„Wir sind alle immer mehr Individualisten. Deshalb kann Einsamkeit jede Altersgruppe treffen“, sagt Dr. Christian Wenter. In Südtirol leben fast 40 Prozent der Bevölkerung allein – knapp jeder Zweite davon ist über 60 Jahre alt. „Häufig sind es ältere Frauen, die sich diese Situation nicht immer ausgesucht haben“, erklärt Dr. Wenter. <BR /><BR /><embed id="dtext86-68503231_quote" /><BR /><BR />In internationalen Studien gibt mehr als einer von 3 über 75-jährigen Personen an, an Einsamkeit zu leiden und die eigene Einsamkeit als unerträglich zu erleben, etwa nicht zu wissen, an wen sich in belastenden Situationen zu wenden. „Das ist dann ein Dauerstress. Es gibt viele Menschen im Land, die kaum mehr als einen Kontakt pro Woche zu einer anderen Person haben.“ <h3> Einsamkeit kann krank machen</h3>Einsamkeit hat auch erhebliche Auswirkungen auf die Gesundheit“, berichtet der Experte. Sie ist ein Risikofaktor für Alkoholabhängigkeit, Nikotinsucht, Übergewicht, Krebserkrankungen, Herzinfarkt, Schlaganfall, Alzheimer, Depression bis hin zum Suizid (siehe unteren Textabschnitt). <BR /><BR /><embed id="dtext86-68503235_quote" /><BR /><BR />„Die Einsamkeit im Alter hat hierzulande dramatisch zugenommen“, berichtet Dr. Wenter. Je älter man werde, desto größer sei die Wahrscheinlichkeit, Stressmomenten durch unangenehme Verlusterlebnisse ausgesetzt zu sein. „Das beginnt mit dem Eintritt in den Ruhestand, wo viele mit der beruflichen Rolle ihre Tagesstruktur und soziale Bindungen verlieren.“ <BR /><BR />Die Risiken steigen: krank zu werden, körperliche Einschränkungen hinzunehmen, Angehörige zu pflegen oder einen geliebten Menschen zu verlieren: „Das alles kann belastend sein“, weiß der Experte. Ältere Menschen fühlen sich zunehmend gesellschaftlich ausgegrenzt, können mit manchen Entwicklungen, wie der Digitalisierung, nicht mehr mithalten. „Gerade wenn man sich nicht in der digitalen Welt bewegt, kann man an bestimmten Dingen nicht teilhaben.“<h3> Angebot ist da, aber ausbaufähig</h3>„Für rüstige ältere Menschen gibt es im Land ein beeindruckendes Angebot, auch für Menschen, die Betreuung und Pflege brauchen, ist gut gesorgt“, sagt Dr. Wenter. „Wir müssen uns aber verstärkt und gezielt um diejenigen kümmern, die das Angebot nicht annehmen.“ <BR /><BR />Er verweist auf eine „Grauzone von Menschen“, die keinen Anschluss mehr haben, keine Kraft finden, in Ruhe gelassen werden wollen, sich abkapseln. „Da muss man sich überlegen, wie man sie gezielt anspricht.“ Dienste, Einrichtungen und Vereinigungen müssten proaktiver werden und Dinge ersetzen, die langsam wegbrechen – wie Kirchgänge, religiöse Veranstaltungen oder die Familie. <BR /><BR />„Diese sind kleiner strukturiert. Die Großfamilien von früher gibt es kaum noch“, weiß Guido Osthoff, Vertreter der Caritas im Netzwerk Suizidprävention. Ältere Menschen müssen sich wertvoll fühlen. „Es gibt verschiedene Initiativen, aber da ist noch Luft nach oben“, so Osthoff. In Deutschland und Österreich seien die Tagestreffpunkte für Senioren sehr beliebt, „das wäre auch bei uns ausbaufähig“. <h3> Suizid im Alter: Weit verbreitet</h3> Wenn ältere Menschen nicht mehr leben wollen: Rund ein Drittel aller Suizide in Südtirol werden von Senioren begangen. „Im Alter steigt die Suizidrate. Aber darüber wird wenig gesprochen“, sagen der Geriater Dr. Christian Wenter und Guido Osthoff, Vertreter der Caritas im Netzwerk Suizidprävention. Männer über 75 Jahren haben ein besonders hohes Risiko. „Suizidhandlungen im Alter sind oft weniger als Hilfeappell an andere zu verstehen, sondern häufiger als letzter Akt in einer hoffnungslos erscheinenden Lebenslage. <BR /><BR />Ein Weiterleben unter den gegebenen Umständen scheint nicht mehr sinnvoll.“ Die Ursachen sind vielfältig: soziale Isolation, Abhängigkeit, Depression. Letztere werde selbst von Fachleuten oft verkannt, so Dr. Wenter. „Denn die depressive Verstimmung ist häufig nicht das vordergründige Symptom, sondern eher körperliche Beschwerden, Vergesslichkeit, gestörter Schlaf.“ <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1127718_image" /></div> <h3> Wo man ein offenes Ohr findet:</h3>In Südtirol gibt's eine Reihe an Strukturen, die in Krisensituationen Hilfe anbieten:<BR /><BR /><Fett>Notrufnummer 112</Fett><BR /><BR /><Fett>Psychologisches Krisentelefon</Fett> (rund um die Uhr)<BR /> 800 101 800<BR /><BR /><Fett>Zentren psychischer Gesundheit (Bürozeiten)</Fett><BR />Bozen 0471/43 51 46 oder 0471/43 51 47<BR />Meran 0473/26 36 00 oder 0473/24 77 00<BR />Brixen 0472/81 29 60 oder 0472/81 29 66 <BR />Bruneck 0474/58 63 40 oder 0474/58 63 42<BR /><BR /><Fett>Telefonseelsorge Caritas</Fett> (rund um die Uhr) <BR />0471/05 20 52