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Artikel vom Montag, 9. September 2019

Vor 100 Jahren: Wie die Südtiroler die Teilung Tirols erlebten

Am 10. September 1919 war das eingetreten, was von der Südtiroler Bevölkerung schon seit Kriegsende befürchtet, aber lange verdrängt und ignoriert worden war. Noch vor Kriegsende war bekannt geworden, dass bereits 1915 bei den Londoner Geheimverträgen die Alliierten den Italienern die Brennergrenze versprochen hatten. Doch auch nach der Kapitulation Österreich-Ungarns im November 1918 erschien die Angliederung des deutschen Teils Tirols an Italien für den Großteil der Südtiroler Bevölkerung unvorstellbar.

Die österreichische Delegation – angeführt von Kanzler Karl Renner – stand am 10. September 1919 bei der Unterzeichnung des Friedensvertrages vor vollendeten Tatsachen. Die alliierten Siegermächte diktierten dem Verlierer die Bedingungen. Der Vertrag sah vor, dass am 10. Oktober 1920 die Annexion Südtirols durch Italien in Kraft treten sollte (im Bild: Karl Renner setzt seine Unterschrift unter den Vertrag). - Foto: Archiv

Die österreichische Delegation – angeführt von Kanzler Karl Renner – stand am 10. September 1919 bei der Unterzeichnung des Friedensvertrages vor vollendeten Tatsachen. Die alliierten Siegermächte diktierten dem Verlierer die Bedingungen. Der Vertrag sah vor, dass am 10. Oktober 1920 die Annexion Südtirols durch Italien in Kraft treten sollte (im Bild: Karl Renner setzt seine Unterschrift unter den Vertrag). - Foto: Archiv

Anlass zur Hoffnung bot vor allem Punkt 9 der 14 Punkte des US-Präsidenten Woodrow Wilson über die Grenzen Europas in der Nachkriegszeit. Er sah eine Grenzziehung zwischen Österreich und Italien nach klar erkennbaren ethnischen Linien vor. Diese waren bei Salurn mit eindeutiger Schärfe gegeben.

Hoffen auf den US-Präsidenten Wilson

Doch musste Wilson auch Italien nach einem verlustreichen Krieg an der Seite seiner Alliierten einige Gebietsgewinne zugestehen, während Großbritannien sich die deutschen Kolonien einverleibte und Frankreich seine Stellung am Rhein ausbaute. Wenn auch Großbritannien während der Konferenz sich für die Anliegen Südtirols interessierte, so wurde Jugoslawien in der Fiumekrise sowohl von Großbritannien als auch von den USA unterstützt.

Zudem verfolgte die deutsch-österreichische Außenpolitik den Anschluss an Deutschland, was die Südtirolfrage in den Hintergrund rücken ließ. Daher war es notwendig geworden, dass Tiroler Persönlichkeiten aus Politik und Kirche im Vorfeld der Friedensverhandlungen selbst die Initiative ergriffen.

Informationen und Visionen über ein künftiges Tirol

Dr. Walter Lutz und Dr. Otto von Guggenberg eröffneten in Bern ein Büro, mit der Aufgabe, Diplomaten der Entente, Zeitungskorrespondenten und einflussreiche Persönlichkeiten über die politische Situation in Südtirol zu informieren und diese von der Schaffung einer neutralen Republik Tirol zu überzeugen.

Sigismund Waitz, Weihbischof von Feldkirch, weckte das Interesse für die Südtirolfrage beim Nuntius von Bern, um sich in einem Schreiben an den Kardinalratssekretär für Südtirol einzusetzen. Der hohe Klerus sowie die Tiroler Aristokratie vertraten das Konzept eines Freistaates Tirol in Form der wiedervereinten „gefürsteten Grafschaft Tirol“ mit Kaiser Karl als monarchischen Regenten. Eine Gruppe von Geistlichen stellte die Überlegung an, Tirol dem Papst als Kirchenstaat anzubieten. Doch all diese Aktionen brachten nichts ein, weil der Heilige Stuhl auf die Friedensverhandlungen keinen Einfluss hatte.
Im Mai 1919 beschloss die Tiroler Landesregierung, das geschlossene deutsche und ladinische Landesgebiet von Kufstein bis zur Salurner Klause als selbständigen, demokratischen und neutralen Freistaat auszurufen.

Die Alliierten reagierten nicht auf die Proklamation der Tiroler Landesversammlung und forderten Wien auf, 3 Delegierte nach Paris zu entsenden. Der Christlichsoziale Dr. Franz Schumacher und der Deutschfreiheitliche Dr. Paul Freiherr von Sternbach vertraten die Position der Tiroler Landesregierung. Der dritte Delegierte, der Sozialdemokrat Dr. Franz Gruener, hingegen unterstützte jede Lösung Tirols im Rahmen Deutschösterreichs.

Delegation steht vor vollendeten Tatsachen

Den unterschiedlichen Vorstellungen der österreichischen Delegation stand eine klar definierte Position der italienischen Regierung gegenüber, die darauf bestand, für die Opfer des Krieges echte territoriale Gewinne zu erhalten. Schlussendlich wurde die österreichische Delegation nicht nach Paris eingeladen, um Forderungen zu stellen, sondern um vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden.

