Die geöffneten Fensterläden geben den Blick frei auf einen unendlich weiten Himmel, auf einen palmenbesäumten weißen Traumstrand. Ein Bild zum Träumen – bloß gemalt. Es ziert die Wand eines fensterlosen Zimmers im Untergeschoss eines ukrainischen Waisenhauses.<BR /><BR />Dort, im Keller, verbringen die Kinder oft Tag und Nacht. Hier wird geschlafen, gelernt, gelebt. Seit dem 24. Februar 2022 ist die Ukraine im Krieg. Mehrmals täglich heulen die Sirenen – Luftalarm auf dem Spielplatz, im Wohnblock, bei der Arbeit. Auch für die Kinder gehört der Alarm längst zum Alltag.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1217826_image" /></div> <BR /><BR />Das Waisenhaus, größtenteils durch Spenden finanziert, liegt im Osten des Landes, nur wenige Kilometer von der Stadt Pawlohrad entfernt. „Viele der Kinder haben ihre Eltern im Krieg verloren, andere fanden hier Zuflucht vor zerrütteten Familienverhältnissen“, erzählt der 20-jährige Laurin Gamper. <BR /><BR />Gemeinsam mit seinen Freunden Peter Stoffner und Andreas Sigmund, beide 22 Jahre alt, macht sich der Klausner am 6. September auf den Weg. Eine Woche lang soll ihre Fahrt durch die Ukraine dauern. Im Morgengrauen starten sie mit einem Lieferwagen, geliehen von einem Bekannten, in Klausen. Im Laderaum: rund 350 Kilogramm Nudeln (gespendet von der Firma Felicetti), zweieinhalb Paletten Windeln und Feuchttücher (vom Bozner Unternehmen Thaler) sowie 1000 Liter Fruchtsaftsirup von Gevos. Die Idee für die Hilfsaktion entstand im Sommer. „Wir wollten etwas auf die Beine stellen“, sagt Gamper. „Wir haben mit ein paar Leuten geredet – und plötzlich steckten wir schon mitten in den Vorbereitungen.“ <h3>Aufbruch ins Ungewisse</h3>Bei ihrer Recherche stoßen die drei Südtiroler auf Michael Kröger. Der ehemalige Bundeswehrsoldat lebt seit 13 Jahren in Kiew. Seine Frau, eine gebürtige Ukrainerin, hat das Land nach Kriegsbeginn verlassen – Kröger ist geblieben. Heute organisiert er mit seiner Organisation „Direkthilfe Ukraine“ humanitäre Lieferungen, unterstützt von ukrainischen und deutschen Partnerorganisationen. Die drei nahmen Kontakt mit Kröger auf und planten die Reise, ein Stück weit eine Fahrt ins Ungewisse. <BR /><BR />Ist so etwas blauäugig? „Wir haben uns gut vorbereitet, hatten einen lokalen Ansprechpartner, der die Einreisepapiere vorbereitete, und wir haben bei den italienischen Behörden vorab eine Meldung bezüglich unserer Reise gemacht. Auch hatten wir die Nummer der italienischen Botschaft in Kiew mit dabei,“ sagt Stofner. Eine Fahrt in die Ukraine ist kein Spazierweg. Auch das italienische Außenministerium rät von Reisen in die Ukraine kategorisch ab. <h3>Ankunft an der Grenze</h3>Erstes Etappenziel: der Grenzübergang Krakovets–Korczowa zwischen Polen und der Ukraine. „Das war ein Moment, an dem uns ein Stück weit bewusst wurde, wo wir sind“, erzählen Gamper und Sigmund. „Um acht Uhr morgens (MEZ) hielten die ukrainischen Grenzbeamten eine Schweigeminute für die Gefallenen ab – begleitet vom Ticken einer simulierten Uhr.“ <BR /><BR />Die Grenze ist stark militärisch gesichert. Mit einer vorab ausgefüllten Deklaration, entsprechenden Papieren und einer Durchsicht des Laderaums dürfen die drei schließlich einreisen. Ab hier sind es weitere acht Stunden Fahrt bis Kiew.