<b>Warum wissen immer noch so viele Frauen nicht, dass ihre unerträglichen Schmerzen nicht normal sind, sondern sie unter Endometriose leiden?</b><BR />Dr. Martin Steinkasserer: Frauen wird seit jeher beigebracht, dass man Schmerzen hin- und annehmen muss. Das geht weit in die Geschichte zurück. Schon in der Bibel steht: Unter Schmerzen sollst du gebären. Das spielt bis heute eine Rolle, und wird von Müttern an die Töchter weitergegeben. Sind die Schmerzen ganz schlimm, und das sind sie bei einigen Frauen wirklich, dann wird häufig von Hysterie geredet. Oder von chronischem Jammern. Das Umfeld macht die Schmerzen dann schnell zur Kopfsache, es wird auf die Psyche geschoben. Und schließlich wird diesen Mädchen und Frauen ihre Wahrnehmung nicht mehr geglaubt. Man nennt das Gaslighting. <BR /><BR /><b>Gaslighting – was ist das?</b><BR />Dr. Steinkasserer: In der Psychologie wird darunter eine Form der psychischen Manipulation bezeichnet. Im Fall von Endometriose werden Symptome nicht ernst genommen, herabgespielt, bagatellisiert und ins Psychische geschoben. Familie, Freunde, Lehrer, auch Ärzte – alle verfestigen den Eindruck: Mit dir stimmt etwas nicht. Aber nicht körperlich, sondern psychisch. <BR /><BR /><embed id="dtext86-64179121_quote" /><BR /><BR /><b><BR />Warum spielen auch viele Ärzte die Symptome herunter? </b><BR />Dr. Steinkasserer: Endometriose ist ein chronisches Leiden. Und chronische Krankheiten sind nie einfach zu behandeln. Der Idealfall für einen Mediziner ist, wenn jemand einen verstauchten Knöchel hat, er eine Salbe verschreiben und vielleicht noch einen Verband anlegen kann und nach 14 Tagen ist alles gut. Das ist eine Win-Win-Situation: Der Patient ist froh und der Arzt noch mehr, weil er sich bestätigt fühlt und helfen konnte. Kommt aber jemand immer mit gleichen Problem, weil nichts hilft, dann kann das auf medizinischer Seite mitunter als Misserfolg angesehen werden. Das ist wie mit dem Fußballer beim Elfmeter, der den Druck hat, zu treffen. Auf dem Arzt lastet der Druck, zu heilen oder zumindest zu helfen. Deshalb kommt auch der Arzt in Versuchung, die Probleme der Patientin auf die Psyche zu schieben. Ganz falsch ist das auch nicht….<BR /><BR /><b>Inwiefern?</b><BR />Dr. Steinkasserer: Starke chronischen Schmerzen drücken unweigerlich auf die Psyche. Auch wie das Umfeld darauf reagiert, macht etwas mit einer Frau. Zudem wird sie zunehmend sozial inkompatibel, in der Partnerschaft, im Freundeskreis, am Arbeitsplatz – weil sie wegen der Schmerzen öfter absagen muss oder häufig ausfällt. Und dann kommt oft unerfüllter Kinderwunsch dazu. Frauen mit Endometriose leiden häufiger darunter als Frauen ohne Endometriose. Das alles muss man berücksichtigen. Deshalb reagieren die allermeisten Frauen völlig angemessen in dieser schwierigen Situation. Man muss das aber als Arzt in den richtigen Kontext bringen. Lange Zeit war die Krankheit sicher zu wenig bekannt und auch in der Ausbildung der Ärzte kein Thema. Das hat sich aber geändert. <BR /><BR /><embed id="dtext86-64179125_quote" /><BR /><BR /><b><BR />Was ist Endometriose überhaupt? </b><BR />Dr. Steinkasserer: Die Schleimhaut in der Gebärmutter, das sogenannte Endometrium, wird über den Zyklus aufgebaut und bei der Regelblutung abgeblutet. Ein winziger Teil des Blutes gelangt aber über die Eileiter in das Innere des Bauchraumes. Das ist normal und unbedenklich. Bei manchen Frauen aber können sich Endometriumzellen, die auf diese Weise in den Bauchraum gelangen, dort ansiedeln – am Eierstock, am Bauchfell, im Darm, im gesamten Bauchraum, mitunter auch in weiter entfernteren Organen wie der Lunge. Man spricht dann von Endometriose am Eierstock, im Darm usw. <BR /><BR /><b>Und was ist im Unterschied dazu eine Adenomyose?