Donnerstag, 14. April 2016

5000 Geburten und jede ist anders - auch wegen der Strukturen

“Es scheint, als würde die Gesellschaft heute alles tun, um eine Geburt zu erschweren, ein Ereignis, das eigentlich Grund zur Freude sein müsste. Umso mehr danke ich allen, die zu dieser Tagung beigetragen haben.” Mit diesen Worten eröffnete Landtagsvizepräsident Roberto Bizzo die Anhörung zum Thema “Geburt”, die von den Frauen im Landtag vorgeschlagen und organisiert wurde.

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Foto: © shutterstock

Brigitte Foppa, Initiatorin der Anhörung, erinnerte daran, dass man bereits über ein Jahr lang über das Gesundheitswesen rede, aber vor allem über Strukturen, kaum über Menschen. In diesem Saal werde über oft Autobahnen, Geld und Akzisen geredet, heute wolle man über wirklich wichtige Dinge reden.
Über die Geburtenstationen sei sehr emotional diskutiert worden, bemerkte Gesundheitslandesrätin Martha Stocker, heute wolle man die Geburt aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten, auch um neue Anhaltspunkte zu erhalten.

5000 Geburten pro Jahr, knapp ein Viertel davon Kaiserschnitte

In Südtirol gebe es derzeit rund 200 Hebammen, berichtete Astrid Di Bella, Präsidentin des Südtiroler Hebammenverbandes, die meisten von ihnen seien in den Sprengeln tätig. Die Zahl der Geburten lag voriges Jahr bei 5.000, davon 24 Prozent Kaiserschnitte und 23 Hausgeburten.

Südtirol gehöre zu den wenigen Regionen, die die Hausgeburt auch mit Gesetz regeln. Die meisten wüssten aber nicht, dass sie Anspruch auf Betreuung durch eine Hebamme hätten, auch in den Tagen nach der Geburt. Dadurch werde eine Geburt auch in peripheren Geburtenstationen ermöglicht. In Südtirol sei die Betreuung auf hohem Niveau, aber es sei noch Spielraum nach oben. In den letzten Jahren habe man sich zu sehr auf den Lorbeeren ausgeruht.

STOL hat kürzlich unter dem Titel "Hebammen an die Macht" über das Revival eines der ältesten Berufe berichtet. 

Geburt im KH kostet zwischen 4000 und 7000 Euro

Jessica Hinteregger, freiberufliche Hebamme in Bruneck, berichtete von ihrer Erfahrung in Deutschland, wo Hausgeburten durch das öffentliche Gesundheitswesen betreut würden. Einige Frauen bräuchten die hochspezialisierten Zentren, viele hätten aber ganz einfach das Bedürfnis, gut informiert und begleitet zu werden. Auch für Hausgeburten seien übrigens die nötigen Untersuchungen vorgesehen.
 In Südtirol gebe es gute Krankenhäuser, aber manchmal sei der Weg zu weit. Hinteregger appellierte an die Politik, die Voraussetzungen zu schaffen, dass eine Frau frei entscheiden könne. Eine Geburt im Krankenhaus koste 4000-7000 Euro, eine Hausgeburt 2000 Euro.

Geburtszentrum und Familienhelferin gefordert

Elena Artioli unterstützte dieses Anliegen und gab das Wort an Burgi Künig, freiberufliche Hebamme, weiter, die sie bei der Hausgeburt unterstützt habe. Künig, die 1974 die erste Hebamme im öffentlichen Gesundheitsdienst war, berichtete, dass ihr der Sanitätsbetrieb damals Hausgeburten verboten habe. Erst im Freiberuf und in Privatkliniken sei es möglich geworden, die Frauen die ganze Zeit bis zur Geburt zu begleiten. Eine Hausgeburt verlaufe in einem ruhigeren und angenehmeren Umfeld.

In Südtirol fehle ein Geburtenzentrum, in denen die Frauen rundum begleitet werden könnten, und so etwas wie eine Familienhelferin, die der Frau in den Wochen nach der Geburt Arbeit abnimmt. Die Belastung mit der üblichen Hausarbeit sei auch Grund für postnatale Depressionen.

Von Dammschnitt bis zur Zangenentbindung 

Ulli Mair fragte nach den ärztlichen Eingriffen und nach den Kaiserschnitt- und Dammschnittraten. Darauf konnte Herbert Heidegger, Primar der Gynäkologie und Geburtshilfe am Krankenhaus Meran antworten: Die Geburten seien heute viel sicherer geworden, aber auch schwieriger, weil die Frauen heute erst später gebären.
65 Prozent der Geburten würden in Bozen und Meran geschehen. Eine Kaiserschnittrate von 24 Prozent sei ein guter Wert, in Deutschland und Österreich liege sie über 30 Prozent, in Italien noch höher.

