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Artikel vom Mittwoch, 7. August 2019

Salzburger Festspiele: Gespräch zu neuem „Orphée aux enfers“ von Offenbach

Der Zauber von Jacques Offenbachs Musik? „Man kann sie nicht hören, ohne zu lächeln“, sagt Barrie Kosky, dessen Inszenierung von Orphée aux enfers (Orpheus in der Unterwelt) am 14. August Premiere hat. „Das ist sein Genie. Egal, ob man den Text versteht oder nicht, seine Musik hat eine verführerische Qualität!“. Mit dieser Opéra-Bouffon hat Jacques Offenbach nicht nur die Neugeburt der Operette eingeleitet.

Barrie Kosky (Regie) und Enrique Mazzola (Musikalische Leitung). Foto: SF/Anne Zeuner

Barrie Kosky (Regie) und Enrique Mazzola (Musikalische Leitung). Foto: SF/Anne Zeuner

Offenbach hat   einen Faden gesponnen zum griechischen Theater der Antike. Dort sei es üblich gewesen, neben den drei Tragödien, sozusagen als Zwischenspiel, ein Satyrspiel zu setzen. „Es musste also genau wie im Leben inmitten der Tragödien ein Intermezzo geben, eine Blödelei über Macht und Sex, das war die Geburt der Komödie“, sagt Barrie Kosky.

Genau das macht Markus Hinterhäuser in diesem Sommer, sagt der Regisseur. „Er setzt zwischen die großen Mythen der Antike ein Satyrspiel.“ Offenbach beschäftige sich in seinem Orphée aux enfers zwar mit dem antiken Orfeo-Stoff, er drehe allerdings alles um und macht eine Persiflage aus der Geschichte.

„Tausende Jahre lang war Eurydike nur eine Muse, eine Frau ohne Funktion, jetzt ist sie Hauptfigur“ (Kosky)

 „Bei Offenbach aber ist sie die Hauptfigur. Orfeo wird zur Nebenfigur, da Jupiter und Pluto viel mehr auf der Bühne stehen als er.“ Eine gesellschaftliche Kritik? – Nein, die interessiere ihn nicht bei diesem Stück. Sicher hat das damalige Publikum der Uraufführung 1858, die hochbürgerliche französische Gesellschaft, gewusst, dass es um sie selbst ging, andererseits habe Offenbach aber durch seine Genialität den Zuschauern zu verstehen gegeben, dass es dabei um ein Spiel ging.

„Orpheus in der Unterwelt“  hat zwei Haupthemen: Die andere Ehe und das neue  Frauenbild und seine Emanzipation

Die Hauptthemen sind  zwei Aspekte: „Das Stück ist alles andere als eine Werbung für die christliche Ehe“, sagt Barrie Kosky. Vielmehr stellt Offenbach die  Ehe auf den Kopf. Alle im Stück gezeigten Ehen sind kaputt. „Das zweite Hauptthema ist das Frauenbild in der Inszenierung. Offenbach ist seiner Zeit 60, 70 Jahre voraus.

Er zeigt eine emanzipierte Frau, obwohl zu seiner Zeit die Frau nur als Muse, als kranke Frau, als wahnsinnige Frau oder als tote Frau auf der Bühne gezeigt wurde.“ Und auf einmal stelle er eine moderne Frau auf die Bühne, die weiß, was sie will, die die Musik von ihrem Mann Orphée verabscheut, die nicht das Kunstobjekt oder die Muse für den Mann sei. „Was für ein fantastischer Humor!“, sagt Barrie Kosky. 

Chanson, Revue, Burlesque, Slapstick, Klamauk, Clowning sind in diesen Stück im Schatten des Todes, meinen Regisseur Kosky und Dirigent Enrique Mazzola

 Freude und Ekstase liegen sehr nahe an Melancholie, die Musik trage immer den Schatten des Todes in sich. Auch  Dirigent Enrique Mazzola will Satire und Burlesque auf die Bühne zu bringen: „Dazu habe ich ein großes Vertrauen zum Regisseur und auch zu den Sängern.  Schnelligkeit zentral bei der Tendenz zum Extremen und Exzessiven. Bei Offenbach sind die Tempi sehr wichtig!“  E ist viel Rossini in diesem Stück, der zu jener Zeit in Paris als : „GRANDE VECCHIO“ galt.

Die Wiener Philharmoniker waren bei der ersten Orchester – Probe „seriossisimi“, jetzt lächeln sie beim Spielen

Enrique Mazzola schmunzelt  von der ersten Probe mit den Wiener Philharmonikern: „Zuerst waren seriossisimi, aber schon bei der zweiten Probe gab es  Lächeln bei den Musikern. Zum Beispiel bei einem Cellisten, ein wundervoller Musiker“, sagt Enrique Mazzola. „Als er verstanden hat, dass er nicht nur die Begleitung spielen muss, ist er entspannter geworden und mittlerweile lächelt er beim Spielen.“ In der Vorbereitung hat sich Mazzola viel mit kritischen Editionen der Partitur auseinandergesetzt, so dass die hier gezeigte Version im Grunde alle Fassungen wiederspiegelt: „Offenbach ist ein sehr schneller Schreiber gewesen, er hat die Partitur auch noch nach der Premiere dem Geschmack des Publikums angepasst.

„Eine Herausforderung bei dieser Inszenierung“ so Regisseur Barrie Kosky „war der Umgang mit der Sprache!“

Gesungen wird in der Originalsprache auf Französisch, aber die Dialoge  werden von Nicht-Muttersprachlern weder auf Deutsch noch auf Französisch gesprochen: „Wir haben nun eine wunderbare Lösung gefunden, die auch gut mit Offenbach korrespondiert, der ja sowohl stark von Deutschland als auch von Frankreich geprägt wurde.“ John Styx, der Tod, der von Max Hopp verkörpert wird, spricht auf Deutsch alle Dialoge.

„Man hört die Musik und fängt an zu lächeln ohne den Text kennen“, sagt Regisseur Barrie Kosky

 Die Sänger bewegen  ihre Lippen, als würden sie sprechen, allerdings spricht Styx in der Sprache des Todes alle Rollen für sie. „Dadurch entsteht eine seltsame theatralische Sprache“, sagt Barrie Kosky: „Das Deutsch – Französische Pendeln der Juden, denken wir an Heinrich Heine,  spielt in 20 Rollen Max Hopp als John Styx. Aber es wird auch auf Deutsch gesungen, denn Jacques Offenbach war deutscher Jude, der jüdisches Klezmer auch in Italienisch, Französisch verbindet. Daraus wurde eine Musik des Lächelns!

C. F. Pichler aus Salzburg

 

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