Donnerstag, 07. März 2019

Adoption: „Aufeinandertreffen von 2 Geschichten“

Der Kinderwunsch ist oft ein Traum, der nicht für alle in Erfüllung geht. Um die Freuden des Eltern-Seins trotzdem erleben zu dürfen, wählen viele Paare eine Adoption. Keine Entscheidung, die leichtfertig getroffen werden sollte, erklärt Christine Egger von der Dienststelle Adoption Südtirol.

Für viele Paare erfüllt sich ihr Kinderwunsch über eine Adoption. - Foto: shutterstock
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Für viele Paare erfüllt sich ihr Kinderwunsch über eine Adoption. - Foto: shutterstock

Vielleicht hat man zu lange gewartet und ist nun körperlich nicht mehr in der Lage, ein Kind zu zeugen. Vielleicht war es aus biologischen Gründen noch nie möglich. Oder vielleicht will man einem Kind die Chance geben, in einer Familie aufzuwachsen anstatt in einem Waisenhaus. Die Gründe für eine Adoption sind so vielseitig wie die Paare, die ein Kind suchen – und die Kinder, die auf Eltern warten.

Um Paare in Südtirol, die über eine Adoption nachdenken, grundlegend aufzuklären und sie bei der Entscheidungsfindung bestmöglich zu unterstützen, bietet die Dienststelle Adoption seit Jahren einen Kurs an, bei dem Interessierte das Für und Wider abwägen können. Derzeit laufen erneut die Anmeldungen.

STOL: Frau Egger, warum ist ein Kurs für mögliche künftige Adoptiveltern so wichtig?

Christine Egger, Sozialassistentin der Dienststelle Adoption Südtirol: Bei einer Adoption treffen zwei völlig voneinander getrennte Lebensgeschichten aufeinander: Einerseits jene der Eltern, die vielleicht schmerzvoll ist, da der Wunsch nach eigenen Kindern unerfüllt blieb. Andererseits jene des Kindes, das vielleicht von den eigenen Eltern verlassen wurde oder andere traurige Erlebnisse hinter sich hat. Man muss sich vor allem als Eltern darauf vorbereiten, denn eine Adoption ist sicher nicht vergleichbar mit dem eigenen Nachwuchs.

STOL: Was sind die häufigsten Gründe für eine Adoption in Südtirol?

Egger: Meist sind es Paare, die selbst kinderlos sind und möglicherweise schon alles versucht haben, auch künstliche Befruchtung. Es kommt aber auch vor, dass Paare sich aus Solidarität und Überzeugung für eine Adoption entscheiden, um einem Kind ein Zuhause zu bieten. In Südtirol wurden in den vergangenen 5 Jahren durchschnittlich 10 bis 25 Kinder pro Jahr adoptiert.

STOL: Was sind die Voraussetzungen für eine Adoption?

Egger: Der Vorgang ist gesetzlich genau geregelt. So muss ein Paar mindestens 3 Jahre verheiratet sein oder vor der Ehe nachweislich 3 Jahre fest zusammengelebt haben. So oder so: die Ehe ist ein Muss. Auch der Altersunterschied zwischen dem Adoptivkind und seinen neuen Eltern ist genau festgelegt: Dieser muss mindestens 18 und maximal 45 Jahre betragen. 

STOL: Wie schwierig ist es, ein Kind zu adoptieren?

Egger: Wenn die Voraussetzungen gegeben sind, beauftragt das Jugendgericht die Dienststelle Adoption mit der psychosozialen Abklärung. Es finden Gespräche mit einem Psychologen und einem Sozialassistenten statt, welche ein Gutachten an das Jugendgericht verfassen. Laut Gesetz haben wir dafür 4 Monate Zeit. Im Falle der nationalen Adoption wählt das Jugendgericht das geeignetste Paar für das zur Adoption freigegebene Kind aus. Für die internationale Adoption entscheidet das Jugendgericht über die Eignung des Paares. Es kommt sehr selten vor, dass ein Paar überhaupt nicht geeignet ist. Wenn es zum Zeitpunkt der Abklärung noch Konflikte in der Beziehung gibt oder Probleme noch nicht vollständig aufbereitet wurden, laden wir das Paar ein daran zu arbeiten und anschließend mit der Adoption weiterzumachen. 

STOL: Und wie lange dauert es, bis der Vorgang abgeschlossen ist?

