Daniel stammt aus Meran und ist mittlerweile 42 Jahre alt. Zusammen mit seiner Lebensgefährtin hat er eine Tochter, durch seine Vaterrolle verspürt er heute ein Gefühl der Verantwortung. „Da draußen lauern Gefahren, vor denen viele Eltern nicht die leiseste Ahnung haben und vor denen die Gesellschaft nur allzu gerne die Augen verschließt“, sagt er, der in seinen jungen Jahren völlig unbedarft in die Parallelwelt von Junkies, Fixern und Dealern eintauchte und dabei fast zugrundegegangen wäre. <BR /><BR />Wie tief er in diesen Abgründen gefangen war, erklärt er mit einem Satz: „Der Kern unserer Clique zwischen Meran, Brixen und Brescia bestand aus etwa 20 mehr oder weniger gleichaltrigen Leuten. Davon sind 4 in den Knast gewandert, weitere 4 gestorben und der Rest lebt heute bettelnd und ausgezehrt auf der Straße.“ Allein das zeige, was Drogen aus den Menschen machen, allein das müsse Warnung genug sein. Ihm hingegen gelang rechtzeitig der Absprung. Unverblümt und fast ungerührt erzählt er seine Geschichte, will dabei aber nicht alte Wunden aufreißen, weshalb er nicht seinen vollen Namen, seinen aktuellen Wohnort und sein Gesicht in der Zeitung sehen möchte. <BR /><BR />Begonnen habe alles während seiner Schulzeit in Brixen. Als er in der Mensaschlange wartete, tippte ihm jemand an die Schulter und fragte ihn, ob er auch mal kurz „an diesem Zeug“ riechen wolle. Es handelte sich um Poppers, eine Droge für wenige Minuten Kick. Daniel kann sich noch gut an diesen „intensiven, heftigen Moment“ erinnern. <h3>Fatal: Der erste schnelle Kick</h3>Und gerade hier liege der Hund begraben: Man wolle derartige Momente immer wieder bzw. immer heftiger erleben. Es kamen weitere Drogen wie Joints und später LSD-Trips ins Spiel. „Man kommt schnell drauf, dass das ins Geld geht und auf Dauer eine teure Angelegenheit wird“, kommt er zum nächsten Punkt. Deshalb habe er seine Dealer beobachtet und wurde bald schon selbst Teil des zwielichtigen Milieus, das in einer berüchtigten Bar im Meraner Zentrum seinen Treffpunkt hatte. Bald schon brach er seine Lehre als Koch ab und begann als Verkäufer. Ihm ging es hauptsächlich darum, am Abend rechtzeitig dort zu sein, wo die Party abgeht.<h3>Hemmungslos: Der Handel mit Ecstasy-Pillen</h3>Dabei sprach sich natürlich herum, wo das Zeug herkam, das sie schluckten. „Zusammen mit meinem besten Freund und einem Koffer voll Geld sind wir einfach nach Amsterdam gefahren – es war im wahrsten Sinne des Wortes ein Wahnsinnstrip“, sagt Daniel und erzählt, wie sie in der niederländischen Metropole einen ausgebufften Drogenhändler ausfindig gemacht haben und mit ihm schließlich „ins Geschäft“ gekommen sind. Nachdem die Holländer bei ihrer „Bank des Vertrauens“ die Echtheit der ihnen unbekannten Lire-Scheine geprüft hatten, kamen sie mit ihrer heißen Ware – Unmengen an Ecstasy-Pillen.<BR /><BR />„Die Konsumenten in Südtirol bezahlten für eine Pille zwischen 25.000 und 35.000 Lire, wir bezogen sie in Holland für 1500 Lire, bei diesen Spannen kann sich jeder selbst die Rechnung machen“, meint er. Und so zogen sie einen regelrechten Handel auf. Nur nicht erwischen lassen, war die Losung, für die anonymen Übergaben an Zwischenhändler ersann er sich die abenteuerlichsten Verstecke. Alibimäßig arbeitete Daniel als Verkäufer weiter. <BR /><BR />„Irgendwann hatte ich 90 Millionen Lire in Hüllen von Videokassetten unterm Bett versteckt, es war alles so unwirklich. Wir schmissen wilde Partys, aber natürlich machte sich auch schnell die Kehrseite der Medaille bemerkbar“, kommt er auf den tiefen Fall zu sprechen.