</b><BR />Dr. Steinkasserer: In der Gebärmutter ist das Endometrium klar vom Myometrium, der Muskelschicht, getrennt. Manchmal kommt es aber vor, dass Endometriumzellen in diese Muskelschicht hineinwachsen. Sie bilden dann Schleimhautinseln zwischen den Muskelfasern und machen, was diese Zellen immer tun: Sie bauen sich auf und bluten ab – in diesem Fall bluten sie zwischen die Muskelfasern hinein. Das nennt man Adenomyose. Man kann es mit einem Muskelfaserriss vergleichen. Passiert das dem Fußballer, dann wirft er sich schreiend auf den Boden und wird vom Feld getragen, bei der Frau heißt es: Das ist normal. <BR /><BR /><b>Ist Endometriose genetisch bedingt? </b><BR />Dr. Steinkasserer: Sehr wahrscheinlich gibt es eine genetische Komponente. Normalerweise erkennt das Immunsystem ortsfremde Zellen sofort und Fresszellen eliminieren den „Feind“. Bei Endometriose gibt es also sicher einen Autoimmundefekt, weshalb Endometriumzellen außerhalb der Gebärmutter nicht als ortsfremd erkannt werden. Diese ortsfremden Zellen nisten sich in anderen Geweben ein und teilen sich, sie bekommen Anschluss an Blutgefäße und bilden vitales Gewebe. Dieses wächst zerstörend in das eigentliche Gewebe hinein, es kommt zu Entzündungsreaktionen und in der Folge zu Vernarbungen. Das Gewebe wird starr und unflexibel. Das schmerzt natürlich, oft ständig und nicht nur bei der Regelblutung. Außerdem kann es zu Funktionsverlusten von Organen kommen, wie Darmverschluss, Vernarbung der Harnleiter, sodass sich der Urin in die Niere zurückstaut – da gibt es leider sehr schlimme Folgen. <BR /><BR /><embed id="dtext86-64179127_quote" /><BR /><BR /><b><BR />Werden die Beschwerden immer schlimmer? </b><BR />Dr. Steinkasserer: Meistens sind die Beschwerden zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr am schlimmsten. Aber nicht jede Endometriose ist fortschreitend. Es gibt Endometrioseherde, die immer größer werden und immer mehr Symptome machen, und andere, die klein sind und klein bleiben. Wobei die Stadieneinteilung – es gibt 4 Stadien von minimal ausgeprägt bis extrem – nicht immer mit der Symptomatik übereinstimmt. Es gibt Endometriosen, die sehr gering ausgeprägt sind und große Schmerzen verursachen und solche, die wirklich sehr stark ausgeprägt sind und oft weniger schmerzhaft sind. <BR /><BR /><b>Wann sollte ein Mädchen, eine Frau Hilfe suchen?</b><BR />Dr. Steinkasserer: Wenn es für die Frau ein quälender Schmerz ist und sie regelmäßig mit Angst auf die nächste Regelblutung blickt, dann sollte sie Hilfe suchen. Starke Regelschmerzen, Beschwerden beim Wasserlassen, beim Stuhlgang, beim Geschlechtsverkehr, das sind Schmerzen, die hellhörig machen sollen. Endometriose kann man im ausführlichen Patientengespräch und mit einem umfangreichen Ultraschall diagnostizieren. Manchmal ist noch eine Magnetresonanz nötig. Leider zeigen alle Statistiken, dass es 5 bis 10 Jahre dauert, bis die Diagnose steht. Das finde ich erschreckend und zum Schämen. Das muss sich ändern.<BR /><BR /><b><BR />Kann man die Endometriose heilen?</b><BR />Dr. Steinkasserer: 12 bis 15 Prozent der Frauen haben die genetische Prädisposition für die Krankheit. Die kann man nicht heilen, wir können nur die Symptome, die Ursachen und die Folgen behandeln. Mit Medikamenten kann man die Schmerzen reduzieren. Mit der Hormontherapie verhindern wir, dass die Schleimhaut in der Gebärmutter und den Endometrioseherden ständig aufgebaut und abgeblutet wird, den Frauen geht es dann sehr viel besser. Immens wichtig sind auch begleitende Therapien, die von der Bewegungstherapie über Yoga, Bauchtanz, autogenes Training bis Akupunktur und traditionelle chinesische Medizin reichen. Bei weit fortgeschrittener Endometriose, wenn verschiedene Organe in Mitleidenschaft gezogen worden sind und bei Kinderwunsch ist eine Operation eine wichtige dritte Option. Ein entsprechend geübter Chirurg entfernt die Herde umfassend, sodass ein Wiederauftreten kein großes Thema mehr ist. Bei Frauen mit abgeschlossener Familienplanung kann bei ausgeprägter Adenomyose auch die Entfernung der Gebärmutter eine Option sein.<BR /><BR /><embed id="dtext86-64179128_quote" /><BR /><BR /><b><BR />Gibt es aussichtslose Fälle?</b><BR />Dr. Steinkasserer: Ich gehe davon aus, dass man bei jeder Frau eine Verbesserung erreicht. Aber es dauert oft lange. Nicht jede Frau verträgt alles, für nicht jede Frau ist die gleiche Therapie die erste Wahl. Aber man sucht nach verschiedenen Möglichkeiten der Behandlung. In den allermeisten Fällen mit Erfolg. Diese Frauen verlangen nicht, keine Schmerzen mehr zu haben, sondern wollen nur ein erträgliches Leben.<BR /><BR /><b>Wohin können Mädchen und Frauen sich wenden?</b><BR />Dr. Steinkasserer: Die primären Ansprechpartner sind die Hausärzte, die niedergelassenen Gynäkologen und die Gynäkologie-Ambulanzen in den Krankenhäusern. Frauen, die dort nicht erfolgreich behandelt werden können, sollten an ein spezialisiertes Endometriose-Zentrum verwiesen werden.