Freitag, 04. September 2020

400 Jahre alte Gletschergämse inspiriert Mumienforscher in Südtirol

Der Fund einer 400 Jahre alten mumifizierten Gämse am Turnerkamp oberhalb der Chemnitzer Hütte im Ahrntal lässt Forscherherzen jubilieren: Die von der Tiermumie zu erwartenden Erkenntnisse seien für die weltweite Mumienforschung von Bedeutung – nicht zuletzt auch für Ötzi.

Auf rund 3000 Meter hat der bergbegeisterte Ahrntaler Hermann Oberlechner bei einer seiner ausgedehnten Touren im vergangenen Herbst einen Tierkadaver gefunden. Wie sich nun herausgestellt hat, handelt es sich um eine 400 Jahre alte Gämsen Mumie. Die Forscher rund um Albert Zink vom Institut für Mumienforschung an der Eurac sind überzeugt, dass die Mumienforschung von diesem Fund profitieren wird. - Foto: © stol
Es war der 15. September 2019, als Hermann Oberlechner bei einer Bergtour oberhalb der Chemnitzer Hütte nicht nur die nahen Eisriesen von Möseler und Weißzint im Blick hatte, sondern auch die Gletscherfelder vor sich. Denn am Turnerkamp lugten die Umrisse eines Tierkadavers aus dem Eis hervor. Oberlechner wurde stutzig, machte einige Fotos und verständigte den zuständigen Jagdaufseher Markus Kaiser. „Auffällig war die ledrige Haut, ich ahnte schon, dass es ein außergewöhnlicher Fund sein könnte, aber mit einem mutmaßlichen Alter von 400 Jahren hätte ich nie und nimmer gerechnet“, blickt Oberlechner heute leicht verlegen auf seine Entdeckung der Gämsenmumie zurück. Er sei auf „Ötzis Haustier“ gestoßen, habe er damals gewitzelt. Diese Feststellung war gar nicht so abwegig.

Denn mittlerweile ist fast ein Jahr vergangen, der gut erhaltene Tierkadaver konnte erst am 26. August am abgelegenen, rund 3200 Meter hochgelegenen Fundort geborgen werden – übrigens noch eindeutig auf Südtiroler Territorium. Nach einem Lokalaugenschein baten die Forscher von Eurac Research das Gebirgstruppenkommando der Alpini um Unterstützung, um die Tiergletschermumie per Helikopter ins Labor nach Bozen zu fliegen. „Es handelt sich um einen sehr wertvollen Fund für die weltweite Mumienforschung, vor allem weil wir mit den gewonnenen wissenschaftlichen Daten ein Konservierungsprotokoll ausarbeiten wollen“, erklärte Albert Zink, Leiter des Instituts für Mumienforschung von Eurac Research, gestern im Bozner Noi Techpark bei einer Pressekonferenz. Erstmals werde für solche Studien eine Tiermumie herangezogen. Dabei fand er für alle Beteiligten viele lobende Worte, weil alle vorbildlich gehandelt hätten, sodass keine Schäden am wertvollen Gewebe entstanden sind.

Noch wurden keine DNA-Proben entnommen, weil zuvor die optimalen Laborbedingungen geschaffen werden müssen, aber bald schon werden sich die Fachleute mit Argusaugen über die Gletschergämse hermachen. Es handelt sich erst um den zweiten Fund dieser Art, eine 150 Jahre alte Gämsenmumie wurde zu einem Museumsexponat in der Schweiz.

Nach Einschätzung des Konservierungsexperten Marco Samadelli dürften die Gewebeproben der Mumienforschung auch deshalb wertvolle Erkenntnisse liefern, weil sie fast den gleichen Bedingungen ausgesetzt waren wie menschliche Gletschermumien, so etwa Ötzi oder Juanita, die knapp 600 Jahre alte, vollständig eingefrorene Mumie eines Inka-Mädchens in den Anden.

Auf die Bedeutung von Fund und Finder verwies auch Roland Psenner, Präsident von Eurac Research, gleichzeitig stellte er fest, dass sowohl Ötzi wie auch die Gletschergämse aus Zeiten einer Abkühlungsphase stammen. Nun hingegen schmelzen die Gletscher dahin und legen allerhand frei. In etwa 15 Jahren dürfte auch das Gletscherfeld am Turnerkamp geschmolzen sein.

az

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