Samstag, 10. Oktober 2020

100 Jahre „Karfreitag Tirols“ – Unrecht bleibt Unrecht

„Dolomiten“-Chefredakteur Toni Ebner schreibt in seinem Leitartikel der aktuellen Ausgabe des Tagblatts „Dolomiten“ über die Annektion Südtirols, die sich am heutigen Samstag zum hundertsten Mal jährt.

„Dolomiten“-Chefredakteur Toni Ebner.
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„Dolomiten“-Chefredakteur Toni Ebner. - Foto: © Erika Gamper
„Der Karfreitag von Tirol“ titelte „Der Tiroler“ (heute „Dolomiten“) vor 100 Jahren. Wir können uns heute gar nicht mehr vorstellen, wie furchtbar die Situation im Oktober 1920 in unserem Land war. Nach einem schrecklichen Krieg, bei dem die Söhne und Väter an den verschiedenen Fronten verblutet sind, die Bevölkerung Hunger gelitten hat und das jahrhundertealte Habsburgerreich zerschlagen worden war, wurde die Annektion Südtirols und des Trentino vollzogen.

Nichts mehr war, wie es gewesen ist – die Grenzen fast unpassierbar, die alten Handelsverbindungen unterbrochen, der Tourismus verschwunden, die Landwirtschaft am Boden, und es herrschte eine italienische Besatzungsmacht, die langsam, aber sicher alles italienisiert hat.

Nach Jahrhunderten treuer Zugehörigkeit zum Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn plötzliche Leere. Die Maxime „Für Gott, Kaiser und Vaterland“ war zerbrochen: Da das Vaterland verloren und der Kaiser im Exil war, blieb noch Gott in einem Staat mit einer fremden Sprache, einer anderen Kultur, ungewohnten Sitten, einer ungewohnten Rechtsordnung und einer Verwaltung, die bald in den Tirolern Staatsfeinde sah, obwohl sie es nicht waren.

Der grassierende Faschismus hat dann die vollkommene Unterdrückung gebracht: Verbot der deutschen Muttersprache, der deutschen Schule, der Tiroler Tradition. Man wollte alles Deutsche südlich des Brenners ausrotten. Gelungen ist dieses Vorhaben allerdings nicht. Und auch die verbrecherische Option mit der geplanten Aussiedlung der deutschen Bevölkerung konnten die menschenverachtenden Diktatoren Adolf Hitler und Benito Mussolini nicht realisieren.

So kam die Südtiroler Volksgruppe nach dem Zweiten Weltkrieg geschwächt in eine neue Ära. Wer gehofft hatte, dass die Siegermächte das Unrecht vom Pariser Vertrag rückgängig machen würden, sollte bitter enttäuscht werden. Südtirol wurde wieder Italien zugeschlagen, und die Nationalisierungspolitik der Faschisten haben die in den demokratischen Parteien eingeschleusten Altfaschisten fortgesetzt. Erst in den 1960er Jahren gelang auf Druck der internationalen Staatengemeinschaft ein effizienter Schutz der deutsch- und ladinischsprachigen Minderheit mit dem Paket.

Seither ist Südtirol ein Erfolgsmodell für effizienten Minderheitenschutz. Auch wenn nicht alles perfekt ist und immer wieder Rückschläge zu verzeichnen sind, kann heute niemand leugnen, dass wir Südtiroler uns erfolgreich im italienischen Staat behaupten konnten – auch weil es viele vernünftige italienische Politiker gegeben hat und gibt, die Südtirol als Bereicherung ansehen.

Und trotzdem muss dieser Jahrestag heute den Südtirolern zu denken geben. Sie müssen sich erinnern, dass es viel schlechtere Zeiten gegeben hat. Dass es aber möglich ist, mit Gottvertrauen und engagiertem Einsatz politische Lösungen zu finden.

Wir müssen dankbar sein, dass wir heute in Frieden und Wohlstand in einem Europa ohne Grenzen leben dürfen. Wir dürfen aber nie vergessen, dass es den „Karfreitag Tirols“ gegeben hat. Unser Land wurde gegen den Willen der Bevölkerung Italien zugesprochen. Auch wenn es uns heute gut geht, war es damals ein Unrecht – und Unrecht bleibt Unrecht.

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