Donnerstag, 28. April 2022

Alkohol am Arbeitsplatz in Südtirol: „Trinker-Karrieren“ im Job

Am heutigen 28. April ist Welttag für Sicherheit und Gesundheit am Arbeitsplatz. Ein Problem, das es in Südtirol diesbezüglich gebe, sei Alkohol am Arbeitsplatz. „Das ist ein Sicherheitsrisiko“, sagt Walter Tomsu, Sanitätsdirektor des Vereins HANDS Onlus.

Alkohol ist für manche ein gelegentlicher Genuss, für andere wiederum: das pure Suchtmittel. - Foto: © HANDS Onlus

Der Kollege riecht nach Alkohol, jeder weiß, dass er trinkt. Die Tagesstätten-Mitarbeiterin ist beruflich und privat überfordert und hat Wein zu ihrem versteckten Begleiter gemacht.

„Alkohol am Arbeitsplatz ist nach wie vor ein Tabuthema“, erklärt Dr. Walter Tomsu, Sanitätsdirektor des Vereins HANDS Onlus. Alle seien gleichermaßen gefährdet, Mitarbeiter wie Vorgesetzte.

1500 Menschen mit Alkohol-, Medikamenten- und Glücksspielproblemen begleitet der Verein HANDS Onlus jährlich. Der Direktor des Vereins Bruno Marcato betont: „Es gibt Unterstützung bei Alkoholerkrankung.“ Er plädiert dafür, das Thema am Arbeitsplatz frühzeitig anzusprechen und sich beraten zu lassen.

Die Auswirkungen von Alkohol am Arbeitsplatz

„Alkohol am Arbeitsplatz ist ein Sicherheitsrisiko. Schon geringe Mengen führen zu sinkender Konzentration, zu abnehmender Leistungsfähigkeit und erschweren die Koordination“, so Tomsu, Sanitätsdirektor von HANDS Onlus.


Die Unfallgefahr steigt, nicht nur beim Bedienen von Fahrzeugen oder Maschinen. Die Qualität der Arbeit leidet. Immer mehr Unternehmen erkennen die Risiken, die mit Alkoholkonsum einhergehen.
Dr. Walter Tomsu, Sanitätsdirektor von HANDS Onlus



Viele Betriebe leisten Präventionsarbeit und suchen das Gespräch mit ihren Mitarbeitenden. „Patienten mit hochriskantem, missbräuchlichem Konsum oder Alkoholabhängigkeit erleben sich zunehmend belastet und schnell überfordert“, sagt der Sanitätsdirektor von HANDS. Manche brausen ohne ersichtlichen Grund auf und reagieren beleidigend, auch Kunden gegenüber. Das äußere Erscheinungsbild von Betroffenen ändere sich von ungepflegt bis extravagant. Die Beziehung zu Kollegen und Vorgesetzten verschlechtert sich durchwegs.

Da Menschen mit Alkoholproblemen die Unzufriedenheit auch mit nach Hause nehmen, verschlechtere sich meist auch die familiäre und partnerschaftliche Beziehung, erklärt Tomsu. Das werde wieder wie in einem Teufelskreis zurück in die Arbeit getragen.

„Vorgesetzte dürfen nicht wegschauen“

„Trinker-Karrieren“ im Job ziehen sich oft über Jahre hinweg, bis interveniert wird. Je höher die betriebliche Hierarchie-Ebene der Trinkenden, desto eher werde um den heißen Brei geredet, weiß Tomsu. Alkohol in der Arbeitszeit werde noch vielerorts toleriert.

Es brauche keinen Aperitif zum Geschäftsessen oder passend zu jedem Gang ein Glas Wein. Vorgesetzte dürfen nicht wegschauen und sollten das Gespräch mit den Mitarbeitenden suchen, sagt Tomsu. Respekt sei dabei sehr wichtig, denn Menschen mit problematischem Konsum schämen sich und versuchen, ihre Probleme zu verbergen.


