Montag, 30. November 2020

Corona löscht 530 Leben aus

530 Menschen sind in Südtirol seit Ausbruch der Pandemie an oder mit Corona gestorben. Nach 3 Monaten ohne Todesopfer ist die Sterberate im Oktober wieder sprunghaft angestiegen. Einen der Gründe dafür sieht Prof. Bernd Gänsbacher im italienischen Gesundheitssystem.

Mehr als 500 Südtiroler sind bis gestern dem Coronavirus zum Opfer gefallen.
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Mehr als 500 Südtiroler sind bis gestern dem Coronavirus zum Opfer gefallen. - Foto: © shutterstock
Für viele Südtiroler steht heuer eine traurige Advents- und Weihnachtszeit bevor. Auch hierzulande haben sehr viele Menschen einen Angehörigen, Verwandten oder Bekannten durch das tödliche Virus verloren. 218 Menschen starben in Südtirol allein im November am oder mit dem Virus – beinahe so viele wie zwischen Mitte März und Ende April zusammengenommen.

Dabei hatte es nach der hohen Todesrate im Frühjahr mehrere Monate lang so ausgesehen, als ob das Gröbste überstanden wäre. Zwischen 10. Mai und 10. Oktober waren in Südtirol nur 2 Corona-Todesopfer zu beklagen. Im Juli, August und September gab es gar keinen einzigen Corona-Toten.

Doch seit Ende Oktober steigt die traurige Kurve wieder steil nach oben. Inzwischen gibt es kaum mehr jemanden, der nicht einen Verlust in seinem weiteren Umfeld zu beklagen hat. Allein im November starben innerhalb von nur 11 Tagen 100 Menschen. 530 Todesfälle durch oder mit Corona auf knapp 534.000 Einwohner zählt Südtirol seit Sonntag. Damit liegt man im italienweiten Vergleich im Spitzenfeld. Im Spitzenfeld eines Staates, der im internationalen Vergleich mit die meisten Corona-Toten zu beklagen hat.

Sterblichkeitsrate bei Über-80-Jährigen besonders hoch

An einer überalterten Gesellschaft in Italien allein könne es nicht liegen, ist Prof. Bernd Gänsbacher überzeugt. Man wisse, dass die Sterblichkeitsrate hauptsächlich bei Über-80-Jährigen besonders hoch ist – vor allem bei älteren Menschen mit Vorerkrankungen wie Übergewicht, Diabetes, Bluthochdruck oder kardiovaskulären Erkrankungen. „Die Mortalitätsrate liegt da zwischen 20 und 25 Prozent“, sagt er. „Unter der Annahme, dass es überall ältere Menschen gibt, stellt sich schon die Frage, warum Italien bei der Mortalitätsrate immer im Spitzenfeld liegt. Das war im Frühjahr so und ist es jetzt schon wieder.“

Für Prof. Gänsbacher ist das kein Zufall. Er sieht die Hauptursache in einem „Mega-Problem in der italienischen Sanität“, in der seit Jahren massiv eingespart werde. „Wir haben derzeit einen Vergleichskampf der verschiedenen Sanitätssysteme in Europa“, so Prof. Gänsbacher. „Und man muss sich fragen, wie das Sanitätswesen insgesamt aufgestellt ist: Wie viele Ärzte und Pflegepersonal stehen zur Verfügung, wie viele Intensiveinheiten, wie sieht es mit den Gerätschaften aus, wie mit dem Zugang zu Medikamenten – aber auch mit der Ausbildung der Ärzte.“

Und nicht zuletzt sei auch eine klare Führung durch Verantwortliche und Politik mitverantwortlich für ein Sanitätssystem. In jedem Fall aber sei es höchst an der Zeit, dass die Politik ihr Handeln hinterfrage, das Problem finde und löse.

Was für Italien gilt, gelte auch für Südtirol. „Die Sterblichkeitsrate in Südtirol ist höher als anderswo in Italien. Und Zahlen lügen nicht“, so Prof. Bernd Gänsbacher. Auch hierzulande müsse sich die Sanität selbst hinterfragen, warum das so ist. Im Sommer waren die Sterberaten überall in Europa niedrig, und man ist gleichzeitig in den Corona-Herbst gestartet.

„Wenn jetzt andere Regionen Italiens und Europas in der Sterberate deutlich besser dastehen, dann haben sie etwas besser gemacht als die Südtiroler Sanität“, so Prof. Gänsbacher. Und es gelte derselbe Grundsatz wie im Fußball. „Wenn eine Mannschaft mehrmals verloren hat, wird sich jeder Trainer die einzelnen Spielerpositionen genau anschauen und die schwachen Spieler austauschen. Aber das ist in Italien leider im öffentlichen Dienst nicht üblich“, sagt er.

Und noch einen Grund macht Prof. Gänsbacher für die hohe Sterblichkeitsrate im Land aus. „Eine äußerst disziplinierte Gesellschaft könnte natürlich mithelfen, die Sterberate zu senken“, sagt Prof. Gänsbacher.

em

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