Um es mit dem großen Robert Louis Stevenson zu sagen: Nichts geht über ein wohlbedachtes Maß an Leichtsinn. Adi, der den Zeitungskiosk vor dem Meraner Bahnhof betreibt, kennt den Namen des schottischen Schriftstellers zwar nicht, dessen Credo lebt er jedoch. <BR /><BR />Adi und seine leider verstorbene Mutter Evi sind bzw. waren die Hefe im Menschenteig am Kiosk mit Ausschanklizenz: Taxifahrer und Buschauffeure außer Dienst, Rentner, Arbeiter und Arbeitslose, Tagträumer und Tunichtgute, alles Männer, die aus ihren kalten, einsamen Wohnungen flohen und sich am Kiosk zusammendrängen, um sich hier gegenseitig zu wärmen. <BR /><BR />Ab 10 Uhr vormittags lehnen sie mit einem Glas Bier oder Wein in der Hand an den zu Stehtischen umfunktionierten Barriquefässern neben dem Häuschen, sie sitzen auch auf Bierbänken weiter hinten beim Kartenspiel. Kaffee trinken die Männer auch, allerdings seltener. An Leichtsinn fehlt es der Stammkundschaft nicht, Adi sorgt jedoch dafür, dass alles im gesitteten Rahmen bleibt. <h3> Zwischendurch ein deftiger Spruch</h3>Im Winter oder wenn es nass ist, versammeln sich die Männer drinnen im winzigen Kiosk, an Regale oder die Kühlvitrine gedrückt, zum Sitzen ist ja kein Platz. Unterdessen bedient Adi die Kunden, hält dabei aber stets ein Ohr offen für das Fachsimpeln hinter seinem Rücken, ab und zu, während der Kunde die Zeitung oder das Wechselgeld einpackt, steuert er seine Meinung bei. Zwischendurch ein deftiger Spruch, ein Schlückchen in Ehren, eine Grimasse, untermalt von Betrachtungen zur Weltlage, so plätschert der Tag im Kiosk dahin. <BR /><BR />Die Stammgäste, Ehrensache, bedienen sich auch selbst. Wie dabei das Finanzielle geregelt wird, entzieht sich meiner Kenntnis, vermutlich lässt Adi anschreiben, er ist ein feiner Kerl. Ein paar Altgediente, etwa ein Italiener, der durch seine sorgfältige Kleidung auffällt, kümmern sich auch um die Kunden, kassieren und legen das Geld in die Kasse, wenn Adi gerade keine Zeit hat. Weil das Zeitungsgeschäft immer schwieriger wurde – Adi ist ein Naturtalent in Sachen Kommunikation – knüpfte er nach und nach ein Netz von Zulieferern unter den Bauern der umliegenden Dörfer, die, nachdem sie die Waren abgeliefert haben, von Adi auf ein Glas eingeladen werden. Das zweite bezahlen sie selbst.<BR /><BR /> Angefangen hat hier jedoch alles mit Evi, deshalb muss jetzt von ihr die Rede sein. „Ich bin eine Kiosk-Hexe – etwas anderes kommt nicht in Frage“, erklärte Evi und verkaufte neben den Zeitungen alles, was ihr die Bauern brachten: im Frühling Erdbeeren, Kirschen und Spargel, später Pfirsiche und Marillen, im Herbst Trauben und Kastanien, über die Wintermonate Honig, Wurst und Speck.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="816620_image" /></div> <BR /> Bei Evi holte ich außer Zeitungen oft Spargel oder Kastanien. „Schau her, ich mache gut Maß“, erklärte sie, als ich zum Beispiel 5 Kilo Kastanien kaufte. Indem sie eine Handvoll Früchte und dann noch eine ergriff, um sie auf den braunen Berg auf der Waage hinabregnen zu lassen, ließ Evi den Zeiger Richtung 6 Kilo hochklettern. Sie hatte das Herz am rechten Fleck, Adi ist ganz nach der Mutter geraten. Wenn ich es manchmal nicht schaffte, die „FAZ“ oder die „Süddeutsche“ zu kaufen, legte mir Evi das Blatt auf die Seite, sodass ich es dann am nächsten