„Wir haben in der Schule gelernt, was im Falle einer Bombardierung zu tun ist: Nicht auf den Boden legen, den Mund weit aufmachen und die Ohren zuhalten. Aber in dem Moment, als es passierte, war keine Zeit zum Nachdenken“, sagt Urban Rier. <BR /><BR />Und weiter: „Die Fliegerstaffel warf rund 40 Bomben ab, eine davon riss keine 100 Meter von mir entfernt ein riesiges Loch in das Feld. Mich hat es einige Meter auf den Roan raufgeschleudert, aber passiert war mir nichts. Ganz im Gegensatz zu vielen anderen Menschen. Insgesamt gab es 13 Tote, sie wurden in einem Raum beim Planer drüben aufbewahrt. Beinahe hätte man danach den Boden rausreißen müssen, vor lauter Blut.“ <BR /><BR />Urban Rier, mittlerweile 93, vielen in der Gegend unter dem Namen „Zotzer“ bekannt, zeigt zum Feld, wo sich damals alles zugetragen hatte. <h3> Die Kampfflieger tauchten am Schlernmassiv auf</h3>Es war der 11. April 1945, nur wenige Wochen vor der vollständigen Kapitulation der deutschen Wehrmacht und dem damit einhergehenden Ende des 2. Weltkrieges, als US-amerikanische Bomben-Geschwader nur wenige 100 Meter oberhalb des Dorfkerns von Seis ein Blutbad sondergleichen anrichteten. <BR /><BR />Hier ist Urban Rier auf einem Gehöft aufgewachsen, zusammen mit seinem um 2 Jahre älteren Bruder Max war er damals mit Reparaturarbeiten beim Zaun beschäftigt. „Heute werden sie wohl wieder kommen, weil heute ist wieder Fliegerwetter“, sagten sie sich und hatten dabei ein Auge in Richtung Santnerspitze. <h3> „Und schon war es passiert“</h3>Nachdem Flugstaffeln schon öfter über ihren Köpfen hinweggebraust waren, hatten sie keine Angst, dass ihnen was zustoßen könnte. Ganz im Gegenteil, in ihrer jugendlichen Unbekümmertheit empfanden sie dieses Szenario als spannend. Man habe oft sogar die offenen Luken sehen können, so tief flogen die Bomber über das Hochplateau hinweg. Und normalerweise galten die Bomben den Brücken und der Bahnstrecke der Brennerlinie. <BR /><BR />Am 11. April 1945 war es aber anders, gegen 10.30 Uhr vormittags tauchte die Fliegerstaffel am Schlernmassiv auf. „Gesehen habe ich eigentlich nichts, sondern nur ein Surren gehört und plötzlich hat es einen Raffler getan, und schon war es passiert“, erzählt Urban Rier und schildert am ehemaligen Ort des Geschehens, dem Kirchlein St. Valentin, seine Beobachtungen jener unheilvollen Stunden. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1016850_image" /></div> <BR /><BR />Er erinnert sich an aufziehende Rauchschwaden und einen riesigen Krater in der Erde, kaum 100 Meter weit weg von seinem Heimathof. Die beklemmenden Hilferufe eines Knechts zerschnitten alsbald die trügerische Stille. Weiter unten im Feld war ein Bauer mit einem Tagwerker mit dem Pflug gefahren – der Bauer hatte überlebt, der Tagwerker lag tot am Boden und das schwer verwundete Pferd versuchte wieder und immer wieder aufzustehen, war dazu aber einfach nicht mehr imstande. Noch etwas weiter unten lag der Radellerhof in Schutt und Asche. Mit Wasserkübeln versuchte man die Brandherde zu löschen.<BR /><BR /> Aus den Trümmern wurden mehrere Opfer der Familie Mulser geborgen: die hochschwangere Bäuerin Elisabeth (30) und deren jüngste Tochter, sowie Heinrich, der Vater des Bauern (74), der schwer verwundete Bauer Sepp (32) erlag 5 Tage später seinen Verletzungen. Am Hof hatte auch die aus Bozen stammende Elisabeth Gerstgrasser (43) mit ihren beiden Kindern Marlene (9) und Dietrich (3) Unterschlupf gesucht – stattdessen wurde ihnen der Radellerhof zur Todesfalle. <BR /><BR />Ebenso tot aus den Trümmern gezogen wurden der 8-jährige Franz Goller, der zum Milchholen gekommen war, und die beiden Schüler Friedrich Plungger und Berta Thomaseth – auch sie hatten auf dem Nachhauseweg ausgerechnet hier Schutz gesucht. Mehrere Opfer gab es auch beschädigten Kreutzerhof zu beklagen, insgesamt kamen an jenem unheilvollen Tag infolge der Bombardierung 13 Menschen ums Leben, darunter 6 Kinder. Anschließend wurden rund um die Hofstelle insgesamt 42 Bombentrichter gezählt. <BR /><BR /><b>13 Opfer, darunter 6 Kinder – doch einige blieben durch Zufall verschont</b><BR /><BR />Manche hatten ihr Überleben hingegen dem Zufall bzw. dem Schicksal zu verdanken. So wurde beispielsweise Barbara Mauroner, die Magd am Radellerhof, von der Bäuerin zum nahegelegenen Furscherhof zum Eieraustausch geschickt worden, die beiden Töchter vom Radellerhof Maria (4) und Elisabeth (3) durfte sie dabei begleiten. Dieser Eieraustausch rettete ihnen das Leben, aber mit einem Schlag waren Maria und Elisabeth zu Waisenkindern geworden. Bis zur Beerdigung der Eltern kümmerte sich die Magd um die beiden kleinen Mädchen, danach kamen sie zu ihrer Großmutter nach Villanders.