Wo sonst Wanderer die Ruhe der Berge genießen, standen am Wochenende große Fragen der Landwirtschaft auf der Tagesordnung: Der jährliche Austausch der hohen Agrarpolitik Europas fand heuer in Südtirol statt. Bei einer gemeinsamen Wanderung auf die Schwemmalm im Ultental diskutierten Francesco Lollobrigida (Italien), Alois Rainer (Deutschland) sowie Norbert Totschnig (Österreich) über die Landwirtschaft von morgen.<BR />Im Mittelpunkt standen dabei nicht nur die Ziele der gemeinsamen Agrarpolitik für die Jahre 2028 bis 2034, sondern auch die wachsenden Herausforderungen, mit denen die bäuerlichen Betriebe in Südtirol und darüber hinaus zunehmend konfrontiert sind – von den Folgen des Klimawandels über den Bürokratieaufwand bis hin zum Umgang mit Großraubwild.<BR /> „Dabei war unisono spürbar: Europaweit braucht es Lösungen, die den Bauern eine Zukunftsperspektive geben und ein Zusammenleben von Mensch, Tier und Natur ermöglichen“, betont Landwirtschaftslandesrat Luis Walcher, der die Wanderung unter anderem gemeinsam mit Landeshauptmann Arno Kompatscher, Bauernbundobmann Daniel Gasser, Handelskammerpräsident Michl Ebner, Senator Meinhard Durnwalder, Landesrat Marco Galateo, und anderen begleitete.<h3> Drei Minister an einem Tisch</h3>Dass Minister aus drei verschiedenen Ländern an einem Tisch sitzen, sei nichts Alltägliches, unterstrich Kompatscher. Dabei sei deutlich geworden, wie wichtig Budgetsicherheit für die Landwirtschaft ist. Gerade für die Berglandwirtschaft brauche es aber auch zweckgebundene Mittel. <BR />„Mit den heutigen Anforderungen, den steigenden Kosten sowie den Standards bei Umweltschutz und Tierwohl ist Berglandwirtschaft ohne Unterstützung nicht mehr möglich“, gab er zu bedenken. Beim Umgang mit Großraubwild habe Minister Francesco Lollobrigida auf die neuen Kompetenzen durch die Autonomiereform verwiesen: Südtirol könne nun im Rahmen des EU-Rechts selbst Regelungen treffen, anstatt auf Entscheidungen aus Rom zu warten. Schreitet Südtirol voran und schafft ein entsprechendes Gesetz, könne die italienische Regierung diesem Weg folgen.<BR />Organisiert wurde das prominent besetzte Treffen im Rahmen der Europawanderung vom Südtiroler Bauernbund und dem EU-Parlamentarier Herbert Dorfmann. Als nächster Schritt soll im kommenden Frühjahr eine gemeinsame Großveranstaltung der Bergregionen stattfinden, um die Anliegen der Berglandwirtschaft stärker in Rom und vor allem auf europäischer Ebene in Brüssel einzubringen.<BR /><BR />Vier Fragen an Landesrat Luis Walcher<BR /><BR /><b>Mit welchen Herausforderungen sind Südtirols Landwirte heute besonders konfrontiert?</b><BR />Luis Walcher: Eine der größten Herausforderungen ist sicherlich die wachsende Bürokratie. Südtirol ist von vielen kleinen und steilen Höfen geprägt, die oft im Neben- oder Zuerwerb bewirtschaftet werden. Umso schwerer wiegt es, wenn der Verwaltungsaufwand und die Papierflut immer weiter zunehmen. Für manche Betriebe ist das letztlich leider sogar ein Grund, die Bewirtschaftung aufzugeben.<BR /><BR /><b>Weiteres Dauerthema ist das Großraubwild. Welche Rolle spielte der Wolf bei den Gesprächen?</b><BR />Walcher: Auch dieses Thema betrifft uns mehr denn je. Die Ausbreitung des Wolfs beschäftigt nämlich nicht mehr einzelne Bergregionen, denn Sichtungen gibt es mittlerweile auch in Gegenden bis vor die Tore Roms. Im Gespräch über die gemeinsame Agrarpolitik für 2028 bis 2034 wurde deshalb auch darüber diskutiert, wie ein ausgewogenes Wildtiermanagement aussehen kann.<BR /><BR />Veränderte klimatische Bedingungen treffen die Landwirtschaft schon heute, und das nicht nur in Südtirol, sondern weltweit. Die Betriebe sind immer häufiger mit Extremwetterereignissen wie Hagel, Dürre oder Starkregen konfrontiert. Deshalb müssen wir unsere Landwirtschaft widerstandsfähiger machen. Für Südtirol bedeutet das unter anderem, die Bewässerungsinfrastruktur auszubauen, etwa durch Speicherbecken.<BR /><BR /><b>Wie wichtig ist eine zukunftsfähige Landwirtschaft für den ländlichen Raum?</b><BR />Walcher: Eine Gesellschaft ist nur dann zukunftsfähig, wenn es auch künftig Bauern gibt. Verlassen sie ihre Höfe, verändert sich nicht nur die Kulturlandschaft, sondern oft folgt auch die Abwanderung junger Menschen. Deshalb müssen wir der Landflucht entschieden entgegenwirken. Ein Blick in manche Nachbarprovinzen zeigt, welche Folgen eine starke Abwanderung für ganze Regionen haben kann.