Ein Freibad im Unterland stellte seinen Pool montagabends einem Frauenverein zur Verfügung, damit Frauen – viele davon Musliminnen – ungestört schwimmen konnten. Wer wollte, trug Badeanzug. Wer wollte, Burkini. Wer wollte, blieb zu Hause. Eigentlich eine Randnotiz des Sommers.<BR /><BR />Doch aus dieser einen Stunde wurde in den sozialen Medien plötzlich der Untergang des Abendlandes. Von „Scharia im Schwimmbad“ war sinngemäß die Rede, von misslungener Integration, von einer schleichenden Islamisierung. Manche forderten sogar den Boykott des Bades. Andere verbreiteten die widerlichsten Klischees über angeblich schmutzige Kleidung oder dreckiges Wasser. Man rieb sich verwundert die Augen.<BR /><BR />Bemerkenswert ist dabei weniger die Empörung als ihre Doppelbödigkeit. Gegen Frauensaunen, Damenfitness oder andere Angebote ausschließlich für Frauen erhebt kaum jemand Einspruch. Dort gilt der geschützte Raum als Ausdruck von Freiheit und Selbstbestimmung. Findet dieselbe Trennung jedoch für muslimische Frauen statt – wohlgemerkt außerhalb der Öffnungszeiten und ohne dass jemandem auch nur eine Minute Badezeit verloren geht –, wird sie zum Angriff auf unsere Kultur erklärt.<BR /><BR />Noch scheinheiliger wirkt das Argument der fehlenden Integration. Wer ernsthaft möchte, dass Frauen mit muslimischem Hintergrund am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, sollte jedes Angebot begrüßen, das ihnen genau dies ermöglicht. Die Alternative heißt nämlich nicht automatisch gemeinsames Schwimmen, sondern oft gar nicht schwimmen. Integration gelingt nicht dadurch, dass man (Lido-)Türen zuschlägt, sondern indem man sie öffnet.<BR /><BR />Das eigentliche Problem liegt ohnehin woanders. Seit Jahren wird aus jedem Vorfall mit Ausländerbezug ein politischer Dauerbrenner gemacht. Kaum vergeht ein Tag, an dem in den (sozialen) Medien nicht neue alte Feindbilder aufgebaut werden. Aus Straftätern werden „die Ausländer“, aus komplexen Problemen einfache Parolen. Währenddessen bleiben die wirklich drängenden Fragen des Landes erstaunlich unbeachtet: explodierende Wohnungspreise, Abwanderung junger Menschen, sinkende Kaufkraft oder der Fachkräftemangel – ausgerechnet jener Mangel, den viele Zuwanderer abfedern.<BR /><BR />Natürlich darf man über Migration streiten. Man muss Kriminalität benennen und Fehlentwicklungen offen ansprechen. Aber wer jedes Mal reflexartig den immer gleichen Sündenbock präsentiert, betreibt keine Problemlösung, sondern Stimmungsmache.<BR /><BR />Und so bleibt von der ganzen Aufregung am Ende vor allem eines übrig: die Erkenntnis, dass manche weniger Angst vor einer Stunde Frauenschwimmen haben als vor dem, wofür diese Stunde steht. Dabei ist das Wasser im Salurner Freibad nach sechzig Minuten noch immer dasselbe, gleich rein und klar wie zuvor. Getrübt wurde in diesen Tagen nur eines: die Debattenkultur.