Dienstag, 26. April 2016

30 Jahre nach Tschernobyl – Wildschweine und Pilze strahlen weiter

Keine Gefahr, heißt es noch Tage nach dem Super-Gau von Tschernobyl. Aber Regenwolken bringen die radioaktiven Teilchen nach Westen. Auch 30 Jahre danach strahlt noch manches – vor allem im besonders betroffenen Bayern.

Die Gegend um Tschernobyl in der ukrainischen Oblast Kiew. Dreißig Jahre sind seit der Haverie im örtlichen Atomkraftwerk vergangen, doch die Region ist noch immer ein gefährlicher, ein im schlechten Sinne strahlender Ort.
Die Gegend um Tschernobyl in der ukrainischen Oblast Kiew. Dreißig Jahre sind seit der Haverie im örtlichen Atomkraftwerk vergangen, doch die Region ist noch immer ein gefährlicher, ein im schlechten Sinne strahlender Ort.

Die Gegend um Tschernobyl in der ukrainischen Oblast Kiew ist noch immer ein gefährlicher, ein im schlechten Sinne strahlender Ort. Es war der 26. April 1986 als nach einer Kernschmelze Wolken strahlenden Materials über dem Kernkraftwerk aufstiegen. Von hier trieb sie der Wind gen Westen. 

Zuerst treibt die Wolke nach Norden. An einem Atomkraftwerk in Schweden wird erhöhte Radioaktivität gemessen. Doch der Meiler läuft ohne Störung. Die Radioaktivität kommt aus dem Osten – aus dem am 26. April 1986 explodierten Kraftwerk Tschernobyl. In Finnland, in Polen und in der DDR steigen die Werte.

Politiker der westlichen Länder betonten unisono: keine Gefahr. 

Erst keine Gefahr, dann Notstand

Doch plötzlich gibt es auch hier erhöhte Radioaktivität. Fußballspiele werden abgesagt, Freibäder und Spielplätze gesperrt, Sandkästen geleert, Gemüse untergepflügt. In den Supermärkten: Sturm auf Dosen. Frisches ist tabu. Wer nach Hause kommt, zieht die Schuhe aus und duscht, um keinen verseuchten Staub in die Wohnung zu tragen. Hausbesitzer laufen mit Geigerzähler durch ihre Gärten, die Messgeräte sind ausverkauft. Kinder dürfen nicht draußen spielen.
Wenn es regnet, laufen die Menschen in Panik wie um ihr Leben – wegen des Fallouts, den niemand recht einschätzen kann.

Heute noch Werte um ein Vielfaches über dem Grenzwert

Besonders schlimm trifft es Bayern, und dort wiederum Gegenden, über denen zufällig an diesen ersten Maitagen 1986 schwere Gewitter niedergehen: Landstriche in Schwaben, im Bayerischen Wald und im Süden Oberbayerns.

So zog die Wolke nach Westen. 

Auch 30 Jahre nach der Katastrophe werden dort manchmal bei Wild und Pilzen Werte um ein Vielfaches über dem Grenzwert gemessen. „Ganz krass ist es bei den Wildschweinen“, sagt Christina Hacker, Vorstandsmitglied beim Umweltinstitut München, das nach Tschernobyl als Verein gegründet wurde.
Wildschweine lieben Hirschtrüffel; sie fressen Egerlinge – und die im Wald teils belastete Erde mit dazu. „In allen sauren Böden kann sich das Caesium 137 oberflächennah halten. Deshalb gibt es die Problematik in Wäldern und Mooren.“

Erst die Hälfte ist zerfallen

Caesium 137 hat eine Halbwertzeit von 30 Jahren. Gerade einmal die Hälfte davon ist also zerfallen. Es dauere zehn Halbwertzeiten, bis in etwa der frühere Zustand wieder hergestellt sei, sagt Hacker.
In Feldern ist das radioaktive Isotop hingegen ausgespült, mehrfach untergepflügt und in tiefere Schichten gewandert. Getreide, Gemüse, Salat oder Milch und Fleisch außer Wild sind ohne erhöhte Werte.

Hohe Kindersterblichkeit

Die genauen Folgen: Niemand kennt sie. Die Kindersterblichkeit sei nach Tschernobyl signifikant erhöht gewesen, sagt Hacker. Auch von mehr Schilddrüsenerkrankungen werde berichtet. Ein Zusammenhang liege nahe, sei aber nicht erwiesen. Manches, glaubt Hacker, hätte vermieden werden können, wenn es die „Beschwichtigungspolitik“ nicht gegeben hätte. „Die Behörden haben viel zu spät reagiert.“

dpa

stol