Nicht jeder medizinische Eingriff geschehe zu Heilzwecken, daher sei er der Meinung, dass eine Frau weitgehend selber entscheiden können sollte. Ein Dammschnitt sollte nur bei einer eindeutigen Indikation durchgeführt werden. Zangenentbindungen gebe es kaum mehr, meist käme bei Bedarf die Saugglocke zum Einsatz.

Eine große Herausforderung sei die Behandlung der Schmerzen. Die Frau könne frei entscheiden, aber die Sicherheit müsse im Mittelpunkt stehen. Daher sollte man auch andere Modelle andenken. In Deutschland etwa gebe es Geburtenstationen in Krankenhäusern, wo die Hebammen die Geburt betreuen und nur bei Bedarf den Arzt rufen. Die perinatale Todesrate sei mit 4 Prozent in Südtirol gering, aber der Großteil davon seien antenatale Todesfälle, und hier müsse die Sicherheitsdiskussion ansetzen.
Von Hebammen geleitete Kreissäle gebe es bereits in Südtirol, fügte Astrid Di Bella hinzu.

Keine Begleitung der Schwangeren im KH Brixen

Magdalena Amhof fragte nach der Begleitung in der Schwangerschafts- und Stillphase. Die Begleitung in der ersten Zeit der Schwangerschaft sei für die weitere Entwicklung sehr wichtig, berichtete Gertraud Rastner, Hebamme um Stillberaterin von der Emotionellen Hilfe Brixen. Im Krankenhaus Brixen sei leider keine Hebamme mehr für die Begleitung der Schwangeren zuständig, dies sei zu wenig. Worauf derzeit ebenso zu wenig Augenmerk gelegt werde, sei die Zeit der Rückbildung nach der Geburt.

15 Prozent der Gebärenden leiden an Wochenbettdepression

Margit Coenen vom Projekt Post Partum in der Psychiatrie des Bozner Krankenhauses, berichtete, dass weltweit und auch in Südtirol 15 Prozent der Gebärenden an Wochenbettdepression leiden. Deren Behandlung sei auch für den Vater und das Kind wichtig; auch bei diesen sei eine höhere Depressionsrate festgestellt worden, wenn die Wochendepression nicht behandelt wurde.
Petra Zambelli, Psychotherapeutin und Mitarbeiterin am Projekt Partum, berichtete dass betroffene Frauen, manchmal auch Väter, oft Schamgefühle hätten. Hier sei es wichtig, ein Sicherheitsgefühl zu vermitteln. Viele Mütter hätten die Angst, den Ansprüchen der Gesellschaft nicht zu genügen, fühlten sich kraftlos und nicht fähig zu stillen.

Eine Geburt ist auch in KH Schlanders sicher

Im zweiten Teil der Anhörung ging es um die Aspekte Recht und Sicherheit. Ulli Mair fragte, ab wann eine Geburt aus Sicht des Gynäkologen sicher ist. Die peripheren Geburtenstationen seien unter diesem Aspekt im Schussfeld, aber das sei nicht gerechtfertigt, antwortete Robert Rainer, Primar der Geburtshilfe Schlanders. Die Geburtenstation in Schlanders sei sicher, die Fahrt nach Bozen würde das Risiko erhöhen.
Wenn während der Schwangerschaft Risiken absehbar seien, würden die Schwangeren an die spezialisierte Abteilung von Primar Messner in Bozen überwiesen. In Schlanders sei noch keine Frau bei der Geburt gestorben, und die Todesrate bei Neugeborenen liege im Promillebereich. Man habe Ärzte auf Abruf, die das Spital in 10 Minuten erreichen könnten. Aber es sei schwer, Ärzte zu finden, denn die Zukunft des Krankenhauses Schlanders sei unsicher. Man führe viel interne Fortbildung durch, auch in Zusammenarbeit mit Universitäten.

Zu wenig Hebammen und Ärzte

Myriam Atz Tammerle stellte Daiana Foppa, Hebamme am Krankenhaus Sterzing, vor und fragte sie nach den Zukunftsperspektiven für den Beruf und eine gute Geburtskultur. Die Versorgung in Südtirol sei gut, und man könne noch einiges ausbauen. Die Frauen könnten sich auch in den peripheren Südtiroler Kreißsälen sicher fühlen. Es gebe aber zu wenigen Hebammen genauso wie zu wenige Ärzte.