<BR /><BR />Entlang der Landstraßen: Werbetafeln für die ukrainischen Streitkräfte. In den Vororten der Hauptstadt: verriegelte Fabrikhallen, zerbombte Wohnblocks – Überbleibsel des russischen Vorstoßes im März 2022.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1217829_image" /></div> <h3>Zwischen Luftalarm und Hilfe</h3>In Kiew treffen die drei Freunde auf Michael Kröger. „Die Menschen gehen ihrem Alltag nach, obwohl mehrmals täglich Sirenen zu hören sind“, berichtet Gamper. An Metroeingängen und Hauptstraßen erinnern Sperrkreuze und vorsorglich angelegte Schützengräben daran, wie nahe der Krieg ist. Gleich bei ihrer Ankunft erleben die Südtiroler ihren ersten Luftalarm. <BR /><BR />Noch am selben Tag führt Kröger sie in ein Lagerhaus. Von hier aus werden Hilfsgüter verteilt – an Krankenhäuser, das Militär, an zivile Einrichtungen. Eindrucksvoll in Erinnerung behalten sie die Gedenkstätte am Maidan-Platz in Kiew. Die rund 120.000 Flaggen erinnern an die vielen Toten, die dem Ukraine-Krieg zum Opfer gefallen sind. <BR /><BR />Am nächsten Morgen machen sich die vier in zwei Fahrzeugen auf den Weg nach Osten. Ziel ist Pawlohrad, rund eine Stunde von der Millionenstadt Dnipro entfernt. In Pawlohrad bleiben sie zwei Nächte. Von hier aus besuchen sie zwei Waisenhäuser, eine Lebensmittelausgabestelle für Bedürftige und ein Freiwilligen-Café. <BR /><BR />Die Begegnungen hinterlassen Spuren. „Das war schon heftig“, sagt Gamper. „Die Kinder und ihre Betreuer sind vollkommen auf externe Hilfe angewiesen. Und das mitten im Krieg.“ In einem der Heime wurden Fensterscheiben mit Klebeband verstärkt – ein Schutz gegen Druckwellen bei Drohnenangriffen. „Die Babys schlafen dort fix in ihren Bettchen – im Bunker.“ <BR /><BR />„Viele der Menschen glauben nicht an ein schnelles Kriegsende“, erzählt Andreas Sigmund. „Und der Hass auf Russland ist entsprechend groß.“<BR /><BR />Im Gespräch mit Soldaten erfahren die Südtiroler, wie sehr der Krieg aus der Luft geführt wird. „Neun von zehn Gefallenen sterben durch Drohnenangriffe – das hat man uns gesagt.“ <BR /><BR />Ein besonders eindrucksvoller Moment: der Besuch einer medizinischen Versorgungsstation, nur rund 35 Kilometer von der Front entfernt. Versteckt im Wald kümmern sich freiwillige Sanitäter und Ärzte – viele aus dem Ausland – rund um die Uhr um Verwundete. Die Geräusche von Artilleriefeuer sind im Hintergrund zu hören. „Es fehlt an allem“, sagt Gamper. <BR /><BR />Auf dem Rückweg Richtung Westen begegnen ihnen Militärkonvois. An den Straßenrändern stehen ausgebrannte Panzer, abgeschossene Drohnen – wie Mahnmale für einen Krieg, der nicht enden will. <BR /><BR />Am Ende legen Laurin Gamper, Peter Stofner und Andreas Sigmund rund 5.500 Kilometer zurück. Wieder zu Hause in Südtirol sehen sie die Nachrichten mit anderen Augen. „Wir sehen die Menschen, denen wir begegnet sind“, sagt Gamper, „die Kinder in den Heimen, die Helfer, die Soldaten.“<h3>Wieder hinfahren?</h3>„Unsere Eltern sind heilfroh, dass wir gut zurück sind“, sagt Sigmund. „Ich glaube, wir haben unser Glück ein bisschen herausgefordert. Man sollte das nicht zu oft machen.“ Aber eines steht für sie fest: Sie wollen Michael Kröger von Südtirol aus weiter unterstützen – vielleicht wieder zu Weihnachten. Dann besucht Kröger die Kinderheime – als Weihnachtsmann.