Freitag, 27. März 2020

8 Tage auf Intensivstation – 34-jähriger Corona-Patient erzählt

Einer der jüngsten Covid-Intensivpatienten (34) konnte kürlich nach 8 Tagen in Lebensgefahr auf die normale Covid-Station im Meraner Krankenhaus verlegt werden.

In dieser Covid-Normalstation im Meraner Spital wird der 34-jährige Mann, der extubiert und von der Intensivstation entlassen werden konnte, betreut und behandelt.
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In dieser Covid-Normalstation im Meraner Spital wird der 34-jährige Mann, der extubiert und von der Intensivstation entlassen werden konnte, betreut und behandelt.
Tommaso (Name von der Red. geändert), 34 Jahre alt und Forscher an der Uni, hat es geschafft.

Nach 8 Tagen im Kampf um sein Leben konnte er auf die normale Covid-Station des Meraner Krankenhauses verlegt werden. „Es ist so ein wunderbares Gefühl, atmen zu können“, sagt er im Gespräch mit dem Tagblatt „Dolomiten“.

„Dolomiten“: Herr Tommaso, wie geht es Ihnen?
Tommaso: Ich bin dabei, wieder zu Kräften zu kommen.

„D“: Wann haben Sie gemerkt, dass mit Ihrem Körper etwas nicht stimmt?
Tommaso: Das war am 1. März. Da bin ich mit 39 Grad Fieber aufgewacht. Wobei ich sagen muss, dass ich schon im Jänner und Februar mit einem hartnäckigen Husten zu kämpfen hatte.

„D“: Waren Sie da schon besorgt, dass es eine Corona-Infektion sein könnte?
Tommaso: Ja, ein bisschen bange war mir schon, weil ich eine Woche vorher noch auf dem Karneval in Venedig war. Und bis zum 1. März erreichten uns dann auch die Nachrichten, dass wegen der Epidemie der Karneval gestoppt wurde.

„D“: Was haben Sie getan?
Tommaso: Weil Sonntag war, habe ich den ärztlichen Bereitschaftsdienst angerufen, weil ich vermeiden wollte, ins Spital zu gehen. Die Ärzte des Bereitschaftsdienstes haben mich untersucht, eine Grippe festgestellt und mir ein Antibiotikum verschrieben. Am nächsten Tag hat mich noch die Hausärztin untersucht, und sie kam zur selben Diagnose. Als es bis zum 5. März immer noch nicht besser ging, hat mir die Ärztin eine dringende pneumologische Visite verschrieben, und im Bozner Spital wurde eine beginnende bakterielle Lungenentzündung festgestellt. Und ich bekam ein neues Antibiotikum.

„D“: Aber es wirkte nicht, oder?
Tommaso: Nein. Am 6. März kontaktierte die Hausärztin über die Notrufnummer 112 einen Infektiologen. Aber weil ich nicht aus einer Risikozone kam, flog ich unter dem Radar. Abends bin ich dann – geschützt mit einer chirurgischen Maske meiner Hausärztin – erneut in die Notaufnahme, wurde durchgeschleust in die Radiologie und in die Pneumologie. Meine Lungenentzündung hatte sich weiter verschlechtert. Man änderte erneut das Antibiotikum. Als ich in der Nacht nach Hause bin, wurden vor dem Spital gerade die Pre-Triage-Zelte aufgebaut. Wieder zu Hause, ging das Fieber trotz Tachipirina nicht mehr zurück. Ich hatte 39,5 Fieber. Als ich am Samstag, 7. März, wieder ins Spital bin, wurde ich bereits im Zelt untersucht, und dann wurde dort der Abstrich gemacht. Der war positiv, und ich wurde auf die Infektionsabteilung gebracht.

„D“: Wann haben Sie gemerkt, dass sich Ihr gesundheitlicher Zustand zuspitzte?
Tommaso: Daran kann ich mich nur verschwommen erinnern.

„D“: Ihre letzte Erinnerung, bevor Sie intubiert wurden?
Tommaso: Dass ich noch WhatsApp-Nachrichten an meinen Bruder und meine Schwester geschrieben habe. Aber ganz klardenkend war ich da schon nicht mehr. Ob wegen eines Fieber-Deliriums oder wegen der Medikamente, weiß ich nicht. Ich weiß nichts vom Transport auf die Intensivstation nach Meran. Ich erinnere mich an nichts in diesen 8 Tagen. Nur dass ich unglaublich klare Wahnfantasien oder Albträume hatte.

„D“: Welche?
Tommaso: Dass alle meine Geschwister gestorben sind. Deshalb fühlte ich eine immense Freude, als ich – nach meiner Extubierung – meine Schwester am Telefon hörte und sie mir versicherte, dass das alles nicht stimmte. Meine Schwester hatte während meiner Zeit auf der Intensivstation Kontakt zum Spital und zu meiner Familie gehalten. Sie ist es auch jetzt, die das Danach organisiert.

„D“: Sie sind 34. Haben Sie an Vorerkrankungen gelitten?
Tommaso: Ich fange schnell Halsweh oder Husten ein und leide an Reflux. Aber das sind nicht wirklich Vorerkrankungen.

„D“: Das schönste Gefühl, der schönste Moment nach dem Aufwachen?
Tommaso:
Wieder atmen zu können, aber ich muss mich erst darin üben und Atemübungen mit einem Rohr und kleinen Bällen machen. Aber es geht Tag für Tag aufwärts. Und ich freue mich, meine Familie zu hören, auch wenn ich mein Handy irgendwo zwischen Bozen und Meran verloren habe.

„D“: Sie sind jetzt außer Lebensgefahr...
Tommaso: Und ich schätze mich sehr glücklich. Zudem habe ich hier auf der Covid-Station mit Ärzten und Pflegern eine zweite Familie, denn meine ist ja weit weg. Diese zweite Familie tut mir sehr gut.

„D“: Sie sind ein sehr junger Corona-Patient: Ihr Appell?
Tommaso: Bitte bleibt daheim, das Virus kann jeden treffen. Und an die, die erkrankt sind: Haltet durch, verliert nicht den Mut, ihr schafft es.

Interview: Luise Malfertheiner



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d/lu

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