Für zahlreiche Menschen ist der tägliche Griff zur Alkohol-Flasche ganz normal: Sie wissen nicht, dass sie schon längst einer Sucht zu Opfer gefallen sind und dringend Hilfe benötigen, um dem Teufelskreis erfolgreich und so schnell wie möglich zu entkommen. - Foto: © dpa-tmn / Tobias Kleinschmidt



In einem zweiten Schritt sollte der Betriebsarzt dazu geholt werden, weil auch gesundheitliche Probleme vorliegen können. So werde oft die Motivation erhöht, professionelle Hilfe zu akzeptieren. Auch wenn die meisten Betroffenen dem Rat der Arbeitgebenden anfangs meist ambivalent gegenüberstehen, sollten diese sie ermuntern, eine Beratungsstelle aufzusuchen, sagt Tomsu.

Fachlich fundierte Information sei ein wichtiger Motivationsschub: Den Menschen werde bewusst, dass sich das Konsumproblem nicht nur auf der Arbeitsebene und die Gesundheit negativ auswirkt, sondern auch für Partnerschaft und Familie zur Belastung wird.

Alkoholkonsum werde in Südtirol teilweise verharmlost

Alkohol ist in Südtirol nach wie vor eine sozial anerkannte Substanz und wird von der Bevölkerung toleriert. Die meisten Betroffenen kommen daher erst spät mit der suchtspezifischen Einrichtung HANDS in Kontakt. Ihr Durchschnittsalter liegt bei knapp 40 Jahren. „Die meisten Patienten kontaktieren uns erst, wenn das Fass bereits beim Überlaufen ist“, betont der Sanitätsdirektor von HANDS.

Aus diesem Grund sei es wichtig, dass der Erstkontakt mit HANDS unkompliziert und einladend ist, sagt Direktor Bruno Marcato. HANDS ist mit dem Sanitätsbetrieb konventioniert. Die Begleitung ist kostenlos (ticketfrei). In besonders delikaten Fällen ist auch eine anonyme Betreuung möglich, wenn es sich beispielsweise um Menschen handelt, die im öffentlichen Dienst beschäftigt sind.


Daten werden nach hohen Standards behandelt, Klienten brauchen keine undichten Stellen befürchten. Für einige Patienten ist es erleichternd, wenn sie verstehen, dass Alkoholabhängigkeit eine Erkrankung ist und dass es nicht darum gehe, 'Schuldige' zu suchen.
Bruno Marcato, Direktor von HANDS Onlus



So gestaltet sich die Unterstützung

Das Erstgespräch findet in der Regel innerhalb einer Woche nach der Kontaktaufnahme statt. Es wird von Psychologen oder Ärzten durchgeführt. Darauf folgt eine diagnostische Abklärung und ein multidisziplinäres Betreuungsprogramm. Die mitarbeitenden Ärzte, Psychotherapeuten und Sozialarbeiter machen ärztliche Diagnosen und verschreiben Therapien, bieten Gesprächstherapie an, begleiten persönlich und ganzheitlich, sind während des Entzugs für Betroffene da, bieten Tagesbeschäftigung, temporäre Unterkunft und Arbeitsinklusion an.

Die stärkste Altersgruppe der unterstützten Menschen bei HANDS ist zwischen 30 und 50 Jahre alt. Die Dauer einer durchschnittlichen Behandlung liegt in der Regel bei ein bis 2 Jahren, wobei die Behandlungsintensität schon nach wenigen Wochen abnimmt und für die Klienten kein Terminstress entsteht. Die Behandlung hängt auch vom generellen Gesundheitszustand, von einer gewissen psychischen Stabilität und/oder der sozialen Situation der betroffenen Person ab.