<h3>Abgründe und ein Arzt, der ihm die Leviten liest</h3>Denn er konsumierte selbst alle möglichen Substanzen. So kann er detailliert berichten, was die verschiedenen Trips bewirkt haben, wie er beim Konsum von Magic Mushrooms halluzinierte und welche Abgründe sich bei LSD-Trips auftun können. Dabei sei man nicht mehr imstande, Einbildung von der Realität zu unterscheiden, das führe zuweilen zu wahrhaftigen Tragödien. Von einigen wurde er Augenzeuge. „Eines Tages wurde ich nach einer Überdosis ins Spital eingeliefert, ich wog nur mehr 45 Kilo. Der Arzt las mir die Leviten und gab mir zu verstehen, dass ich meinen 23. Geburtstag nicht mehr erleben würde, wenn ich so weitermache. Ich hätte die Organe eines 70-Jährigen und haufenweise Stoffe im Blut, die dort nichts zu suchen haben“, Er sah sein Ende nahen. Gerade noch rechtzeitig fand er die Kraft zum radikalen Neuanfang. <BR /><BR />Daniel schaffte es, mit den alten Gewohnheiten und vor allem mit seinen Weggefährten und Freunden zu brechen. Ansonsten habe man keine Chance, meint er. Er fand Unterschlupf bei seinen Eltern, zerschnitt die SIM-Karte und schwor sich, nichts mehr anrühren zu wollen. Damit sei „die Katastrophe erst losgegangen“, der kalte Entzug forderte seinen Tribut. <h3>Die Hölle des Entzugs und der radikale Wandel</h3>Er habe 2 Wochen lang die Hölle durchgemacht – Schweißausbrüche, extremes Zittern und die Nahrung, die partout nicht im Magen bleiben wollte, gehörten zu den Entzugserscheinungen. Viel schwieriger als die körperlichen Probleme sei jedoch die psychische Abhängigkeit, damit habe man ein Leben lang zu kämpfen.<BR /><BR />Dass er die Kehrtwende geschaffen hat, verdanke er seiner Willenskraft und dem Glauben. „Es mag verrückt klingen, aber ich bin überzeugt, dass Gott mich damals gerettet hat“, sagt er und erzählt ein bemerkenswertes Erlebnis. Man könne es Schicksal, besondere Energie, Engel oder eben Gott nennen. Seitdem bezeichnet er sich als gläubiger Christ und liest die Bibel. „Die ganze Szene hat sich natürlich radikal verändert, wobei die heutigen Drogen viel, viel gefährlicher sind als die damaligen“, sagt Daniel, der die Entwicklungen kritisch beobachtet. Seine eigenen Erfahrungen hat er kürzlich im Buch „Wir waren drauf“ mithilfe seiner Lebensgefährtin aufgeschrieben, es ist bereits im Online-Handel erhältlich.<h3>Die heutige Szene – Spiegel der Leistungsgesellschaft</h3>Kokain werde vielfach auf die leichte Schulter genommen, Crack sei eine echte Katastrophe, insgesamt seien immer mehr verschnittene und verunreinigte Drogen im Umlauf. Besonders eindringlich warnt er vor Fentanylderivaten, welche Konsumenten in Zombies verwandeln. Man brauche sich über die Ausmaße des Drogenkonsums aber nicht wundern, denn schließlich müsse jeder funktionieren und in unserer Leistungsgesellschaft bestehen – das gelte vom Studenten über Arbeiter und Manager bis hin zu Ärzten und Anwälten. Das erkläre auch die explosionsartige Ausbreitung von legalen leistungssteigernden Substanzen. <BR /><BR />Es liegt auf der Hand, dass auch Daniel noch heute an den Folgen seiner einstigen Drogenexzesse zu leiden hat. „Es kann vorkommen, dass ich eine Panikattacke bekomme, gelegentlich habe ich es mit dem Magen und außerdem machen sich Schlafstörungen bemerkbar“, zählt er auf. <BR /><BR />Sollte es sich ergeben, könnte er sich gut vorstellen, Aufklärungsarbeit für Jugendliche zu machen. Man könne vor dieser horrenden Parallelwelt nicht eindringlich genug warnen. Auch wenn er dann nur einen einzigen Menschen vom Drogenmissbrauch abhalten könne, habe es sich bereits ausgezahlt.<h3> Rat und Hilfe</h3>In Südtirol gibt es mehrere Anlaufstellen, an die sich Menschen mit Drogenproblematiken bzw. deren Angehörige und Bekannte wenden können. Darunter fallen die Dienste für Abhängigkeitserkrankungen in den 4 Sanitätssprengeln Bozen, Meran, Brixen und Bruneck, die psychosoziale Beratungsstelle der Caritas, die Einrichtung Bahngleis 7 der Caritas, die Vereinigung „La Strada – der Weg“ und das Forum Prävention in Bozen.<Rechte_Copyright></Rechte_Copyright><BR />