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Artikel vom Dienstag, 10. September 2019

Vor 100 Jahren: Der schwarze Tag für Tirol

Mit der Unterzeichnung des Vertrages von Saint-Germain am 10. September 1919 wurde die Zerreißung Tirols besiegelt - heute vor 100 Jahren. Das Tagblatt „Dolomiten“ widmet dem historischen Thema eine Sonderseite.

Diese Botschaft bestimmt das Titelbild der „Dolomiten“ vom Dienstag, 10. September 2019.

Diese Botschaft bestimmt das Titelbild der „Dolomiten“ vom Dienstag, 10. September 2019. - Foto: D

100 Jahre Friedensvertrag von Saint-Germain – das bewegt vor allem auch in Südtirol. Wurde doch die mittlerweile autonome Provinz heute vor 100 Jahren, am 10. September 1919, von Österreich abgetrennt und kam zu Italien.

Ebenso wie das Trentino (das damalige Welschtirol). Diese besondere, mitunter leidvolle Geschichte prägt Gesellschaft und Politik südlich des Brenners bis heute.

Am 10. September 1919, um 11 Uhr, unterzeichnete der österreichische Staatskanzler Karl Renner in Saint Germain den Friedensvertrag zwischen den Siegermächten des Ersten Weltkriegs und Deutschösterreich.

Unmittelbar danach meinte Renner: „Wir werden den redlichen Versuch unternehmen, allein auf uns gestellt fortzukommen. Die Welt behauptet, dass wir es können; so müssen wir selbst daran glauben.“

Wenige Tage zuvor hatte Renner bei einer Sitzung appelliert: „Uns geschieht Unrecht!“ - Genau diese Überschrift trägt die Sonderseite der „Dolomiten“ zum 100. Jahrtag.

Die Konstituierende Nationalversammlung Deutsch-Österreichs ratifizierte den Vertrag schließlich am 21. Oktober 1919. Völkerrechtlich trat er am 16. Juli 1920 in Kraft. Daraufhin erfolgte am 10. Oktober 1920 auch formal die Angliederung Südtirols an Italien.

Italianisierung und Option

Mit der Machtübernahme der Faschisten unter Benito Mussolini wurden dann ab 1922 massenhaft Italiener in Südtirol angesiedelt. Die ortsansässige österreichische Bevölkerung fürchtete mehr und mehr um ihre nationale Identität. Mit dem „Hitler-Mussolini-Pakt“ wurden die Südtiroler 1939 vor die Wahl gestellt, sich als Italiener zu bekennen oder nach Deutschland auszuwandern.

Das erste Autonomiestatut erhielten die Südtiroler im Jahr 1948, nachdem es auf Drängen der Westmächte am 5. September 1946 zum Abschluss eines Schutzvertrages gekommen war, der von den Außenministern Karl Gruber und Alcide De Gasperi unterzeichnet („Gruber/De Gasperi-Abkommen“ oder „Pariser Vertrag“) wurde. Allerdings wurde Südtirol auf Initiative De Gasperis mit dem Trentino in eine Region zusammengefasst. In dieser hatte die italienische Bevölkerung die Mehrheit.

„Los von Trient“ und Feuernacht

Nach Ende der Besatzungszeit intervenierte Österreich erstmals wegen Südtirol in Rom. Verhandlungen wurden von italienischer Seite aber abgewiesen. Am 17. November 1957 rief der spätere, legendäre Landeshauptmann Silvius Magnago (SVP) vor rund 35.000 Südtirolern auf Schloss Sigmundskron südlich von Bozen das legendäre „Los von Trient!“ aus. Der damalige österreichische Außenminister Bruno Kreisky brachte den Südtirol-Streit schließlich im Jahr 1960 erstmals vor die UNO.

Im Jahr 1961 erreichten die Anschläge des Befreiungsausschusses Südtirol (BAS) schließlich ihren Höhepunkt und mündeten in der sogenannten „Feuernacht“, in der Nacht vom 11. auf den 12. Juni. 37 Hochspannungsmasten wurden unter anderem in dieser Nacht gesprengt, um die Weltöffentlichkeit auf die Unterdrückung der deutschsprachigen Minderheit in Südtirol aufmerksam zu machen.

Am 20. Jänner 1972 trat schließlich das neue Autonomiestatut für Südtirol in Kraft. Alle Durchführungsbestimmungen hätten bis 1974 erlassen werden müssen. Gegen Ende der 1970er-Jahre verlangsamte sich das Tempo aber immer mehr. Die Verhandlungen dauerten schließlich bis zum Jänner 1992.

Am 30. Jänner des selben Jahres gab dann der italienische Ministerpräsident Giulio Andreotti vor dem römischen Parlament die Erklärung ab, dass seine Regierung das Paket für erfüllt halte. Im April übergab Italien Österreich eine diplomatische Note, in der die Autonomie für erfüllt erklärt wurde. Am 11. Juni folgte der formelle Abschluss der Südtirol-Verhandlungen. Am 19. Juni 1992 legten Österreich und Italien schließlich den Streit vor der UNO in New York bei. Österreich betonte, dass die auf dem Gruber/De Gasperi-Abkommen fußende Schutzmachtfunktion aufrecht bleibe.

Schrittweiser Ausbau der Autonomie

In den darauffolgenden Jahren wurde die Südtirol-Autonomie schrittweise erweitert. Unter anderem erfolgte die Errichtung eines eigenen Oberlandesgerichtes in Bozen. Die deutsche Sprache wurde bei Polizei und Gericht gleichgestellt. Nach dem österreichischen EU-Beitritt und dem Inkrafttreten des Schengener Abkommens wurde an den Übergängen zu Nord- und Osttirol der Wegfall der Grenzbarrieren gefeiert.

Bis heute drehen sich die politischen Debatten in Südtirol indes um die Erweiterung der erstrittenen Autonomie. Immer wieder ist dabei auch von der, von Alt-Landeshauptmann Luis Durnwalder (SVP) geprägten, Formulierung der „dynamischen Autonomie“ die Rede.

Die deutschsprachigen Oppositionsparteien lancieren hingegen immer wieder Ideen, die von der Loslösung von Rom und einer Rückkehr zu Österreich bis hin zur Idee eines Freistaates reichen. Auch die Diskussion um die von der türkis-blauen Regierung geplanten, und mittlerweile wieder etwas in der Versenkung verschwundenen, Doppelstaatsbürgerschaft ist im Lichte der besonderen Südtiroler Geschichte zu sehen, die am 10. September 1919 ihren prägenden Tag hatte.

D/apa

Weitere Hintergründe gibt es in der aktuellen Ausgabe des Tagblatts "Dolomiten".

Felix A Huber, Bruneck

Der Friedensvertrag von Saint-Germain ist die letzte Kriegshandlung des Ersten Weltkrieges und zugleich die erste Kriegshandlung des Zweiten Weltkriegs. Das war nicht nur ein schwarzer Tag für Tirol, sondern ist immer noch ein schwarzer Tag für die Demokratie / für das Recht der Völker, ihr Schicksal selbst zu bestimmen.

11.09.2019 01:30 Uhr

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