Der Anruf bei der italienischen Notrufnummer 112 ging am Donnerstag, dem 3. September, kurz nach 14 Uhr ein. Lorena Isceri (45) – Managerin in der Pharmaindustrie – war kurz zuvor wieder zu Bewusstsein gekommen.<BR /><BR />Wenig vorher war sie in der Garage in der Via Panciatichi in Florenz angegriffen worden. Der 36-jährige Federico Vella, mit dem sie eine Beziehung geführt hatte, soll sie bei ihrer Rückkehr überrascht, geschlagen und überwältigt haben. Anschließend lud er sie in den Kofferraum seines SUV.<BR /><BR />Ihr Mobiltelefon war in dem Rucksack geblieben, den Vella im Fahrzeug verstaut hatte. Lorena gelang es, das Telefon zu erreichen und den Notruf zu wählen.<BR /><BR />In der Einsatzzentrale erklärte sie, dass sie von ihrem ehemaligen Partner entführt worden sei. Sie wusste nicht, wohin der Wagen unterwegs war. Sie vermutete, Vella könnte sie zu seinem Zuhause im Florentiner Stadtteil Galluzzo bringen, und nannte den Einsatzkräften deshalb diese Adresse. Doch das Auto fuhr in eine andere Richtung.<BR /><BR />Die Beamten versuchten, die Frau möglichst lange am Telefon zu halten und gleichzeitig herauszufinden, wo sie sich befand. Lorena wirkte verwirrt. Die Zeit seit dem Angriff erschien ihr länger, als sie tatsächlich war. Während der Wagen über die Autobahn fuhr, war das Telefonsignal zudem immer wieder unterbrochen. Dann hielt das Fahrzeug an.<h3> „Federico, ich liebe dich noch“</h3>Der Kofferraum wurde geöffnet. Die Beamten konnten die Situation am anderen Ende der Leitung mithören, griffen aber nicht ein. Sie wollten verhindern, dass Vella bemerkte, dass Lorena mit der Polizei telefonierte.<BR /><BR />In diesem Moment versuchte die 45-Jährige, Zeit zu gewinnen. Sie beschuldigte ihren ehemaligen Partner nicht und bat ihn auch nicht einfach nur darum, sie freizulassen. Stattdessen versuchte sie, an die Beziehung anzuknüpfen, die gerade beendet worden war.<BR /><BR />„Federico, ich liebe dich noch. Komm, versuchen wir es noch einmal“, soll sie gesagt haben.<BR /><BR />Sie wollte ihn zu beruhigen und seine Aggressivität entschärfen. Doch Vella schloss den Kofferraum wieder und fuhr weiter.<BR /><BR />Das Gespräch wurde aufgezeichnet. Für die Ermittler ist es inzwischen ein wichtiges Beweismittel. Sie versuchen insbesondere zu klären, was nach diesem ersten Halt geschah und wie viel Zeit bis zur Ankunft am Viadukt verging.<h3> Die Trennung und Vellas Hartnäckigkeit</h3>Die Ermittlungen richten den Blick auch auf die Wochen vor der Tat.<BR /><BR />Lorena hatte im August beschlossen, die Beziehung zu beenden, nachdem sie durch verschiedene Gespräche von mehreren Seitensprüngen erfahren hatte. Die Trennung bedeutete jedoch offenbar nicht das Ende des Kontakts.<BR /><BR />Nach Angaben von Angehörigen und Freunden soll Vella weiterhin versucht haben, sie mit Anrufen und Nachrichten zu erreichen. Diese seien zunehmend hartnäckig geworden.<BR /><BR />Auch während der Beziehung soll sein eifersüchtiges und besitzergreifendes Verhalten aufgefallen sein. Menschen aus Lorenas Umfeld berichten von Situationen, in denen er übertrieben reagiert habe, wenn sich andere Männer ihr näherten.<BR /><BR />Ihr Vater hatte ihr geraten, Anzeige zu erstatten. Auch eine Freundin soll sie wiederholt aufgefordert haben, sich an die Polizei zu wenden.<BR /><BR />Lorena hoffte jedoch weiterhin, dass sich die Situation ohne einen solchen Schritt lösen lassen würde. Gleichzeitig hatte sie bereits juristischen Beistand gesucht.<BR /><BR />In der Nacht vor ihrem Tod sprach sie lange mit ihrem Vater. Nach dessen Angaben endete das Gespräch erneut mit seiner Aufforderung, Anzeige zu erstatten.<h3> Wenige Stunden später kam es zu dem Angriff</h3>Ermittler prüfen eine mögliche Vorbereitung der Tat<BR />Die Staatsanwaltschaft von Florenz untersucht, ob der Mord geplant worden sein könnte. Dabei spielen auch die Gegenstände und Spuren eine Rolle, die in der Garage und später im Fahrzeug von Vella gefunden wurden.<BR /><BR />Nach der bisherigen Rekonstruktion sollen die Lichtschranken des Garagentors mit Klebeband abgedeckt worden sein. Dadurch soll das Tor offen gehalten und zugleich verhindert worden sein, dass jemand bemerkte, was in der Garage geschah.<BR /><BR />Als Lorena eintraf, soll sie angegriffen worden sein. An den Wänden und auf dem Boden wurden Blutspuren gefunden, die derzeit kriminaltechnisch untersucht werden.<BR /><BR />Vella soll die Frau anschließend mit Kabelbindern gefesselt und in den Kofferraum gelegt haben.<BR /><BR />In dem SUV fanden die Ermittler unter anderem einen Beutel mit Kabelbindern, eine Schere und ein langes Bettlaken. Außerdem wurden Mobiltelefone, Briefe und Notizen beschlagnahmt, die mit der Beziehung zwischen den beiden in Verbindung stehen.<BR /><BR />Noch lässt sich aus keinem dieser Gegenstände allein ableiten, welchen konkreten Plan Vella verfolgt haben könnte. Die technischen Untersuchungen und die Rekonstruktion der zeitlichen Abläufe sollen deshalb klären, ob der Angriff im Voraus vorbereitet worden war.<h3> Am Viadukt endet die Fahrt und das Leben Lorenas</h3>Nach dem zweiten Öffnen des Kofferraums fuhr der Wagen weiter und erreichte schließlich das Viadukt an der A1.<BR /><BR />Dort wurde Lorena aus dem Fahrzeug gezogen und in die Tiefe gestoßen.<BR /><BR />Kurz danach teilte Vella seiner Mutter mit, dass er seine ehemalige Partnerin getötet habe. Der Mutter von Lorena schickte er eine Nachricht, in der er sie über den Tod ihrer Tochter informierte. Auch in den sozialen Netzwerken veröffentlichte er eine kurze Abschiedsnachricht.<BR /><BR />Als die Polizei ihn erreichte, begann eine längere Verhandlung. Die Beamten versuchten, ihn davon abzuhalten, sich ebenfalls das Leben zu nehmen.<BR /><BR />Nach etwa 40 Minuten sprang Vella jedoch vom Viadukt und starb.<h3> Was geschah in den letzten Minuten?</h3>Für die Ermittler geht es nun darum, den Ablauf dieses Tages Minute für Minute zu rekonstruieren.<BR /><BR />Auch die Obduktion und weitere rechtsmedizinische Untersuchungen sollen wichtige Fragen beantworten. Insbesondere muss geklärt werden, wie genau Lorena starb und ob sie noch am Leben war, als sie von dem Viadukt in die Tiefe gestoßen wurde.