Samstag, 14. November 2020

1000 Tests gegen die Krankheit mit der Tarnkappe

An die 1000 Menschen aus dem Wipptal hat die Hausärztin Dr. Esther Niederwieser in den vergangenen Wochen auf das Coronavirus getestet. Im „Dolomiten“-Interview berichtet sie, wie zuverlässig die Schnelltests sind, wo die größten Ansteckungsgefahren lauern, wie derzeit ein Arbeitstag bei ihr aussieht und warum sie selbst keine Angst hat, sich mit dem Coronavirus zu infizieren.

Dr. Esther Niederwieser.
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Dr. Esther Niederwieser. - Foto: © privat
„Dolomiten“: Sie waren eine der ersten Hausärztinnen im Land, die Schnelltests durchgeführt haben. Wie viele solcher Antigen-Tests haben Sie in den vergangenen Wochen gemacht?

Dr. Esther Niederwieser: Es werden an die 1000 gewesen sein, wobei ich Patienten aus dem ganzen Bezirk getestet habe. Die ersten Schnelltests habe ich mir selbst gekauft, danach habe ich mir welche aus dem Krankenhaus ausleihen können, und dann habe ich zum Glück eine größere Menge vom Sanitätsbetrieb erhalten, wofür ich sehr dankbar bin.

„D“: Welche Erkenntnisse haben Sie zur Zuverlässigkeit der Schnelltests gewonnen?

Dr. Niederwieser: Die Zuverlässigkeit der Schnelltests ist mit 98 Prozent beschrieben. Das hat sich für mich bestätigt. Der Staat schreibt vor, dass der Antigentest durch einen PCR-Test validiert werden muss, weil die Quarantäne eine einschneidende Maßnahmen ist. Das Ergebnis der Testung war bei mir identisch. Der richtige Zeitpunkt für jede Testung muss immer mit dem Arzt gut abgesprochen werden. Die Haupterkenntnis, die ich durch die Möglichkeit der vielen Testungen gewonnen habe, ist, dass viele Infizierte nicht viel spüren und dass das Virus sehr ansteckend ist.

„D“: Das heißt, sie haben keine Symptome?

Dr. Niederwieser: Ja, viele haben kaum Symptome, viele nur ein Halskratzen, andere nur Kreuzschmerzen oder nur Durchfall, die meisten nur eine verstopfte Nase. Wären nur Kranke ansteckend, hätte sich die Epidemie nie so schnell auf der ganzen Welt verbreitet. Das Tückische ist auch, dass manche schon 3 Tage nach dem Kontakt mit ansteckenden Personen selber ansteckend werden, andere erst nach 10 Tagen, aber meist ohne selbst etwas davon zu merken. Man könnte sagen, die Krankheit hat eine Tarnkappe.

„D“: Verleitet ein negativer Schnelltest dazu, sich in Sicherheit zu wiegen?

Dr. Niederwieser: Der Test ist nur eine Momentaufnahme, wie eine Fotografie. Nach der Ansteckung gelangt das Virus durch die Atemwege in den Körper, vermehrt sich dort und wird über die Atemwege – je nach Abwehrlage des einzelnen – nach 3 bis 10 Tagen in großer Menge ausgeschieden. Erst zu diesem Zeitpunkt wird der Patient ansteckend sein, und der Schnelltest wird positiv. Man kann sagen, der Schnelltest korreliert mit der Ansteckungsfähigkeit einer Person. Er kann aber keine Auskunft darüber geben, ob sich der Virus bereits im Körper befindet und die Person in den nächsten 10 Tagen ansteckend sein wird, also ob sie nicht oder nur noch nicht ansteckend ist.

„D“: In den meisten Fällen haben Sie sich selbst um die Kontaktverfolgung bemüht...

Dr. Niederwieser: Ich habe immer versucht, auch die Kontaktpersonen schnell zu testen, damit die Infektionskette unterbrochen wird. Der Patient möchte ja selber wissen, ob er möglicherweise schon jemanden angesteckt hat, oder ob weitere Personen im Umfeld bereits ansteckend sind. Anfangs konnte die Infektionskette noch gut rückverfolgt werden. Auf jeden Fall sollte man versuchen, sie zu unterbrechen.

