m Zeitraum vom Frühjahr 1918 bis zum Sommer 1919 kostete die berüchtigte Spanische Grippe mehr Menschen das Leben als der Erste Weltkrieg. <BR /><i><BR /><BR />Von Norbert Parschalk</i>*<BR /><BR />20 bis 50 Millionen Menschen starben innerhalb eines Jahres an der hoch ansteckenden Influenza, die als Spanische Grippe in die Geschichtsbücher einging. Einige Historiker schätzen die Opferzahl sogar auf bis zu 100 Millionen. Eine halbe Milliarde Menschen, ein Drittel der Weltbevölkerung, soll sich mit dem Grippevirus angesteckt haben. <BR /><BR />Virologen und Historiker sind sich bis heute nicht einig, ob die Grippe ihren Ursprung in China, in Frankreich oder in den USA hatte. Frachter, Passagierdampfer und Eisenbahn sowie gigantische Truppen- und Materialverschiebungen während des 1. Weltkriegs sorgten dafür, dass das Virus innerhalb weniger Wochen die ganze Welt in Angst und Schrecken versetzte.<BR /><BR /><b>Wie die Grippe zu ihrem Namen kam</b><BR /><BR />Die Krieg führenden Länder zensurierten anfänglich die Berichterstattung über die Ausbreitung der Epidemie. Niemand wollte gegenüber dem Feind Schwäche zeigen. So entstand in der Öffentlichkeit ein verzerrtes Bild der Seuche. <BR /><BR />Spanien befand sich nicht im Kriegszustand. Deshalb durfte dort die Presse über die Ausbreitung der Epidemie frei berichten. Nachdem ein spanischer Gesundheitsbeamter vor der Königlichen Akademie in Madrid erklärt hatte, dass außerhalb von Spanien von einer Grippe-Epidemie nichts bekannt sei, wurde die neue Seuche von der Weltöffentlichkeit zur Spanischen Grippe erklärt.<BR /><BR /><b>Die erste Welle in Tirol</b><BR /><BR />Im Sommer 1918 verbreiteten Tiroler Tageszeitungen erstmals Nachrichten über die „Spanische Krankheit“, die „Spanische Grippe“, die „Spanische“. Die Soldaten nannten sie „Schützengrabenfieber“ und die Zivilbevölkerung bezeichnete sie als „neumodische Krankheit“. Bereits Ende Mai 1918 hatte die Nachrichtenagentur Reuters über „eine seltsame Krankheitsform von epidemischen Charakter in Madrid“ informiert. <BR /><BR />Am 4. Juni 1918 berichtete die Tageszeitung „Der Tiroler“ von einer rätselhaften, sich mit unglaublicher Geschwindigkeit verbreitenden Epidemie in Spanien. Die „Meraner Zeitung“ bezifferte die Zahl der erkrankten Spanier auf 8 Millionen. Zu diesem Zeitpunkt wurde die im fernen Spanien wütende Epidemie in Tirol ohne Besorgnis zur Kenntnis genommen. <BR /><BR />Doch wenige Wochen später, Anfang Juli 1918, berichtete „Der Tiroler“, dass sich die Krankheit „mit unheimlicher Schnelligkeit“ über ganz Europa ausbreite und „besonders in Berlin, Nürnberg, München, Frankfurt, Wien, auch in Innsbruck usw. Tausende von Menschen ergriffen habe“.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-46882991_quote" /><BR /><BR /><BR />„Der Burggräfler“ stellte zunächst fest, dass die kurze Zeit der Ansteckung der Spanischen Grippe, die glücklicherweise nicht lebensbedrohlich sei, besondere Verhütungsmaßregeln illusorisch machen würde. Doch Komplikationen mit Lungen- und Brustfellentzündung häuften sich und führten in zahlreichen Fällen zum Tod. <BR /><BR />Die Schweiz reagierte auf die dramatische Entwicklung und schloss für kurze Zeit die Staatsgrenze zu Frankreich. Nach rund 3 Wochen war in Mitteleuropa die Grippewelle wieder abgeflaut. Die Hoffnung, dass mit dieser kurz andauernden Sommerepidemie die Krankheit endgültig überwunden war, erwies sich jedoch als trügerisch.