Was hat das vor drei Jahrzehnten gestartete Kirchenvolksbegehren gebracht, das Drängen auf Veränderungen, die Demos, die offenen Briefe, die Unterschriften, die Interviews? Kirchenrechtlich sei bislang keine der Grundforderungen umgesetzt, räumt Christian Weisner aus dem Bundesteam von „Wir sind Kirche“ ein.<BR /><BR /> Man habe immerhin erreicht, dass eine intensive Diskussion begonnen habe über seit dem 2. Vatikanischen Konzil (1962-1965) „längst überfällige“ Reformen. Freilich – dazu habe es das Jahr 2010 gebraucht, als die Kirche vom Missbrauchsskandal erschüttert wurde.<BR /><BR />„Seit Ende 2019 werden endlich, wenn auch viel zu spät, genau unsere Reformthemen auf dem Synodalen Weg in Deutschland, den die Bischöfe gemeinsam mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) gestartet haben, intensiv beraten“, sagt Weisner. „Der Synodale Weg hat viele wegweisende Beschlüsse gefasst, diese müssen endlich umgesetzt werden.“<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1238658_image" /></div> <BR /><BR />Und tatsächlich – „Wir sind Kirche“ wird ernst genommen, das zeigen auch die Worte des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), Georg Bätzing, zum Jubiläum: „30 Jahre ‚Wir sind Kirche’ bedeutet 30 Jahre kritische Wegbegleitung der Kirche in Deutschland und insbesondere der Bischofskonferenz. Einfach war dieser Weg nicht, aber er war stets konstruktiv. Und es ist ein Weg des Dialogs und der Wertschätzung.“ Die Organisation sei drangeblieben an den Themen – bis heute. „Dem gebührt Respekt.“<BR /><BR />Gerade unter Papst Franziskus sahen sich Reformkräfte zunächst im Aufwind – dass er sich für Geflüchtete und Arme einsetzte und zum Schutz der Umwelt aufrief, entsprach genau dem, was auch „Wir sind Kirche“ forderte: „Anstelle der lähmenden Fixierung auf die Sexualmoral“ sollten andere Themen stärker betont werden wie soziale Gerechtigkeit oder Bewahrung der Schöpfung.<h3> Was macht Papst Leo?</h3>Aber was ist mit all den anderen Themen? Franziskus berief zwar eine Weltsynode ein, doch konkrete Auswirkungen auf den Alltag in der katholischen Kirche blieben aus. Der Weg ins Priesteramt führt immer noch über die Ehelosigkeit, Frauen dürfen weiterhin nicht einmal Diakoninnen werden. Mitbestimmungsrechte für die Gläubigen gibt es höchstens bei der Anzahl der Torten fürs Gemeindefest.<BR /><BR />Derweil sinkt die Mitgliederzahl weiter, die Zahl der Neupriester ebenso. Zugleich sind die Fronten zwischen Bewahrern und Reformern verhärtet. Und wohin der Kurs von Papst Leo XIV. führt, ist noch unklar.<BR /><BR />Die Hoffnung aber gibt man nicht auf bei „Wir sind Kirche“ – im Gegenteil: Immer mehr Bischöfe sprächen sich für die Aufhebung des Pflichtzölibats aus und setzten sich für den Zugang von Frauen zu Weiheämtern ein, sagt Weisner. Vor allem mit der Wahl von Franziskus 2013 sei ein Ende von Denk- und Redeverboten angebrochen. <BR /><BR />Und: Der neue Papst habe sich von Anfang an zum Reformprozess von Franziskus bekannt, „sodass wir guter Hoffnung sind, dass jetzt Schritt für Schritt die Umsetzungen erfolgen“.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1238661_image" /></div> <BR /><BR /> In Südtirol startete die Initiativgruppe „Für eine lebendigere Kirche / Per una Chiesa più umana / Pur na dlijia plü via“ um den damaligen Religionslehrer Robert Hochgruber aus Tschötsch am 26. November 1995 eine Unterschriftensammlung für Reformen in der Kirche. Fünf Forderungen standen im Mittelpunkt: 1. Mitsprache der Laien bei kirchlichen Leitungsentscheidungen, Wahl der Bischöfe; 2. Volle Gleichberechtigung von Frauen – auch Zugang zu Ämtern; 3. Freie Wahl zwischen zölibatärer und nicht zölibatärer Lebensform für Priester; 4. Positive Bewertung von Sexualität; 5. Verkündigung der Frohbotschaft statt Drohbotschaft – eine Kirche, die Menschen ermutigt und nicht primär Normen setzt.<BR /><BR />Bis Ende Dezember 1995 konnte die Gruppe 18.284 Unterschriften sammeln. Im Jänner 1996 wurden die Listen an Bischof Wilhelm Egger übergeben. <BR /><BR />In den folgenden Jahren machte die Initiativgruppe mehrmals mit „Herdenbriefen“ und Stellungnahmen auf Anliegen des Kirchenvolksbegehrens aufmerksam, im Jahr 1999 wurde zu einer landesweiten Laienpredigt aufgerufen. Im Jahr 2008 entschied sich die Vollversammlung der Initiativgruppe, die Arbeit zu beenden und die Organisation aufzulösen. Begründung: Die Kirchenleitung sei nicht bereit gewesen, über Vorschläge zu diskutieren, geschweige denn, sie umzusetzen. Das habe zur Resignation vieler kritischer Christen geführt.