Messe zur seelische Aussage des Sesto machen. 

Oder, wenn der Chor mit Annio und Servilia in den hell erleuchteten Saal gehen und aus dieser Fabelmesse das „Benedictus & Hosanna“ singen.  Der „musicAeterna Choir of Perm Opera“ und das Orchester „musicAeterna of Perm Opera“  wird durch Currentis zum zeitlosen Erlebnis, das sich mal in langen, breiten Klangkosmen substantiiert.

Dann plötzlich hält bei einer Generalpause alles inne, bis dann mit zerreisendem Spiel alles explodiert und zwar ganz im verführerischen Sinne von eines zeitlosen Machtdramas, wobei  auch der Originalklang mit dem Hammerklavier und den „alten“ Instrumenten alle Dimensionen des Archaischen und Zeitgenössischen scharfakzentuiert zum Drama mutieren.  

Die Chorstimmen berühren in allen Stimmlagen  mit dem physiognomischen Wunsch des Besseren, wenn sie, wie schon erwähnt, unvergesslich in Bilder aufsummiert werden.

Die Solisten realisieren zunächst ein szenisches Machtspiel, berühren aber auch  unvergesslich durch exzellenten Gesang.

Rührig, milde und immer leidenschaftlich präsentiert sich der farbige Tenor Russell Thomas als Tito, wenn er aus der lyrischen Stimmlage heraus schönste Seelenqualen (im Spitalsbett 2. Akt) hervorragend dramatisiert.

Sellars lässt ihn am Ende mit Mozarts (gesungener) „Maurerische Trauermusik“ sterben. Durchaus auch leidenschaftlich mit feintimbrierter Stimme spielt und singt Golda Schultz die verzweifelte Vitellia, die allerdings im gedanklich wundersamen Blumen – Lichtermeer ihr: „Non piu di fiori“ etwas undramatisch gestaltet.

Golda Schultz als Vitellia. - Foto: Ruth Walz 

Sehr präsent wie immer ist Willard White als uniformierter Publio (Bass), während Christina Gansch als höchst erfreuliche  Servilia und Jeanine De Bicque als Annio ein echtes Liebespaar zu verlieben sind. Die Vollendung stimmlich wie darstellerisch ist aber die  überragende Mezzosopranistin Marianne Crebassa als Sesto.

Abgesehen von der jugendlich knabenhaft, ja fast androgynen Erscheinung, ist  diese erhabenste Mozart – Figur auch im Komplott von seltsamen Mitleid getrieben, was sich im wohl besten aller Einfälle zeigt, wenn diese grandiose Künstlerin die schönste Arie aller Zeiten: „Parto, parto“ gemeinsam mit dem auf der Bühne spielenden Bassethorn – Klarinettisten zelebriert.

Sie umarmen sich, sie liegen aus dem Boden, die Töne aus der Kehle, aus dem geblasenen Rohrblatt vereinen sich zum rührendsten Gefühlsereignis des Abends. Was für ein Auftakt.

Unbedingt zu sehen am 4. August auf ORF 2.

stol/ C. F. Pichler aus Salzburg   

 

Es gibt neue Nachrichten auf der Startseite

zur Startseite Nicht mehr anzeigen
Verpassen Sie keine wichtigen Artikel mehrAktivieren Sie die Benachrichtigungen
AktivierenMehr Infos