Problemfälle und Neugeborene auf der Intensivstation am KH Bozen

Zur Gesundheit der Neugeborenen sprach Hubert Messner, Primar der Neonatologie und Neugeborenenintensivstation am Krankenhaus Bozen. Von seiner Abteilung wüssten wenige, weil 90 Prozent der Geburten in Südtirol normal verlaufen würden, sie sei aber geschaffen worden, als die Todesrate leicht höher war als im Ausland.
 In Südtirol gebe es ein abgestuftes Angebot je nach Risikointensität, unproblematische Fälle könnten auch in den kleinen Stationen betreut werden, um schwierigere Fälle, etwa Frühgeburten, kümmere sich vor allem Bozen.
Neonatologische Problemfälle seien selten, bräuchte aber eine zeitgerechte angemessene Behandlung. Manchmal würden sich die Eltern aber gegen eine Verlegung wehren. Die Qualität der neonatologischen Versorgung hänge eindeutig von der Fallzahl ab, wichtig seien zeitgerechte Diagnostik und Behandlung.

Die Mortalität sei derzeit in den peripheren Krankenhäusern nicht hoch, weil sie keine schwierigen Fälle hätten, aber die Morbiditätsrate sei im Steigen. Sein Wunsch wäre eine Kind-Mutter-Einheit bei der Intensivstation. Die maximale Qualität einer Intensivstation - Spezialisierung, Erfahrung usw. - stehe leider im Widerspruch mit der Wohnortnähe.

Gesetzliche Maßnahmen zur Senkung der Todesrate

Gianfranco Jorizzo, Koordinator des “Comitato Percorso di Nascita” im Gesundheitsministerium, berichtete von den Gründen zur Einführung der Sicherheitsrichtlinien und von den Maßnahmen zur Senkung der Todesrate. Italien sei das erste Land, das den Verlauf der Betreuung gesetzlich geregelt habe. Dabei wurde auch die Größe der Einzugsgebiete festgelegt.
 Kleine Fallzahlen führten dazu, dass man selten mit bestimmten Pathologien zu tun habe.
Die Sicherheitsrichtlinie, die zwischen Staat und Regionen vereinbart wurde, umfasse zehn Punkte mit Mindeststandards, um die Sicherheit von Mutter und Kind zu gewährleisten, etwa die Präsenz spezialisierter Ärzte.
Bei bestimmten geografischen Gegebenheiten seien, unter Wahrung bestimmter Auflagen, auch Ausnahmen nötig. Ziel sei das englische Modell, wo die werdende Mutter sich über die Betreuungsmöglichkeiten und Standards in den verschiedenen Geburtenstationen informieren und dann frei wählen könne.

Ist ein Restrisiko von 1-2 Prozent tragbar?

Brigitte Foppa stellte fest, dass es da verschiedene Vorstellungen von Sicherheit gebe - bei Ärzten, Hebammen und Ministerium - und eröffnete damit eine eingehende Diskussion.

Während eine Hebamme der Meinung war, dass man dem Risiko mit den vorgesehenen Voruntersuchungen und mit einer Zusammenarbeit mit den Krankenhäusern begegnen könne, fragte Primar Messner, ob man sich das Restrisiko von 1-2 Prozent leisten wolle. LR Waltraud Deeg fragte, ob das Ministerium auch die Besonderheit des Südtiroler Territoriums, das hier geschaffene Netzwerk und die Fortschritte in der Versorgung berücksichtigt habe. Die einschlägigen Sicherheitsnormen seien alle mit den besten Versorgungssystemen Italiens im Blick formuliert worden, antwortete Gianfranco Jorizzo, und Italien liege in Europa nicht immer an letzter Stelle.

Von Fachärzten mit Zeitauftrag und "Gastarbeitern"

Wenn eine Schwangerschaft normal verlaufe, gebe es nichts besseres, als so wenig wie möglich einzugreifen, meinte Daiana Foppa, und genau das sei der Pluspunkt der kleinen Geburtenstationen.
Seine drei Kinder seien daheim geboren, berichtete Riccardo Dello Sbarba. Bei der zweiten Geburt in der Toskana sei damals die halbe Geburtenabteilung aus dem Spital ins Haus gekommen. Sicherheit sei auch so möglich. Vieles in diesem Bereich müsse mit “Gettonisti”, Ärzten mit Zeitauftrag, abgedeckt werden, berichtete Primar Heidegger. Es handle sich dabei um erfahrene Fachleute, ergänzte Primar Rainer. Man könne aber nicht dauernd auf “Gastarbeiter” setzen, wandte Primar Messner ein.

