Dienstag, 13. August 2019

1 Jahr danach: Genua gedenkt seines „Ground Zero“

Bei einer Gedenkveranstaltung in Anwesenheit des italienischen Präsidenten Sergio Mattarella hat die Stadt Genua am Mittwoch der 43 Opfer des Einsturzes der Morandi-Brücke vor einem Jahr gedacht. Zahlreiche Fahrzeuge und ihre Insassen stürzten am 14. August 2018 in die Tiefe. Noch immer ist nicht aufgeklärt, was genau die Tragödie verursachte. Tausende Menschen versammelten sich am Unglücksort.

1 Jahr nach dem Unglück gedenkt Genua den Opfern. - Foto: Ansa
1 Jahr nach dem Unglück gedenkt Genua den Opfern. - Foto: Ansa

Zu Beginn der Zeremonie wurden die Namen und die Herkunft der Toten verlesen. Viele Anwesenden hatten Tränen in den Augen. Die Fahnen wurden als Zeichen der Trauer auf halbmast gesetzt. Die Glocken der Kirchen läuteten, im Hafen ertönte eine Sirene.

An der in einem Hangar stattfindenden Zeremonie unweit des Unglücksorts beteiligten sich neben dem Staatschef auch Premier Giuseppe Conte und mehrere Regierungsmitglieder. Auch Dutzende Einsatzkräfte der Rettungsmannschaften, die am Unglückstag Überlebende und Leichen geborgen hatten, nahmen teil. Genuas Erzbischof, Kardinal Angelo Bagnasco, zelebrierte eine Trauermesse. Der Bürgermeister von Genua, Marco Bucci, betonte, dass die Stadt hart gearbeitet habe, um den Neubeginn nach dem Unglück zu schaffen.

Sergio Mattarella war bei der Gedenkfeier in Genua und sprach mit den Angehörigen der Opfer. - Foto: APA/AFP

Die Geschichten der Opfer

4 endlose Stunden musste Gianluca Ardini, 29-jähriger Kaufmann aus Genua, ausharren, bevor er vor genau einem Jahr – am 14. August 2018 – aus den Trümmern seines Lieferwagens geborgen wurde. Ardini war mit einem Kollegen auf der Morandi-Brücke in Genua unterwegs, als sein Fahrzeug 40 Meter in die Tiefe stürzte und sich in den Trümmern verkeilte. Bei der Katastrophe kamen 43 Menschen ums Leben.

Mit Brüchen und verletzter Schulter klammerte sich Ardini stundenlang an den Trümmern fest, bis Feuerwehrleute ihn erlösten. „Helft mir, ich werde bald Vater. Ich möchte meinen Sohn zur Welt kommen sehen“, rief er den Rettern verzweifelt zu.

„Ich glaube, dass der unbedingte Wille, seinen Buben kennenzulernen, ihm die Kraft gegeben hat, sich da oben festzuhalten“, meinte seine Partnerin Giulia Organo. Ardinis Kollege im Wagen schaffte es dagegen nicht. Inzwischen ist Gianluca Vater geworden. Sein Sohn Pietro ist genau 30 Tage nach dem Einsturz der Morandi-Brücke zur Welt gekommen.

„Mein Sohn ist meine Medizin, er hat mir den Mut zum Neubeginn gegeben“, berichtet Ardini vor dem ersten Jahrestag des Brückeneinsturzes am Mittwoch. Das Unglück hat auf dem Körper des kräftigen Mannes mit schwarzem Bart tiefe Spuren hinterlassen. Das linke Auge ist permanent geschädigt, ein Arm hat einen Teil seiner Beweglichkeit verloren. Ardini, der für eine Möbelfirma arbeitete, musste infolge der Verletzungen den Job wechseln. Seit Monaten ist er in psychologischer Behandlung und nimmt Psychopharmaka ein.

An der Gedenkzeremonie ein Jahr nach dem Brückeneinsturz will Gianluca nicht teilnehmen. „Meine Familie und ich werden verreisen. Ich bemühe mich um ein normales Leben. Das Trauma werde ich nie auslöschen können, werde aber damit leben“, meint Ardini.

Das 40 Meter hohe und fast 1200 Meter lange Polcevera-Viadukt, das auch Morandi-Brücke genannt wurde, stürzte am 14. August 2018 um 11.36 Uhr auf einem etwa 200 Meter langen Abschnitt in Genua ein. Die Brücke war Teil der Autobahn 10, die als „Autostrada dei Fiori“ bekannt und eine wichtige Urlaubsverbindungsstraße nach Südfrankreich, in den Piemont und die Lombardei ist. Infolge des Unglücks wurden hunderte Menschen obdachlos.

Sie wohnten in den Gebäuden, die sich unmittelbar unter der Brücke befanden. Experten hatten nach dem Unglück erklärt, der Einsturz sei wegen der vielen baulichen Mängel an der Spannbetonbrücke vorhersehbar gewesen. Die italienische Justiz ermittelt in dem Fall gegen eine Reihe von Beschuldigten und die Betreiberfirma Autostrade per l'Italia (Aspi), einer Tochtergesellschaft der Unternehmerdynastie Benetton.

Beim Brücken-Drama von Genua wurde eine ganze Familie ausgelöscht: Roberto Robbiano, seine Frau Ersilia Piccinino und ihr achtjähriger Sohn Samuele starben, als ihr Auto von der Morandi-Brücke mehr als 40 Meter in die Tiefe stürzte. Die Familie aus dem Ort Campomorone in Ligurien war zum Hafen von Genua unterwegs und wollte mit dem Schiff nach Sardinien in den Urlaub fahren. In den Trümmern des Autos wurden Samueles Spielsachen gefunden. Das Kind war das jüngste unter den 43 Opfern der Tragödie.

„Der Brückeneinsturz ist Genuas Ground Zero“, sagt der Bürgermeister der Stadt, Marco Bucci. „Für uns Genueser ist der Einsturz der Morandi-Brücke eine schreckliche Tragödie. Wir trauern um die Todesopfer, denken aber gleichzeitig an den Wiederaufbau des Viadukts, damit Genua aus dieser Tragödie gestärkt hervorgehen kann“, sagt Bucci, der sich am Mittwoch in Genua im Beisein des italienischen Staatschefs Sergio Mattarella, von Premier Giuseppe Conte und mehreren hochrangigen Regierungsmitgliedern an einer Gedenkzeremonie beteiligen wird.

Inzwischen laufen die Arbeiten für die Wiedererrichtung des eingestürzten Viadukts auf Hochtouren (STOL hat berichtet).

apa

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stol