Sie schlich in Angst vor den Faschisten in die Katakombenschule, trotzte als Volksschülerin den Bomben, später wurde sie selbst Lehrerin. Mit 84 Jahren müsse sie wieder „schwere Zeiten erleben“, schreibt Hedwig Pichler aus Gries/Bozen. Und sie erklärt in eindringlichen Worten, warum sie ihren bevorstehenden 85. Geburtstag nicht in Freude feiern wird. <BR /><BR /><BR /><i>Von Hedwig Pichler</i><BR /><BR />Ich bin 1936 in eine Katakombenschule in Gries/ Bozen hineingeboren. Unsere Nachbarin Frau Haberzettel schlich sich in unseren Stadel in der Penegalstraße, um meine Geschwister in der deutschen Sprache und Kultur zu unterrichten. <BR />Faschistische Spitzel verfolgten die Kinder, um die Katakombenschulen in Stuben und Ställen aufzuspüren. Die Lehrerinnen riskierten ihr Leben, um die Bildung weiterzugeben: Ich erinnere mich an Frau Lehrerin Nicoletti aus dem Unterland, die aufgegriffen und auf eine einsame Insel verbannt wurde, wo sie schwer erkrankte.<BR /><BR />Unser Bildungsdrang war unaufhaltsam. Von 1942 bis 1945 ging ich mit den Nachbarskinder in die Volksschule in Gries: Wir trotzten den Bomben der Alliierten und den Flaksplittern, die von der Stellung ober Glaning abgefeuert wurden und über Gries hinunterregneten. Wir verkrochen uns in notdürftigen Bombenkellern, aber sobald die Sirene Entwarnung gab, liefen wir in die Klassenzimmer zurück.<BR /><BR /><embed id="dtext86-48296607_quote" /><BR /><BR /><BR />Und als der Krieg endlich zu Ende war, wurde trotz der großen Not die Aufschnaiter- Mittelschule eröffnet, die ich im Jahr darauf besuchen durfte: Damals hat man verstanden, dass der Wiederaufbau durch die Schule geht!<BR /><BR />Mit 84 Jahren muss ich wieder eine schwere Zeit erleben. Die Straßen sind heute oft leerer als zu Kriegszeiten. Die Lebensumstände waren damals viel schwieriger, aber heute fehlt der unbändige Bildungswille, der uns damals beseelte. Heute werden die Schulen verriegelt und die Schüler weggesperrt. <BR /><BR />Manchmal kommt mir vor, sie sind wieder in Katakomben eingesperrt, aber nicht um mit anderen Kindern unsere Sprache und Kultur zu lernen, sondern um uns alte Menschen zu schützen. Meine Enkel müssen keine Bomben fürchten, aber sie sind allein und einsam.<BR /><BR />Heute habe ich den Eindruck, dass die Schule nur als Betreuungsstätte angesehen wird: Man hält höchstens die Grundstufen offen, die Oberschüler zählen gar nichts mehr, denn sie können auf sich selbst aufpassen. Aber so verlieren sie jene Sprache und Geschichte, die meine Kriegsgeneration unter schweren Opfern erhalten und weitergegeben hat.<BR /><BR /><b>„Schulen könnten öffnen“</b><BR /><BR />Bildung ist Unterricht, Austausch, Begegnung. Ich kenne mich nicht mit den neuen Medien aus, aber ich sehe die Jugendlichen, wie sie freudlos werden, wie ihnen die Luft zum Atmen fehlt, wie sie die Bewegungslust verlieren. <BR /><BR />Die Schulen könnten alle öffnen, wenn die Selbsttests auch an Mittel- und Oberschulen eingeführt würden. Es war immer genug Geld da, um die Touristen in unzähligen zusätzlichen Bussen herumzuführen. Heute fahren diese Busse trostlos und leer umher. Ich möchte lebhafte Schüler darin sehen, die endlich wieder lernen dürfen!<BR /><BR />Ich werde heuer 85 Jahre alt, aber ich kann mich nicht über meinen runden Geburtstag freuen, wenn der Jugend dafür die Freude an der Bildung und am Leben genommen wird.“<BR /><BR />