Zu den 1500 jährlich Betreuten von HANDS gehören auch 300 Menschen, die von der Führerscheinkommission zur vertieften Abklärung an HANDS überwiesen werden, erklärt Direktor Bruno Marcato. Die Führerscheinkommission verweist vor allem jene Klienten an HANDS, bei denen der Führerschein mehrfach entzogen wurde, wo pathologisches Konsumverhalten vorliegt oder eine sehr hohe Blutalkoholkonzentration festgestellt wurde, wenn ein Unfall verursacht wurde oder bei den Betroffenen geringe Einsicht herrscht.

Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO sind rund 9 Prozent der Gesamtausgaben für die Gesundheit in Europa auf den Missbrauch von alkoholischen Getränken zurückzuführen. Der Hauptsitz von HANDS befindet sich in der Duca d’Aosta-Allee 100 in Bozen und ist unter Tel. +39 0471 270 924 oder unter der Grünen Nummer 800720762 und per Mail an [email protected] zu erreichen.


2 Beispiele aus dem Arbeitsalltag von HANDS

Zum Beispiel Anna (Name und Arbeitsplatz verändert)

Die 36-jährige Anna ist Betreuerin einer Kindertagesstätte und durch Beruf und Familie mehrfach belastet. Sie hat 2 Kinder im Grundschulalter, die Probleme in der Ehe häufen sich. Dazu kommt die pflegebedürftige Mutter von Anna. In den vergangenen 5 Jahren hat die Frau im Wein “Entspannung“ gefunden, zuletzt bis zu einem Liter täglich konsumiert. Probleme am Arbeitsplatz mit Streit und Krankenständen nehmen zu, auch die Ehe scheint am Ende zu sein.

Auf Drängen des Partners und des Hausarztes nimmt Anna Kontakt zu HANDS auf. Nach einer kurzen ambulanten Vorbetreuung wird Annas Aufnahme in Bad Bachgart vorbereitet. Nach der Entlassung wird die Betreuung im Ambulatorium von HANDS fortgesetzt. Seit mehr als einem Jahr ist Anna nun vollständig abstinent und motiviert. Ihre Veränderungen haben Annas Lebenszufriedenheit in der Familie und am Arbeitsplatz enorm verbessert.


Zum Beispiel Stefan (Name und Arbeitsplatz verändert)

Stefan ist 45 Jahre alt und Bankangestellter. Er wechselt mehrfach Beruf, seine Ehe scheitert. Immer weiter rutscht in einen chronischen schädlichen Alkoholkonsum. Um “in Form“ zu bleiben, trinkt er um 10 Uhr vormittags den ersten Aperitif – obwohl er weiß, dass Alkohol am Arbeitsplatz verboten ist. Seine Motivation bei der Kundenbetreuung schwindet, die Belastbarkeit nimmt ab. Die Beziehung zur neuen Lebensgefährtin wird zunehmend angespannt. Vor dem Heimgehen trinkt Stefan täglich ein Feierabendbier. Nach dem Alkoholkonsum fährt er mit dem Auto nach Hause. Bei einer Führerscheinkontrolle wird eine hohe Blutalkoholkonzentration festgestellt. Der Hausarzt überweist Stefan nach einem Nervenzusammenbruch zu HANDS.

Nach anfänglichem Bagatellisieren seiner Alkoholabhängigkeit erkennt Stefan relativ bald, dass das morgendliche Zittern und die Übelkeit bis zum ersten Aperitif ernsthafte Alarmsignale darstellen. Er akzeptiert einen ambulanten Entzug, der nach einer Woche (bei täglichem Kontakt mit HANDS) abgeschlossen ist und setzt das Betreuungsprogramm seit nunmehr 5 Monaten regelmäßig mit Einzel- und Partnerschaftssitzungen fort. Beruflich geht es langsam wieder aufwärts. Stefan bekommt Elan, sucht den Kontakt jetzt aber vorwiegend zu jenen Mitarbeitenden, die Abstinenz am Arbeitsplatz für angemessen und normal halten.

stol

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