<b>von Elmar Pichler Rolle</b><BR /><BR /><b>Was war eigentlich vor 1975, also während der 30 Jahre zuvor?</b><BR />Heinrich Videsott: Drei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, 1948, wurde mit dem Ersten Autonomiestatut die paritätische Schule eingeführt, je zur Hälfte Deutsch und Italienisch. Damals waren alle Schulen in Südtirol einem italienischen Hauptschulamtsleiter unterstellt. Erst mit dem neuen Autonomiestatut 1972 änderte sich das, es dauerte dann aber immerhin noch drei Jahre, bis die deutsche, italienische und ladinische Schule autonom waren und jeweils ein eigener Schulamtsleiter an deren Spitze berufen wurde.<BR /><b><BR /> Ab Kriegsende und bis 1975 gab es im Gadertal und in Gröden also keinen Unterricht in Ladinisch?</b><BR />Videsott: Ladinisch galt damals als sogenannte Behelfssprache. Erst mit dem neuen Autonomiestatut wurde für alle Schulstufen – neben der Parität Deutsch und Italienisch – auch zwei Stunden Unterricht pro Woche in ladinischer Sprache eingeführt.<BR /><BR /><b>Was genau wird den Schülerinnen und Schülern vermittelt?</b><BR />Videsott: Die ladinische Sprache in Wort und Schrift und dann vor allem auch ladinische Kultur und Geschichte.<BR /><BR /><b> Schriftlich im Standard-Ladinisch?</b><BR />Videsott: Nein, denn da greift nach wie vor der Beschluss der Landesregierung von 2013. Daher wird in den beiden Talschaften jeweils das lokale Idiom unterrichtet.<BR /><BR /><b>Englisch kommt noch hinzu, also darf man von einer zumindest viersprachigen Schule sprechen. Mit welchen Ergebnissen?</b><BR />Videsott: Interessant ist, dass Tests ergeben haben, dass die ladinischen Schülerinnen und Schüler in der englischen Sprache über sehr gute Kenntnisse verfügen, man kann von Spitzenergebnissen sprechen. Bei der deutschen und italienischen Sprache würde ich von einem guten Niveau sprechen. Also unsere Maturanten schaffen die Zweisprachigkeitsprüfung A locker, wage ich zu behaupten. Sicher, weder Deutsch noch Italienisch sind unsere Muttersprache, daher sind wir zumeist nicht auf gleicher Ebene wie muttersprachlich deutsche oder italienische Schülerinnen und Schüler. Aber wir können zufrieden sein.<BR /><b><BR />Wie stark macht sich in den ladinischen Kindergärten und an den ladinischen Schulen das Phänomen der Migration bemerkbar?</b><BR />Videsott: Die Veränderungen sind natürlich spürbar. Früher wurde in den ladinischen Tälern vorwiegend nur Ladinisch gesprochen. Im Gadertal zu 90 Prozent und mehr. Die Zuwanderung hat da zu Veränderungen geführt. Wir haben immer noch Schulen in kleinen Ortschaften, wo die Migration kaum spürbar ist. Aber in größeren Orten sieht es schon anders aus, ich nenne da Mareo/St. Vigil, Urtijei/St. Ulrich – und wohl auch noch Selva/Wolkenstein.<BR /><BR /><b> Was tun Sie in solchen Fällen? Haben Sie genügend Lehrkräfte, um das Unterrichtsniveau in den Landessprachen zu garantieren?</b><BR />Videsott: Lehrkräfte gäbe es nie genug. Wir müssen uns daher eben bemühen, das Beste aus der Situation zu machen.<BR /><BR /><b> Blicken wir nicht nur zurück, sondern auch nach vorne. Was wünschen Sie sich als Schulamtsleiter für die nächsten Jahre?</b><BR />Videsott: Die Gesellschaft wird komplexer. Wir begegnen sozialen Situationen, die wir uns bis vor wenigen Jahren nicht vorstellen konnten. Als Schule haben wir das Ziel, alle Kinder bestmöglich zu fördern und auszubilden, ihnen allen damit eine Chance zu geben. Dazu haben wir einen Leitfaden ausgearbeitet. Ich wünsche mir, dass uns das gelingt – zum Wohle unserer Gesellschaft.