<BR /><BR /><b>Dritte tödliche Welle im Herbst</b><BR /><BR />Der Erreger kehrte im Herbst 1918 in mörderisch-mutierter Form zurück. Ende August wütete das Influenza-Virus an der amerikanischen Ostküste, in Westafrika und in Frankreich. Seit Ende September verwiesen einzelne Kurzmeldungen in den Tiroler Tageszeitungen auf ein erneutes Aufflammen der Krankheit. <BR /><BR />Am 1. Oktober 1918 berichtete die „Brixener Chronik“ erstmals – trotz vorherrschender kriegsbedingter Pressezensur – über die in Österreich und Ungarn um sich greifende Grippe-Epidemie. Galizien und Ungarn zählten über 100.000 Erkrankte, „von denen viele einen tödlichen Ausgang nehmen“. Von Spanien, Frankreich und der Schweiz aus griff die todbringende Epidemie auf Vorarlberg über und forderte dort zahlreiche Todesopfer. Wenige Tage später erreichte die Grippewelle das Unterinntal.<BR /><BR />Die „Meraner Zeitung“ forderte Mitte Oktober die Lokalbehörden auf, die „spanische Seuche“ durch Veröffentlichung von Schutzmaßnahmen energischer zu bekämpfen. Die Bevölkerung wurde zum Selbstschutz aufgerufen, „indem Gesunde den Verkehr mit Grippekranken soweit als möglich meiden“. In Bozen und Innsbruck, wo die Zahl der Infizierten Mitte Oktober 1918 auf über 2000 angewachsen war, blieben Schulen für mehrere Wochen geschlossen.<BR /><BR /><b>Anstellen für ein Stück Brot</b><BR /><BR />Landesweit verordneten die Behörden „zum Schutze gegen Grippe-Ansteckung“ die Vermeidung von Menschenansammlungen. Die Umsetzung der verhängten Maßnahmen war aufgrund der kriegsbedingten kurzen Öffnungszeiten der Lebensmittelgeschäfte sehr schwierig. Hungernde Menschen mussten für jedes „Stückchen Brot“ und jeden „Tropfen Milch“ sich in lange Warteschlangen einreihen und setzten sich so einer Ansteckung mit dem Grippevirus aus. <BR /><BR />Es herrschte akuter Ärztemangel im Hinterland. Infizierte und Erkrankte konnten nicht isoliert werden, weil die Krankenhäuser nicht über die notwendigen Aufnahmekapazitäten verfügten. Daher wurde die Zivilbevölkerung aufgefordert, die Kranken Zuhause von den Gesunden zu isolieren. „Sich nicht wohl fühlende Kinder“ sollten nicht in die Schule und in die Kirche geschickt und alle Menschenansammlungen sollten nach Möglichkeit vermieden werden. Ein Lockdown des öffentlichen Lebens war im Herbst 1918 aufgrund der vorherrschenden Kriegsverhältnisse nicht möglich. <BR /><BR />Die Kriegszensur hinderte die Zeitungen, die Zivilbevölkerung über das wahre Ausmaß der Verbreitung des Grippevirus unter den Soldaten an der Front zu informieren. Am 16. Oktober 1918 berichtete das „Tiroler Volksblatt“, dass sich die Grippe „bei Freund und Feind an der italienischen Front bemerkbar gemacht“ hätte. Italienische Tageszeitungen verbreiteten die Nachricht, dass in Mailand und Bologna die Zahl der Todesopfer innerhalb weniger Tage in die Höhe geschossen war. Rom verzeichnete täglich bis zu 200 Grippeopfer, in Palermo starben in einer Woche 962 Personen. Die Post konnte ihre Dienste nicht mehr aufrechterhalten, überlebenswichtige Rüben- und Kohlentransporte blieben aus, weil der Großteil der Bediensteten an Grippe erkrankt war.<BR /><BR /><b>Todesanzeigen häufen sich</b><BR /><BR />Ende Oktober häuften sich in den Tageszeitungen die Todesanzeigen der Grippeopfer. Der „Tiroler Volksbote“ kommentierte die Lage: „Die spanische Grippe, die sich bis jetzt nur in vereinzelten Teilangriffen versuchte, hat sich plötzlich zu einer stärkeren Offensive entschlossen“.<BR /><BR />Immer mehr zeichnete sich bei der zweiten Grippewelle im Herbst 1918 ab, dass ältere Menschen von der Krankheit auffallend weniger befallen und nicht so sehr gefährdet waren als die jungen kräftigen Menschen, unter denen die Krankheit ihre Opfer suchte. <BR /><BR />Anfang November 1918 nach Einstellung der Kriegshandlungen an der Südfront kehrten die geschlagenen Soldaten dicht gedrängt in überfüllten Zügen und in endlosen Kolonnen in ihre Wohnorte zurück und förderten in Tirol die Verbreitung des Grippevirus bis in die hintersten Täler des Landes.