Geburtenstation im KH Sterzing nicht schließen

In der dritten Runde kamen die Protagonisten zu Wort: Mütter und Väter. Helen Seehauser, Mitarbeiterin des Landtags und dreifache Mutter, zitierte ein Bonmot, wonach Ärzte eher nach Problemen und Hebammen eher nach Lösungen suchen.
Daher habe sie sich ans AIED gewandt, wo sie zu 90 Prozent durch Hebammen betreut wurde. Sie wohne neben dem Bozner Krankenhaus, aber das Gefühl der Sicherheit und Ruhe habe sie im KH Sterzing gefunden, wo es auch eine gute Ausrüstung gebe. Man rede viel von Innovation, und gerade vor diesem Hintergrund sei es traurig, wenn man eine so innovative Geburtenabteilung schließe.

Filipp Gitzl, ebenfalls Mitarbeiter des Landtags und seit eineinhalb Monaten Vater, berichtete von der Geburt seiner Tochter Emma im KH Bruneck. Ein Problem habe es dort nur mit der mangelnden Zweisprachigkeit gegeben, manche Probleme der jungen Mutter mussten so unausgesprochen bleiben. Die Geburt selbst sei sehr unkompliziert gewesen. Man habe sich fachgerecht betreut gefühlt, die Hebamme habe Sicherheit und Ruhe ausgestrahlt.
Anders als in Sterzing müsse sich ein Vater an fast dieselben Zeiten halten wie andere Besucher. Es wäre wünschenswert, wenn man bereits im Krankenhaus auch über andere Aspekte informiert werde: Beiträge, Steuern usw.

Eine Hausgeburt kostet

Gerlinde Haller, Projektleiterin und Mutter von vier Kindern, die alle daheim geboren wurden, meinte, eine Geburt in den eigenen vier Wänden ermögliche Ruhe und Wohlgefühl, wenngleich sie eher teuer sei. Eine Hausgeburt sollte ebenso kostenlos sein, wie eine im Krankenhaus.
Ebenso gebe es noch Nachholbedarf bei der Betreuung nach der Geburt.

Die gynäkologische Ambulanz im KH Innichen

Tamara Oberhofer stellte Sara Zambelli Pavà vor, Hebamme und Koordinatorin des Frauengesundheitszentrums Innichen, und fragte sie nach der Situation im Krankenhaus Innichen. In dem Zentrum würden alle Informationen geboten, auch für Väter, die aber leider nicht immer die Zeit dafür fänden. Die Präsenz der Väter im Kreißsaal sei sehr wichtig, sie gäben der werdenden Mutter Sicherheit. In Innichen gebe es weiterhin die gynäkologische Ambulanz, die Abteilung für kleinere Eingriffe, die Sprechstunden für Mädchen, komplementäre Medizin, was bei den Frauen sehr gut ankomme, eine Diätassistentin. Man könnte noch vieles tun, aber es mangle wie anderswo an Personal. Das Hebammenambulatorium sei gut besucht, daher sollten Hebammen in allen Sprengeln vorgesehen werden.

Veronika Rabensteiner, Direktorin des Landesamtes für Ausbildung des Gesundheitspersonals und Koordinatorin der Arbeitsgruppe “Betreuungsmodell rund um die Geburt”, berichtete von einer umfassenden Studie zur Versorgung in Südtirol. Daraus ergebe sich, dass es verschiedenste Betreuungsmodelle in Südtirol gebe, es gebe aber auch den Konsens, dass überall dieselbe Betreuung geboten werden sollte.

Forderung nach einer landesweit gleichen Versorgung für alle Frauen

Brigitte Foppa bedankte sich abschließend für die vielen Informationen und Meinungen und meinte, trotz allem werde die Geburt ein bisschen immer noch ein Geheimnis bleiben. Die parteiübergreifende Zusammenarbeit bei der Organisation dieser Tagung könne ein Beispiel dafür sein, wie Frauen Politik gestalten würden. 
Auch Familienlandesrätin Waltraud Deeg bedankte sich bei den Teilnehmern für die sehr interessanten Informationen und rief dazu auf, weiter zusammen zum Wohle der Frauen zu arbeiten. Maria Hochgruber Kuenzer meinte ebenfalls, dass Frauen andere Akzente in der Politik setzen würden. Was sie von heute mitnehme, sei vor allem die Forderung nach einer landesweit gleichen Versorgung für alle Frauen.

stol/lpa

stol