Egger: Es dauert ungefähr ein halbes Jahr bis man das Eignungsdekret des Jugendgerichts erhält. Bei der nationalen Adoption kann man nicht sagen, wie lange es dauert bis ein Kind zugeteilt wird und ob man überhaupt jemals eines bekommt, da nur wenig Kinder in Italien zur Adoption freigegeben werden. Bei internationalen Adoptionen kommt es auf das Herkunftsland des Kindes an, aber im Schnitt sind es etwa 3 Jahre.

STOL: Woher stammen die Kinder aus internationalen Adoptionen?

Egger: Das ist sehr unterschiedlich. Eine Zeit lang wurden viele Kinder aus Russland adoptiert, später auch Äthiopien. Derzeit kommen Kinder vor allem aus dem asiatischen Raum. Beliebt sind aber auch Kinder aus Südamerika, etwa Peru oder Kolumbien.

STOL: Wie alt sind die adoptierten Kinder?

Egger: Bei einer nationalen Adoption sind sie meist eher jung. Bei internationalen Adoptionen liegt der Durchschnitt bei etwa 5 bis 6 Jahren, manchmal sind die Kinder aber auch schon 8 oder 9 Jahre alt. Das Alter hängt immer auch vom Herkunftsland ab. Grundsätzlich gilt natürlich: Je kleiner, desto weniger Erinnerungen haben die Kinder an ein Leben davor, desto leichter finden sie sich in ihrer neuen Familie zurecht.

STOL: Was passiert, wenn das Kind später einmal seine leiblichen Eltern kennenlernen möchte?

Egger: Auch hier muss man wieder zwischen nationalen und internationalen Adoptionen unterscheiden. Eine Adoption innerhalb Italien ist grundsätzlich anonym, auch wenn das Kind mit 25 Jahren das Recht hat, seine Akten einzusehen. Oft liegen dem Jugendgericht allerdings von Anfang an schon wenig bis keine Informationen über die Eltern des Kindes vor. Bei internationalen Adoptionen werden schon von Beginn an mehr Informationen mitgegeben, die Suche fällt leichter.

STOL: Was genau wird den Paaren nun in dem Vorbereitungskurs mitgegeben?

Egger: Man setzt sich einerseits mit dem bürokratischen Weg auseinander, es geht aber auch darum, was Adoption aus der Sicht des Kindes bedeutet. Wir laden zu den Kursen immer Adoptiveltern sowie erwachsene Adoptierte ein, die über ihre Erfahrungen berichten. Das sind immer äußerst wertvolle Beiträge. Die meisten Berichte sind positiv, die Adoptiveltern erleben eine sehr bewusste Elternschaft, auch wenn sie nicht die biologischen Eltern sind. Eine Schwierigkeit ist sicher, dass die Verbindung zwischen den beiden Parteien erst aufgebaut werden muss. Adoptivkinder sind misstrauischer als leibliche Kinder, sie können sich oft nicht zu 100 Prozent auf die Eltern einlassen. Die Beziehung muss wachsen, das Kind muss erst lernen, was es bedeutet, Sohn oder Tochter zu sein.

STOL: Wie viele Paare entscheiden sich nach dem Kurs zur Adoption?

Egger: In der Regel nehmen sich viele Paare nach dem Kurs noch eine Bedenkzeit. Aber auch, wenn sich das Paar anschließend nicht für eine Adoption entscheidet, war der Kurs ein Erfolg: Wir wollen den Paaren helfen, die für sie richtige Entscheidung zu treffen, sowohl in die eine, als auch in die andere Richtung.

Interview: Elisabeth Turker

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Der Frühjahrskurs wird von der Dienststelle Adoption Südtirol des Sozialbetriebes Bozen in Zusammenarbeit mit der Landesabteilung für Soziales organisiert. Er findet am Samstag, 16. März, Samstag, 30. März, und Freitag, 5. April, im Bildungshaus Lichtenburg in Nals statt, jeweils von 9 bis 12.30 Uhr und von 13.30 bis 16.30 Uhr. Die Teilnahme ist kostenlos, es werden maximal zehn Paare berücksichtigt. Anmeldungen sind bis Freitag, 8. März, bei der Dienststelle Adoption Südtirol über das entsprechende Formular möglich.

Der Kurs wird auch in italienischer Sprache angeboten, und zwar ab Samstag, 30. März im „Haus der Familie“ in Oberbozen. Anmeldeschluss dafür ist der 22. März.

stol