<BR /><BR /><b>Hilflose Ärzte</b><BR /><BR />Die Ärzte tappten diagnostisch im Dunkeln, da sie technisch nicht imstande waren das verursachende Influenzavirus unter dem Mikroskop zu entdecken. <BR /><BR />Ihre Heilmittel wirkten nicht. Alle Therapien schlugen fehl. Zahlreiche Mediziner konnten mit der damaligen „Wunderdroge“ Aspirin zumindest Schmerzen lindern und das Fieber senken. Sie injizieren Quecksilber, verschrieben das bei der Malariabekämpfung sich bewährende Chinin und verabreichten stärkende Arsenzubereitungen, Morphium, Heroin und Kokain. <BR /><BR />Doch all die unterschiedlichen Maßnahmen blieben erfolglos. Auf den Wangen von Infizierten bildeten sich mahagonifarbene Flecken. Sie spuckten Blut, ihre Körper verfärbten sich violett und dunkelblau. Nach den Angaben eines amerikanischen Militärarztes konnte man Farbige kaum mehr von Weißen unterscheiden. Die Erkrankten erstickten, nicht selten bei klarem Bewusstsein.<BR /><BR /><b>Schauergeschichten und Verschwörungstheorien</b><BR /><BR />Der aggressive Krankheitsverlauf, die dunkelblau verfärbten Leichen und die fehlende Aufklärung aufgrund der kriegsbedingten Zensurpolitik führten zu Schauergeschichten und Verschwörungstheorien. Es kursierten Gerüchte über die Rückkehr des „schwarzen Todes“, der Pest. Kirchliche Kreise glaubten an eine Strafe Gottes. Eine Erklärung für die Entstehung des Grippevirus berief sich auf die giftigen Ausdünstungen der Leichenberge auf den Schlachtfeldern an der Westfront. Die Deutschen wurden verdächtigt, heimtückische Biowaffen eingesetzt zu haben. Der Pharmahersteller Bayer soll Aspirin-Tabletten vergiftet haben, um den Weltkrieg für die Mittelmächte zu entscheiden.<BR /><BR /><b>Dritte Grippewelle im Frühjahr</b><BR /><BR />Im Dezember beruhigte sich die Situation, bis im Frühjahr 1919 eine dritte Grippewelle über einzelne Weltregionen hereinbrach. Auch in Europa grassierte die Seuche noch einmal. Während der Pariser Friedensverhandlungen erlitt der amerikanische Präsident Wilson einen so heftigen Grippeanfall, dass sein Leibarzt zunächst einen Giftanschlag vermutete.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="590807_image" /></div> <BR />Südtirol blieb von einer dritten Grippewelle verschont. Anfang November 1918 – nach der Rückkehr der Soldaten von der Südfront in ihre Heimat – geriet Südtirol in eine politische und wirtschaftliche Isolation. Die Grenzen zu Österreich waren dicht. Dieser politisch erzwungene Lockdown führte wohl dazu, dass damit alle Virusinfektionen von außen gebannt worden waren.<BR /><BR />Bis heute kann nicht eindeutig beantwortet werden, weshalb an der Spanischen Grippe besonders häufig robuste Männer und Frauen im Alter von 20 bis 40 Jahren starben. Auch bleibt die Frage offen, welchen Einfluss das Killervirus auf den Kriegsverlauf nahm. Es ist möglich, dass die Grippeverluste die Mittelmächte schwerer trafen als die mit frischen amerikanischen Kräften unterstützte Entente.<BR /><BR /><b>Aus der Erinnerung gelöscht</b><BR /><BR />Vor dem Hintergrund der politischen Ereignisse in der unmittelbaren Nachkriegszeit war die Berichterstattung über die Spanische Grippe aus der Tagespresse verschwunden. Das öffentliche Interesse galt von da an ganz den politischen Umwälzungen. Die Grippeepidemie fand weder bei den Siegern noch bei den Verlierern Eingang in die nationalen Erinnerungskulturen. Die Seuche, der Politik und Medizin hilflos gegenübergestanden waren, eignete sich nicht für heroische Darstellungen, die für die Nachwelt in Form von Heldenerzählungen und Denkmälern in Szene gesetzt hätten werden können. <BR /><BR />Im Gegensatz zu den Erinnerungen an die Kriegsereignisse wurde die Pandemie aus dem kollektiven Gedächtnis verdrängt und geriet so zunehmend in Vergessenheit.<BR /><BR />* <i>Dr. Dr. Norbert Parschalk ist Zeithistoriker, Geschichtsdidaktiker und Buchautor zur Landesgeschichte Tirols. Derzeit Forscher im Bereich Zeitgeschichte an der Fakultät für Bildungswissenschaften der Freien Universität Bozen</i>