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Artikel vom Samstag, 20. Juli 2019

Salzburger Festspiele: Mozarts „Idomeneo“ im Gespräch

Wer der Regisseur ist und wer der Dirigent, das sei bei Peter Sellars und Teodor Currentzis oft nicht so leicht zu unterscheiden, sagt der Dramaturg Antonio Cuenca Ruiz. Einig sind sich die beiden jedoch, dass es ein künstlerischer Traum sei, wieder in Salzburg miteinander arbeiten zu können, so betonen sie es zur diesjährigen Eröffnungsoper, Mozarts „Idomeneo“.

von links: Lemi Ponifasio: Teodor Currentzis und Peter Sellars.- Foto: C F.Pichler

von links: Lemi Ponifasio: Teodor Currentzis und Peter Sellars.- Foto: C F.Pichler

In der Produktion gehe es darum, Probleme anzusprechen, sagt Dirigent Teodor Currentzis. Wer sei dafür besser geeignet als Peter Sellars?

Das Wort Regisseur werde ihm gar nicht gerecht. „Er ist viel mehr als das. Er lädt uns mit seiner Arbeit gewissermaßen in seine spirituelle Praxis ein“, sagt der Dirigent. „Er setzt auf Kommunikation, führt uns alle zu Problemlösungen und setzt dabei auf Humanität mit einer enormen Energie. Es ist ein Privileg mit ihm zu arbeiten.“ Und auch Peter Sellars geizt nicht mit Lob für den Dirigenten. „Was Teodor auszeichnet, ist seine Gabe Licht an unerwartete Orte zu bringen. Er ist ein echter Visionär“, sagt der Regisseur. Zu beobachten wie Teodor Currentzis bei der ersten Probe mit dem Freiburger Barockorchester ein „atmosphärisches Gesamterlebnis“ geschaffen habe, sei beeindruckend gewesen. Takt für Takt, Note für Note habe er jedes Detail mit den Musikern besprochen. Mit seiner Arbeitsweise schaffe er es immer wieder Räume für die Sänger zu schaffen, in denen sie ihr Potenzial voll und ganz freisetzen könnten.

„Durch Schuld kann der Mensch nicht geheilt werden“

In Mozarts anderer opera seria La clemenza di Tito, die die beiden vor zwei Jahren mit sehr großem Erfolg bei den Salzburger Festspielen inszeniert hatten, ging es um Vergebung! In „Idomeneo“ nun ginge es um die Meinung, dass es Zeit ist Aufzuhören und damit einer neuen Generation neue Chancen zu geben, ergänzt Teodor Currentzis. „Wenn wir unsere Ansichten jetzt nicht überdenken“, sagt er, „dann existieren wir in 100 Jahren vielleicht nicht mehr.“ Er spielt außerdem auf den Vater-Sohn-Konflikt in der Oper an: „Wir sollten aufhören, Schuld in uns zu tragen und diese auf unsere Kinder und Kindeskinder zu übertragen. Durch Schuld kann der Mensch nicht geheilt werden.“

„Wir stehen beim Thema Klimawandel weltweit vor einer riesigen Herausforderung“, sagt der Regisseur. Egal ob in Indonesien, Paris oder New York, es handele sich um ein globales Problem, für das eine neue Form der Kommunikation gefunden werden müsse. „Wir müssen uns über alle politischen und ethnischen Trennlinien hinwegsetzen“, so Sellars.  Das Thema Ozean sei altbekannt aus der Mythologie. Doch dieser Ozean, das sei nicht eine Wassermasse, nein, der Ozean, das seien Millionen von Lebewesen. „Wir müssen lernen mit dem Ozean zu verhandeln und mit ihm in Kontakt zu treten“, sagt Peter Sellars. 

„Tanz solle dazu beitragen, Wunden zu heilen“

Genau daher sei der in Samoa, im Pazifik geborene Lemi Ponifasio, der perfekte Choreograf für diese Produktion.. Damals sei er nach Kiribati geflogen, eine Insel in Polinesien, die wohl als eine der ersten auf der Landkarte verschwinden wird, wenn der Wasserspiegel weiter ansteigt. Als er begann mit den Einheimischen zu sprechen, kannte niemand Mozart, lacht er. Das habe sich mittlerweile geändert. Die Einheimischen haben ihn als eine Art Weltbürger erkannt. Mit seiner Arbeit an dieser Produktion wolle er mit dem Tanz Räume der Stille schaffen. „Die Tänzer existieren zwischen den Noten“, sagt er. Sie seien wie ein Baum, der einerseits fest verwurzelt ist, sich aber mit seinen Blättern immer dem Licht zuwende. Der Tanz solle dazu beitragen, Wunden zu heilen. Dabei spielt das finale Ballett eine große Rolle.

Mozart hatte damals bei der Uraufführung seiner Oper einige Arien gestrichen, sagt Peter Sellars. „Und auch wir haben uns entschieden selektiv zu sein. Wir gehen nach dem Motto ‚weniger ist mehr‘, damit mehr Kohärenz entstehen kann“, sagt der Regisseur. Dass das heikel sei in Salzburg, wisse er. Dennoch habe man fast alle Secco-Rezitative gestrichen. „Das Wesen der Rezitative des 18. Jahrhunderts ist es, Emotionen rüberzubringen und zu erläutern“, sagt der Dirigent Teodor Currentzis. „Ich glaube aus heutiger Sicht hätte Mozart sogar selbst darauf verzichtet. Er musste damals Kompromisse eingehen und hat sie daher geschrieben“, sagt er. Allerdings sei es in der heutigen Zeit nicht mehr nötig mit dem Holzhammer alles zu erklären. Das Publikum sei auch so sehr gut in der Lage, alles zu verstehen! Die Premiere ist am 27. Juli in der Felsenreitschule und wird mit Spannung erwartet! 

C.F. Pichler aus Salzburg

 

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