Am 2. Juni 1919 übergaben die Siegermächte der österreichischen Delegation in Saint-Ger-main den ersten Teil der Friedensbedingungen. Dr. Franz Schumacher berichtete an die Tiroler Landesregierung: „Was die Gebietsbestimmungen betrifft, wurden wie bei den übrigen Ländern, so auch bei den Tirolern, die schlimmsten Befürchtungen übertroffen. Nicht nur das ganze Gebiet südlich der Waffenstillstandslinie, wie es jetzt von Italien besetzt gehalten wird, soll an Italien verloren gehen, sondern auch noch ein Teil des außerhalb dieser Linie gelegenen Pustertales, das altehrwürdige Innichen, das schwer geprüfte Sextental, die Gemeinden Vierschach und Winnebach sollen der imperialistischen Ländergier der Italiener zum Opfer fallen.“

Deutschösterreich nahm bei der Bekanntgabe der Friedensbedingungen auch zur Südtirolfrage Stellung: „Nach soviel Leid und Bangigkeit, die ein heldenhaftes auf seine ruhmreiche Vergangenheit stolzes Volk zu ertragen hatte, schreitet man daran, das Land Andreas Hofers zu zerstückeln und Südtirol endgültig der Fremdherrschaft zu unterwerfen; man greift sogar auf Gebietsteile, die beim Waffenstillstand der Besatzung entgangen sind.“ Alle Proteste der österreichischen Nationalversammlung und der Tiroler Landesregierung waren wirkungslos. Alle wichtigen Entscheidungen über territoriale Fragen waren getroffen und beschlossen worden.

Proteste aus Wien werden ignoriert

Südtirol, Südsteiermark, Südböhmen, Südmähren und das Sudetenland waren für Deutschösterreich verloren. Westungarn, das heutige Burgenland, war Österreich noch zugesprochen worden. In Kärnten sollte eine Volksabstimmung entscheiden, ob das Land bei Österreich bleiben oder von Jugoslawien annektiert werden sollte.
Die österreichische Nationalversammlung reichte im Sommer 1919 noch einige Proteste gegen die Abtrennung Südtirols und des Sudetenlandes ein, die von den Siegermächten ignoriert wurden. Diese schenkten hingegen dem italienischen Ministerpräsidenten Nitti ihre Aufmerksamkeit, der dem Land Südtirol eine großzügige und liberale Politik in Bezug auf Sprache, Kultur und wirtschaftliche Interessen versprach.

Am 2. September 1919 bestätigten die endgültigen Friedensbedingungen den Verlust Südtirols ohne Bestimmungen über Autonomie und Minderheitenschutz. Das neue Elaborat der endgültigen Friedensbedingungen umfasste 381 Artikel. Eine Begleitnote setzte die Frist von 5 Tagen, innerhalb welcher von der österreichischen Friedensdelegation die Erklärung gefordert wurde, dass sie bereit sei, den vorliegenden Friedensvertrag zu unterzeichnen. Diese Frist wurde auf Wunsch Österreichs bis zum 9. September verlängert.
Die von Dr. Karl Renner angeführte Delegation hatte keine andere Wahl, als sich dem Friedensdiktat der Siegermächte zu beugen und am 10. September die von den Siegermächten verfassten Bedingungen zu unterzeichnen.

10.10. 1920: Inkrafttreten des Friedensvertrages

Als der Friedensvertrag rund ein Jahr nach Unterzeichnung am 10. Oktober 1920 in Kraft trat, mussten die Südtiroler Abgeordneten aus dem Tiroler Landtag ausscheiden. Alle 3 Südtiroler Parteien veröffentlichten die folgende klare und unmissverständliche Stellungnahme auf den Titelseiten aller Lokalblätter: „Die Bevölkerung Südtirols erhebt am heutigen Tage die Stimme des schärfsten Protestes gegen diesen Faustschlag, der gegen Recht, Freiheit und Friedenssehnsucht der Völker geführt wird. Die Südtiroler haben die unerschütterliche Hoffnung, dass der Tag kommt, an welchem uns Gerechtigkeit und weitschauende Politik die nationale Befreiung bringen wird.“

Die Südtirolfrage war bereits entschieden, noch bevor die österreichische Delegation im Sommer 1919 nach Paris gekommen war. Die Siegermächte entschieden sich für die im Londoner Vertrag von 1915 festgelegte Grenzziehung vom Ortler bis zur Marmolata, von Innichen bis zur Salurner Klause. Der Brenner und die Alpenkette sollten im Norden zur neuen Staatsgrenze werden. Dazu kam das von italienischer Seite erst in letzter Minute ausgehandelte Pustertal bis Innichen.

Man wollte sich Schicksal nicht kampflos ergeben

Bedeutende Männer aus Politik und Wirtschaft wollten sich nicht kampflos dem Schicksal ergeben und setzten sich seit Kriegsende mit friedlichen Mitteln um die Erhaltung der Tiroler Landeseinheit ein. Durch gezielte Informationsoffensiven versuchten sie, internationale Aufmerksamkeit und Sympathien für die Einheit Tirols zu erlangen. Sie entwickelten unterschiedliche Visionen über ein künftiges politisch geeintes Tirol. Doch sie mussten relativ schnell erkennen, einsehen und akzeptieren, dass die Friedensverhandlungen in Paris keine Rücksicht auf die Verlierer nehmen würde.

D/Dr.Dr. Norbert Parschalk

Norbert Parschalk Zeithistoriker, Geschichtsdidaktiker und Buchautor zur Landesgeschichte Tirols. Derzeit Forscher im Bereich Zeitgeschichte an der Fakultät für Bildungswissenschaften der Freien Universität Bozen.

Nicolo Piro, Neuenkirchen

Als Italiener und Sozialfascist halt ich diese Teilung für eine Schande. Es muss vereint werden, was zusammen sein muss.

09.09.2019 13:16 Uhr

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1 Kommentar

 

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