Tag bei ihr holen konnte. <BR /><BR />Evi war eine warmherzige Frau, eine von jenen, die ihr Herz auf der Zunge tragen, die beim Reden gestikulieren und dir die Hand auf den Arm legen. Sie erzählte von den Schnecken in ihrem Salatbeet, von der alten Nachbarin, der sie beim Ausfüllen von Formularen half. Und, wenn er nicht da war, von Adi, der eigentlich Ökonomie studiert hatte, sich aber anschickte, in ihre Fußstapfen zu treten, was Evi befürwortete. <BR /><BR />„Was hilft einem viel Geld, wenn man nicht glücklich ist?“, war ihre Devise. Evis Welt war der Zeitungskiosk. Als sie einige Wochen lang nicht im Kiosk war, machte ich mir keine Gedanken, vielleicht war sie im Urlaub. War sie aber nicht, Evi war im Krankenhaus – Unterleibskrebs. „So groß war es, was sie herausgeschnitten haben“, sagte sie dann, und formte mit den Händen ein rundes Ding, faustgroß. <h3> Ein trauriger Anblick</h3>Wieder auf ihrem Posten, sah Evi müde und alt aus, mit tiefen Ringen unter den Augen, an den Oberarmen hing die Haut schlaff herab, die Kioskhexe hatte 20 Kilo abgenommen. Evi war tapfer und kämpfte. „Die Leute brauchen mich“, erklärte sie. Die schweren Pakete und Kisten schleppten dann Adi und die Stammkunden, „meine Buben“ nannte sie Evi. Die Ärzte konnten nicht mehr helfen, vor zwei Jahren ist Evi gestorben, sie wurde 64 Jahre alt. <BR /><BR />Nun macht Adi weiter. Was soll ich sagen, Zeitungskioske sind heute ein trauriger Anblick, die Zeitungsständer schon am frühen Morgen wie von einem Wirbelsturm leergefegt. Dank Adis Menschenfreundlichkeit bleibt der Kiosk ein sehr spezielles Sozialzentrum. Jeden Tag um 6 Uhr früh schneidet Adi Pakete auf und verteilt die Blätter auf die Zeitungsständer. Obwohl die Pakete am Morgen immer kleiner werden, muss Adi abends immer mehr unverkaufte Zeitungen zusammenschnüren und zurückschicken. <BR /><BR />Die Stammkunden bleiben ihm treu. Wie seine Mutter verkauft Adi Bauernprodukte, und da ist noch die Bar. „Es läuft recht gut“, erklärt er. Andererseits: Einige Wochen lang blieb der Kiosk in diesem Sommer geschlossen. Die Stammkunden, die einsamen Wölfe, sah man tagelang um die heruntergelassenen Rollos herumstreifen, mit hängenden Schultern hockten sie auf den Bierbänken, die Adi nicht weggeräumt hatte. Die Stammkunden erinnerten an trauernde Hunde, die wie festgenagelt an der Stelle verharren, wo sie gewöhnlich ihr Herrchen trafen. Ich selbst musste in diesen Wochen, um Zeitungen zu kaufen, extra in die Stadt hineinfahren - was etwas wert ist, merkt man oft erst durch seine Abwesenheit. <h3> Er probiert was aus</h3>Zum Glück ist Adi wieder da. Wie eh und je schwirren die Streuner und Einsamen um den Laden herum wie die Wespen im Sommer, wenn sie ein Glas mit Saft entdeckt haben. Doch seit einiger Zeit öffnet Adi den Kiosk nur mehr vormittags. <BR />Ich glaube, er probiert etwas anderes aus, er hat ja die einen Abschluss in Wirtschaftswissenschaften. „Am Schreibtisch hocken, immer bei Kunstlicht, das ist einfach nichts für mich“, erklärt er jedoch. Adi hat das warmherzige Lächeln seiner Mutter, wie Evi legt er zum Gewicht, für das man bezahlt, immer noch etwas dazu.<BR /><BR />Adi zu fragen, warum er nur mehr vormittags geöffnet hat, vermeide ich, ein Abwehrmechanismus. Wie die anderen Stammkunden hoffe ich, dass mich der Kiosk überlebt. <BR /><BR />