„D“: Bisher war für die Bürger, die einen positiven Antigen-Test hatten, weder eine Krankschreibung noch eine Quarantäne vorgesehen. Wie haben Sie das gehandhabt?

Dr. Niederwieser: Tatsächlich konnte man anfänglich die Zuverlässigkeit der Tests nicht richtig einschätzen. Rom sah weder die Quarantäne noch die Krankschreibung vor, da man sich dachte, den Bestätigungstest sofort anschließen zu können. Angesichts der Verzögerung habe ich aus ärztlicher Überlegung trotzdem eine Krankschreibung ausgestellt, um den Menschen zu helfen und die Infektionskette zu unterbrechen.

„D“: Wo stecken sich laut Ihrer Erfahrung die meisten an?

Dr. Niederwieser: Die Ansteckung geschieht über die Atemluft, also überall, wo keine Masken getragen werden: im häuslichen Umfeld, beim gemeinsamen Essen und Trinken, besonders in engen Räumen – so ist nach gemeinsamen Autofahrten ohne Maske eine Ansteckung so gut wie sicher. Der reine Abstand ohne Maske schützt wenig. Beim Husten und Niesen fliegen die Viruspartikel auch über 2 Meter durch die Luft.

„D“: Wie „testfreudig“ sind die Wipptaler?

Dr. Niederwieser: Unsere Mitbürger sind vernünftig, verantwortungsvoll und helfen zusammen, damit die Epidemie gestoppt wird. Sie sind froh, wenn sie wissen, dass sie sich bei negativem Test bei noch niemanden angesteckt haben. Dann liegt es in ihrer Hand, wie gut sie sich und die Umgebung schützen.

„D“: Sind die hohen Infektionszahlen in Ratschings und im Wipptal auf die große Anzahl der Tests zurückzuführen?

Dr. Niederwieser: Ja, das ist absolut sicher. Ohne diese Schnelltest hätten viele Menschen nie gemerkt, dass sie infiziert sind. Wenn man die Infizierten in die Isolation schicken würde, könnten alle anderen weiterarbeiten. Wenn sich alle an die Regeln strikt halten würden, könnte es keine Ansteckungen mehr geben.

„D“: Wie ist die Zusammenarbeit mit dem Hygienedienst?

Dr. Niederwieser: Diese zweite Infektionswelle hat uns in ihrer Heftigkeit und Ausbreitungsgeschwindigkeit überrascht. Wir waren bisher gewohnt, langfristig zu planen. Dazu haben wir jetzt keine Zeit mehr. Es wäre vieles einfacher, wenn wir mehr lokale Autonomie hätten. In Krisenzeiten wie diesen ist ein gegenseitiges Vertrauensverhältnis wichtiger denn je.

„D“: Wie sieht bei Ihr Arbeitstag aus, und wie lange dauert er?

Dr. Niederwieser: Ganz verschieden, je nachdem, wie viele Leute zum Test kommen. Samstags und sonntags arbeite ich jetzt immer durch. Anfangs, als noch vieles unklar war, habe ich noch mehr gearbeitet, da bin ich oft auch erst um 22 Uhr heimgekommen. Ich bin froh, wenn ich helfen kann.

„D“: Haben Sie keine Angst, sich anzustecken?

Dr. Niederwieser: Nein, denn ich trage Visier und FFP2-Maske. Und was gleich wichtig ist: Ich verstehe die Krankheit und weiß wie vielfältig die Symptome sind – ich weiß, dass auch jemand, der mit Kreuzschmerzen oder Durchfall in die Praxis kommt, infiziert sein kann, und dass ich meine Atemwege schützen muss.

„D“: Wie lautet Ihr Appell?


Dr. Niederwieser: Die Menschen sollen ihre Atemwege schützen und Masken tragen. Wenn 2 Personen sich mit gut sitzender Maske begegnen, gibt es keine Ansteckungsmöglichkeit.

mf

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