<BR /><BR />Was hatte die US-Fliegerstaffel denn bloß zu diesem völlig sinnlosen Bombenhagel bewogen? Darüber gehen die Meinungen bis heute auseinander. Eine mögliche Erklärung: Die Attacke galt dem nahegelegenen Schloss Eichstaud, mittlerweile zu einem stattlichen Hotel umgebaut. „Es ging die Rede, dass sich dort viele SS-Bonzen verschanzt hatten, sogar Heinrich Himmler wurde dort mehrfach gesichtet“, sagt Urban Rier, wobei er an dieser Theorie gehörige Zweifel hegt: „Wenn sie die Nazis tatsächlich hätten treffen wollen, dann hätten sie die Mittel und Möglichkeiten dazu sicherlich gehabt.“ Zugleich gibt er zu bedenken, dass damals Seis an einer noch viel größeren Katastrophe vorbeischrammte. „Hätte man die Bomben nur wenige Sekunden vorher abgeworfen, dann wäre das Dorf in Schutt und Asche gelegen“, meint er nachdenklich. Das sei durchaus denkbar gewesen, denn schließlich waren zielgerichtete Treffer von strategischen Zielen mehr Ausnahme als die Regel. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1016853_image" /></div> <BR /><BR />Grundsätzlich trugen sich Begebenheiten zu, die heute nicht mehr vorstellbar sind – zumindest in unseren Breiten. Der 93-Jährige erinnert sich noch gut, wie an der heutigen Kreuzung zur Seiser Alm die Flugabwehrkanonen (Flak) versucht haben, die Flieger vom Himmel zu schießen und wie unmittelbar nach der Kapitulation Anfang Mai reihenweise Soldaten der deutschen Wehrmacht in Richtung Norden geflüchtet sind. Im Schutz der Dunkelheit, damit man sie nicht erspäht. Zudem hat er mitbekommen, wie sich ein enttarnter Spion und dessen Sohn selbst erschossen, um der Gefangenschaft zu entgehen. <BR /><BR /><BR /><b>Kurzbesuch bei einer Überlebenden</b><BR /><BR />Ortswechsel. Urban Rier nimmt uns mit in seinem Jeep, um in Seis der Rosa einen Besuch abzustatten. Rosa Prossliner, verwitwet Fill, ist ein Jahr jünger als Urban Rier, die beiden verbindet dieselben schrecklichen Erinnerungen. Rosa gehörte zu jener Gruppe von Schülerinnen, die damals beim Radellerhof Schutz gesucht haben, wie durch ein Wunder überlebte sie. „Ich war 2 Stunden lang unter den Trümmern begraben, wenn ich daran denke, schnürt es mir schon den Hals zu“, sagt sie und muss kurz schlucken. Das Leben hat es auch mit ihr gutgemeint, denn auch sie erfreut sich guter Gesundheit und strahlt Herzlichkeit und ein positives Lebensgefühl aus. Vielleicht hat es mit Dankbarkeit zu tun, denn schließlich wäre um ein Haar auch für sie alles aus gewesen an jenem 11. April 1945. <BR /><BR />Mit Urban Rier stößt sie auf ein Gläschen an, zusammen kramen sie in den Erinnerungen, gehen die Namen der Opfer durch, verurteilen die Kriegstreiberei. Wie Fragmente kommen die Bilder von damals zurück. „Als das Kriegsende schon absehbar war, wurden noch viele junge Männer zum Einrücken genötigt“, sagt Urban Rier. Seinen Bruder Paul traf es mit 23 Jahren, Nazi-Kollaborateure im Dorf ließen ihm keine Wahl. „Wenn der Zotzer Paul nicht geht, dann mach ich ihm den Boden unter den Füßen heiß“ – dieser Satz eines fanatischen Nazi-Kollaborateurs hat sich bei Urban bis zum heutigen Tage eingebrannt. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1016856_image" /></div> <BR />Mit Sondermeldungen im Radio habe das Naziregime die Leute bei Laune gehalten, immer wieder wurden Erfolgsmeldungen von der Front vorgegaukelt. „Die jungen Soldaten glaubten, sie würden zum Schluss noch den Sieg bejubeln können“, meint Urban Rier kopfschüttelnd. Und Rosa Fill pflichtet ihm bei: „Heute hört man solche Sachen aus anderen Gegenden. Es geht gleich weiter, man hat aus all dem nichts gelernt.“<BR />